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Frau? Quote? CDU-Mitglied? Schäuble-Tochter?

von Jens Peter Paul | 14. Januar 2016

Eine Passage in dem FR-Artikel von heute über die bevorstehende Intendantenwahl beim Hessischen Rundfunk:

„Journalisten des hr hatten befürchtet, dass Bouffier und seine Hilfstruppen erneut eine eindeutig ’schwarze‘ Lösung aus dem Hut zaubern würden – etwa Christine Strobl, die Chefin der in Frankfurt ansässigen ARD-Produktionsfirma Degeto. Sie ist die Tochter von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Ehefrau des stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Thomas Strobl.“

Wenn das zutrifft, was Pitt von Bebenburg hier schreibt, woran zu zweifeln ich kein Recht habe, dann greife ich mir ein weiteres Mal an den Kopf. Diese Frau wäre keine „schwarze“, schon gar keine „erneut eindeutig schwarze Lösung“, sondern möglicherweise eine ganz hervorragende. Sie allen Ernstes in Sippenhaft zu nehmen für Vater und Ehemann, kann ja wohl nicht wahr sein.

Sie ist CDU-Mitglied. Na und? Lässt das auch nur den geringsten Schluß zu auf ihr Verhalten im Job? Ich schließe daraus zunächst nur eines: Das ist ein politisch interessierter Mensch, dem es nicht egal ist, wohin diese Gesellschaft steuert.

Der Hessische Rundfunk leidet nicht an zu viel schwarzer oder roter Berichterstattung, der leidet seit mindestens zehn Jahren zusehends an einem Mangel an politischem Denken, an einem Mangel an politischer Berichterstattung, an einer un- bis antipolitischen Haltung seines amtierenden Intendanten, die nach 2003 sachte, aber unerbittlich ins Programm durchgesickert ist.

Aber genau das ist tödlich für die gesellschaftliche Relevanz eines gebührenfinanzierten Senders und nicht, ob der Intendant einer Partei angehört. Das war einmal. Der hr-Rundfunkrat ist staatsnäher als je zuvor mit der Folge, daß zumindest das TV-Programm nach meinem Eindruck – Widerrede und Gegenbeweise ausdrücklich erwünscht – politikferner denn je geworden ist. Was im Hörfunk gerade abgeht, ist ein Thema für sich.

Wie soll man sich mit einem Senderchef über politische Berichterstattung streiten, der Politik grundsätzlich für eklig hält und deshalb seine Zuschauer und -hörer am liebsten von Politik, vom Streit um den richtigen Weg und die richtige Lösung verschonen will?

Die hessische CDU will keinen roten hr, die will auch keinen schwarzen hr, die will einen Eunuchen-Sender, der sie beim Regieren möglichst wenig behelligt und sich statt dessen lieber irgendeinem merkbefreiten Heimatkitsch widmet, der den Leuten die Birne verklebt.

Deshalb stand sie so auf Helmut Reitze und deshalb tut sie jetzt alles, dieses Recht auf Nicht-behelligt-werden noch möglichst lange fortzuschreiben.

Eine politisch denkende Frau wie Christine Strobl wäre eine Gefahr für sie, denn die könnte ganz schnell auf die Idee kommen, den Herren Bouffier und Al-Wazir etwas zu husten, zumal sie – natürlich – alles daransetzen würde, zu beweisen, daß sie auf freundlich gemeinte Hinweise aus der Staatskanzlei nicht wirklich verständnisvoll reagiert.

Deshalb ist schon die Prämisse falsch, die die FR hier aus dem hr zitiert.
Helmut Reitze war keine „schwarze Lösung“.

Nach seinem Amtsantritt wimmelte es im Programm nicht schlagartig vor lauter unionsfreundlichen Berichten und Kommentaren, wo vorher der SPD gelobhudelt worden wäre, daß sich die Stahlbalken des Rundbaus bogen.

Nein: Das Programm wurde Stück für Stück entpolitisiert – und irgendwann war der Punkt erreicht, daß die Wiesbadener TV-Kollegen Mühe hatten, selbst ganz grundlegende Landtagsdebatten und Regierungsbeschlüsse noch halbwegs angemessen im Programm unterzubringen.

Soll doch „Onkel Otto“ Alois Theisen anschließend in seinem hessenschau-Kommentar die Brillanz und Weitsicht von Volker Bouffier in den höchsten Tönen loben. So what?

Das halte ich locker aus, weil ich mit anderen Meinungen kein Problem habe, denn wenn er es übertreibt oder zu offensichtlich Unsinn erzählt, blamiert er sich selbst.

Die Zuschauer sind ja, entgegen eines weitverbreiteten Irrtums, nicht doof, schon gar nicht die hessischen. Und kein Chefredakteur kann es sich leisten, beim nächsten Anlaß nicht einen anderen Kommentator heranzulassen.

Was ich aber nicht aushalte: Kein politischer Bericht mehr und damit auch kein Kommentar. Mit einem meinungsfreien, unpolitischen Chefredakteur kann ich nichts anfangen, gar nichts.

Von mir aus kann der schon im Kindergarten in die Junge Union eingetreten sein. Na und? Wenigstens müssen wir dann nicht befürchten, daß er den Bundespräsidenten für den Chef der Bundeskanzlerin hält und Föderalismus für ein Starthilfeprogramm der KfW.

Deshalb hier noch einmal ganz langsam zum Mitschreiben:

Die Grenze verläuft längst nicht mehr zwischen Links und Rechts, Schwarz und Rot – was eigentlich niemand besser wissen sollte als die seit zwei Jahren schwarz-grün regierten Hessen – , sondern sie verläuft zwischen Politik und Politikverachtung, zwischen Parlament und Parlamentsverachtung, zwischen demokratischem Streit um die beste Lösung einerseits und antipolitischem Blabla und Heile-heile-Gänschen und Hessens grünste Frösche (auf besonderen Wunsch des Koalitionspartners – sorry, kleiner Scherz) andererseits.

Sie verläuft zwischen einer knackigen Podiumsdiskussion mit aufgebrachten Bürgern einerseits und den „100 besten Hessenwitzen“ andererseits.

Deshalb könnte dem hr in diesem Januar 2016 nichts besseres passieren als ein Rundfunkrat, der bei der Wahl des neuen Intendanten tatsächlich eine Wahl hat. Vielleicht zwischen Manfred Krupp, Jan Metzger und Christine Strobl.

Öffentliche Anhörung, open end, übertragen per Livestream. Allen drei richtig auf den Zahn fühlen. Sie grillen. Fragen nach ihrem Programm, nach ihrer politischen Meinung und Haltung, nach ihrem Sanierungskonzept, nach ihrer Standleitung zum Ministerpräsidenten oder ob er sich diese ab sofort sonstwohin stecken kann.

Dann geheime Wahl im Rundfunkrat.

Vier Wochen Vakanz sollten angesichts der Tragweite der Entscheidung – anders als von Reitze jetzt wieder und wieder als Argument für die große Eile angeführt – wirklich kein Problem sein.

Wenn Krupp aus der Konkurrenz als Gewinner hervorgeht: Wunderbar, kein Problem, schon gar nicht für mich persönlich. Dann hat er wenigstens öffentlich Farbe bekennen müssen, ob er für seine fünf Intendantenjahre einen Plan hat und falls ja, welchen.

Metzger: Sehr gut, denn der hat seinen Sender schon mehr als einmal vor der Bedeutungslosigkeit bewahrt, als kaum noch Hoffnung bestand.

Strobl: Vielleicht die beste Lösung, denn die hat die Degeto gerettet, die nun wirklich 2012 dank ihres Vorvorgängers Hans-Wolfgang Jurgan völlig im Arsch war. Und einen unabhängigeren Kopf als diese Frau wird man in der ganzen ARD nur mit Mühe finden. Die hat Angst vor nichts und niemandem – und ich glaube, genau davor haben bestimmte Männer Angst.

Frau? Quote? CDU-Mitglied? Schäuble-Tochter?

Jan Metzger: Mann? Sohn eines prominenten SPD-Bürgermeisters, Schwager einer Ypsilanti-Killerin, Angehöriger einer seit Uropas Zeiten politisch engagierten Familie, die schon den Nazis Contra gab und anschließend mithalf, die Trümmer wegzuräumen und eine neue Demokratie aufzubauen? Also SPD-nah? Hallo?

Leute: Diese Schubladen sind so etwas von daneben, das ist schon fast peinlich, wenn Journalisten nichts anderes einfällt. Kategorien anstelle von Kriterien.

Also wenn mir ausgerechnet RTL zeigen würde, wie Recherche geht, wie investigativer Journalismus direkt vor meiner eigenen Haustür – mir würde es stinken. Und zwar gewaltig.

Ich ahne nur: Zufall war das nicht.


 

FR: Eine Intendantenwahl ist kein Karneval

 

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