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Jan Metzger ist der Motor

von Jens Peter Paul | 10. Dezember 2015

Machtworte sind von ihm nicht überliefert. Was nicht heißt, daß es sie nicht gab. Sie wurden allerdings nicht als solche empfunden. Sieht er eine Chance, seine Leute selbst auf die Idee kommen zu lassen, der von ihm bevorzugte Weg sei der beste, ist ihm das wichtiger als ein Anspruch auf die Urheberschaft. Solange er sie im Stillen kennt, genügt ihm das, und es kommt vor, daß er nach einiger Zeit selbst nicht mehr weiß (oder wenigstens so tut), daß ein Vorschlag, ein Plan eigentlich von ihm stammt.

Daß Jan Metzger ein machtbewußter Mensch ist, würde er jedoch nicht bestreiten. Andernfalls wäre es ihm auch kaum gelungen, dorthin zu gelangen, wo er heute ist. Das geschah weitgehend auf Empfehlung unter fast völligem Verzicht auf Selbstdarstellung. Was speziell in der Medienbranche aber zum strukturellen Nachteil werden kann, sobald man auf Mitbewerber trifft, deren Stärke dank ihrer aktuellen Funktion naturgemäß exakt auf diesem Gebiet liegt.

Metzger kam von einem scheinbar unscheinbaren Posten beim Hessischen Rundfunk (wo er einem unwilligen, in viele Einzelinteressen zerfallenen Sendebetrieb in endloser Geduld das damals unerhörte Konzept „Videojournalismus“ beibrachte) in die Schlüsselrolle beim heute journal und von dort als Geheimtip, der sehr schnell den Rundfunkrat überzeugte (eine Enthaltung, null Gegenstimmen), auf den Chefsessel bei Radio Bremen.

Beim hr machte Metzger vor elf Jahren Crossmedia, als es das Wort hierzulande noch gar nicht gab. Daß er beim ZDF zuletzt Chef war von Claus Kleber, merkten selbst Branchenkenner erst, als er dort wegging. Ende 2007 war Kleber schon so gut wie weg. kulturzeit-Redaktionsleiter Armin Conrad bekam an jenem denkwürdigen Freitag Wind davon und alarmierte seine Vorgesetzten. Intendant Schächter und Chefredakteur Brender erarbeiteten innerhalb kürzester Zeit einen Plan, der den ZDF-Anchor, der gerade in Las Vegas drehte, vom Wechsel an die Spiegel-Spitze im letzten Moment abhielt. Als Kleber aus den USA zurückkehrte, war die Sache bereits weitgehend in trockenen Tüchern und der Spiegel düpiert. In der Folge wurde Metzger Klebers Chef, während sich Kleber über eine deutliche Einnahmeverbesserung freuen konnte.

Der Ruf nach Bremen ereilte Jan Metzger 2009 am Rande einer Sitzung in Mainz, an der auch der damalige ZDF-Intendant Markus Schächter teilnahm. Metzger bat seinen Chef um ein kurzes Gespräch unter vier Augen und beichtete. Schächter reagierte nicht beleidigt oder distanziert, sondern gab ihm aus dem Stegreif ein Kompaktseminar, worauf er bei den bevorstehenden Vertragsverhandlungen als Intendant in spe unbedingt achten müsse, wo die Fallstricke lägen, welche Schritte folgen müssten.

Schächter zweifelte offensichtlich keinen Moment, daß sein Leiter des heute journal dem künftigen Job gewachsen sein wird. Und Metzger war gerührt von Schächters Antwort. Befürchtet hatte er eine kühle Reaktion, bekommen eine liebenswürdige.

Metzgers Weg ist von Wohlwollen gepflastert.

Trotzdem: Machtmensch. Machtallüren? Es gelingt ihm, auf die längst allgemein als nervig und destruktiv empfundenen Begleiterscheinungen männlicher Machtausübung zu verzichten. Nicht, weil er sich das – aus Gründen des besseren Fortkommens etwa oder weil ihm seine Frau sonst zuhause in Darmstadt den Kopf waschen (naja) würde – vorgenommen hätte. Viel schlimmer: Der ist von Haus aus so. Er läßt sich gerne coachen. Für Beratungsresistenz hat er nur ein mitleidiges Lächeln übrig. Gewinnt er nicht auch, wenn er besser wird? Wo ist das Problem?

Versuche, sich durch Telefonate und Begegnungen mit ehemaligen und aktuellen KollegInnen und Weggefährten ein aktuelles Bild von diesem Typ zu machen, verlaufen eintönig. Man mag schon gar nicht mehr mitschreiben, weil man die Antworten schon bald kennt. Als ob man sie bestochen oder programmiert hätte, fallen Sätze wie „Absolutes Phänomen“, „der eleganteste und gleichzeitig zielstrebigste Führungsstil, dem ich jemals begegnet bin“, „erarbeitet Konzepte, die wirklich tragen und von allen mitgetragen werden, weil sich alle wiederfinden“, „Wie der die Menschen an einen Tisch bringt und einbindet, ist faszinierend“, „Jan Metzger ist der Motor – wäre er nicht gekommen, wäre hier gar nichts vorangegangen“.

Fünf Charakterisierungen von fünf verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Positionen. Und deren durchweg größte Sorge ist, jemand könnte auf die dämliche Idee kommen, man wolle ihn wegloben beziehungsweise der ARD-Konkurrenz durch unzutreffendes Lob ein Ei ins Nest legen. Nur deshalb die Bitte, die Quelle nicht zu nennen, höchstens ganz vorsichtig anzudeuten. Ins Gelingen verliebt – nein, dieses Klischeewort hat niemand genutzt, aber diesmal hätte es gepaßt.

Beruhigend, daß ihm jüngst wenigstens die Bremer Ausgabe der taz einige Unfreundlichkeiten zustellte für seine Bereitschaft, für das Intendantenamt in Köln zu kandidieren – allerdings eher, so der Tenor, aus verletztem Hanseatenstolz („Sprungbrett Bremen“), nicht, weil man ihm den Job nicht zutraute.

Jan Metzger ist der Motor. Das meint seine Arbeit als Intendant von Radio Bremen – speziell mit Blick auf die Förderung von Frauen. Als die Journalistinnen der Initiative pro quote vor ein paar Wochen Radio Bremen bescheinigten, in Sachen Frauenförderung und Gleichberechtigung das arme Schlußlicht aller ARD-Anstalten zu sein, schüttelte Intendant Metzger betrübt ob so viel Unwissens den Kopf. Richtig sauer wurde aber Brigitta Nickelsen, Direktorin für Unternehmensentwicklung und Betrieb und zentrale Figur des Verwaltungsapparats.

Auf drei Seiten listete Nickelsen daraufhin den sehr geehrten, aber ihrer Überzeugung nach völlig ahnungslosen Kolleginnen auf, welche Positionen bei Radio Bremen in den vergangenen 48 Monaten sehr bewußt und sehr gezielt mit Frauen besetzt worden seien – plus Teilzeitmodelle bis in die Leitungsebene hinein plus Gründung einer Arbeitsgemeinschaft „Frauen in Führung“ plus Einrichtung eines „Eltern-Kind-Zimmers“ plus Anschubfinanzierung für eine Radio Bremen-Kita plus Entsendung einer jungen Kollegin nach Washington plus Start eines Führungskräfte-Entwicklungsprogramms (geleitet von einer Frau).

Sollte im Funkhaus an der Weser eine Personengruppe Anlaß zu Pessimismus bezüglich künftiger Karrierechancen haben, sind es in der Tat inzwischen die Männer. Fünf Führungspositionen seien 2012 neu besetzt worden – vier davon mit Frauen, so der Protest an die Adresse von Anne Will, Basha Mika & Co. Projektgruppen, die ausschließlich aus Männern bestehen, würden nicht mehr genehmigt. Kurzum, so die Direktorin: Sie setze genau das Schritt für Schritt um, wofür Metzger sie ins Amt geholt habe. Man sei zwar noch nicht dort, wo man hinwolle, aber ganz sicher nicht „Schlußlicht“. Sie wünsche sich vor künftigen Veröffentlichungen von pro quote mit allem Nachdruck eine deutlich gründlichere Recherche als im vorliegenden Fall. Verdammt noch mal. Steht da nicht, meinte sie aber.

Eines allerdings läßt sich nicht wegdiskutieren: Jan Metzger selbst ist keine Frau. Diesen Umstand gedenkt er, wie aus seiner Umgebung zuverlässig verlautete, auch nicht zu ändern, schon gar nicht zwecks Verbesserung von Karrierechancen. Dazu ist er, so darf man aus seinen wenigen diesbezüglichen Äußerungen schließen, viel zu gerne Familienvater, stolz auf seine Frau und seine Kinder.

Sobald man aber die Überlegung akzeptiert, Frauenförderung, Gleichberechtigung, Teilhabe an Macht für Frauen sei nicht Selbstzweck, sondern diene auch, vielleicht sogar vor allem dem Ziel eines intelligenteren, einfühlsameren, nachhaltigeren Führungsstils unter Verzicht auf Geckogehabe, Umweltzerstörung und kurzfristiger Zahlenoptimierung zu Lasten der langfristigen Perspektive, löst sich das Handicap auf.

Einer, der einmal sein Chef war, berichtete, bei seinem Weggang hätten ihm „selbst jene nachgeweint, die er auch schon ziemlich hart angegangen hat“. Weil er die gleichen strengen Anforderungen auch an sich selbst gestellt habe. Seine Agenda sei keine verborgene gewesen, sondern eine klar kommunizierte. Everybodys Darling habe er nie sein wollen. Und daß er Radio Bremen in seiner bisherigen Amtszeit, in einer Lage, in der schon eine falsche Entscheidung alles zerstören könne, die Eigenständigkeit bewahrt und den Laden zusammengehalten habe, sei eine Leistung, die in Öffentlichkeit und Fachwelt viel zu wenig gewürdigt werde. Wer kritisiere, Metzger sei bislang nicht als Programmintendant in Erscheinung getreten, habe keine Ahnung.

Fehlentscheidungen, etwa beim Tochterunternehmen Bremedia, würden nicht bis zum bitteren Ende durchgezogen, sondern schlicht revidiert. Was jüngst sogar ver.di anerkannte: „Radio Bremen korrigiert seinen Outsourcing-Kurs“. Die Lage war bescheiden, es wurden die Optionen abgewogen und am Ende einvernehmlich entschieden.

Wie er mit dem Daueretikett „SPD-nah“ umgehen soll, das ihm seit Jugendzeiten anhängt – dafür allerdings hat Jan Metzger nicht wirklich ein Rezept. Es ist eines der wenigen Themen, die ihn ein wenig ratlos wirken lassen. Großvater und Vater waren in der Wolle gefärbte protestantisch-konservative Sozialdemokraten, viele Jahre Oberbürgermeister von Darmstadt, Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete, Mitgründer des Seeheimer Kreises, Europaabgeordnete mit einem sehr eigenen Wertesystem, von dem sie sich – jeder auf seine Art zu seiner Zeit – auch in feindseligsten Zeiten nicht abbringen ließen, nicht von den Nazis, nicht von der CDU, erst recht nicht von der eigenen SPD.

Gefordert war im altehrwürdigen sozialdemokratischen Adel von Darmstadt unbedingte Pflichterfüllung bei gelegentlicher Neigung zur Prinzipienreiterei. Durchweg harmonisch-leicht hatten es die sechs Kinder (vier eigene und zwei Pflegekinder – fünf Jungs und ein Mädchen) nach allem, was man weiß, nicht in ihrem Elternhaus. Ob Jan Christoph Metzger also aus quasi familiären Gründen nie ein Parteibuch erwarb, weil er nicht so strengherzig werden wollte, ist nicht überliefert.

Johannes Rau wäre dennoch begeistert von diesem Kerl, seinem Arbeitsethos, seinem christlichen Hintergrund, seinem Umgang mit Menschen. Rau würde sich in ihm hier und da wiedererkennen. Und sich auf seiner Wolke ein wenig wundern, wie seine Nachfahren das jetzt übersehen können. Wie war das noch: Das Wir gewinnt? Daß einer auch mit Christdemokraten kann, wäre ihm als Gegenargument sicherlich zu schwach gewesen.

Sollte Metzgers Lageanalyse ergeben, daß der WDR zur Zeit unter Wert gehandelt, vielleicht sogar intern unter Wert gefordert wird, wird er, so wurde von Beobachtern versichert, auch dafür eine Lösung finden. Ein Wegbegleiter, anders als er ein begnadeter Selbstdarsteller, meinte: „Jan Metzger hat auch Reserven im öffentlichen Auftreten. Wenn er das für sinnvoll und zielführend hält, stellt der sich in die erste Reihe und bringt diesen großen Sender auch in der öffentlichen Wahrnehmung wieder nach vorne.“

Haben wir es also mit einem Wunderknaben zu tun, der uns unheimlich sein sollte?

Nö. Jan Metzger liefert lediglich das in einer gewissen Perfektion, was jeder halbwegs intelligente Mensch tun sollte: Um so rationaler zu agieren, je irrationaler diese Welt wird, anstatt die Situation mit eigenen Irrationalitäten noch zu verschlimmern. Unsachliche, selbstverliebte Figuren gibt es genug, ihr Scheitern ist Legion, da, so scheint er sich zu denken, ist keine Marktlücke erkennbar.

Exklusiv ist natürlich auch nicht seine Methode, zunächst unüberwindbar erscheinende Probleme konsequent und zäh in so viele kleine Unterprobleme aufzuspalten, bis sie – jedes einzelne für sich – handhabbar werden. Anders als andere hat Metzger aber schon früh kapiert, daß damit die eigentliche Arbeit erst beginnt. Eine Arbeit, die zunächst wenig Glanz verstrahlt und deren Resultate sich erst irgendwann einstellen werden, was auch heißen kann: Den Ruhm werden andere ernten.

In der langen Ebene aber alle bei der Stange zu halten, immer wieder neu zu motivieren, wie er es in Hessen einübte, um ihre Jobs bangende Kameraleute, den naturgemäß mißtrauischen Personalrat, zunächst halbherzige Direktoren, jederzeit zum Absprung bereit, sollte sich die Möglichkeit eines Scheitern des Projektes auch nur andeuten, den ganzen manchmal grotesken öffentlich-rechtlichen Apparat mit seinen hervorragend ausgebildeten Beharrungsmomenten – das ist die eigentliche Kunst, und hier teilt sich im Management die Spreu vom Weizen, entscheidet sich über Monate und Jahre, ob der schöne Plan nur Plan bleibt. Die Urteile über Jan Metzger lassen keinen Zweifel, zu welcher Kategorie er zu zählen sei.

Den ganz besonderen Blick für andere Menschen, den hat der heute 57jährige, ob er es zugeben will oder nicht, vom Elternhaus mitbekommen. Wer Jan Metzger eine Viertelstunde lang zutextet, wird auch von ihm nicht durchgehend Signale maximalen Interesses und größter Neugier empfangen, jedenfalls nicht täglich. Aber wenn in diesem ganzen Vortrag auch nur ein einziger schlauer, origineller, weiterführender Gedanke steckte, kann man sicher sein, daß Metzger ihn sich merken und bei passender Gelegenheit darauf zurückkommen wird, und sei es ein Jahr später (was der Urheber natürlich ziemlich klasse findet, zumal er selbst es schon längst wieder vergessen hatte). Deshalb kommt auch aus von Metzger geleiteten Konferenzen häufiger als im öffentlich-rechtlichen Alltag üblich etwas Brauchbares heraus.

Klavierspieler haben eine eigene Hirnregion ausgebaut und verdrahtet für Klavierspiel, Schachspieler für Schachspiel, Angeber für Inszenierungschancen, Jan Metzger für Probleme-Lösungsideen-Memory. Man sagt ihm einen Röntgenblick für Talente nach. Er ist das Gegenteil eines Autisten, wie sie der Softwarekonzern SAP ab sofort auf der (verzweifelten?) Suche nach Inselbegabten zu Hunderten einstellen will.

Bei SAP hätte ein Jan Metzger unter diesen Voraussetzungen keine Chance.

(Erstveröffentlichung am 22. Mai 2013)

 

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