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Die derzeit beliebtesten TV-Floskeln

von Jens Peter Paul | 25. November 2015

– Zeichen setzen (besser: ganz klares Zeichen setzen. Eine Talkshow, in der nicht jeder Teilnehmer mindestens dreimal ein ganz klares Zeichen der Solidarität setzt, fordert oder wenigstens lobt, geht gar nicht und löst Pegida-Alarm aus)

– offenbar (speziell, wenn gar nichts offen liegt)

– offensichtlich (speziell, wenn weniger als nichts zu erkennen ist)

– wohl (Universalquelle für Geschwätz jeder Art. „Spiegel online“ meldet es und Sekunden später heißt es überall: Bombe war wohl in der Kabine, Bundesliga-Spieltag wohl fraglich, Leichenfund wohl kein Verbrechen, VW hat wohl noch mehr geschummelt. Wie verläßlich die Information ursprünglich war, weiß kein Mensch, interessiert auch nicht. Bitte beachten: Meldet es zusätzlich auch „Bild“, wechselt die Quelle von „wohl“ zu „offenbar“. Das ist der Moment, in dem sich eine vermeintliche News endgültig outet als kleiner Synapsen-Kitzler für zwischendurch ohne jeden Erkenntniswert)

– im Einsatz (eigentlich der Platz für Einmachgläser beim Einkochen – trotzdem angeblich bevorzugter Aufenthaltsort von Polizei, Feuerwehr, SEK usw. Tränengas, obwohl ja nun wirklich, einmal freigesetzt, schwer zu bändigen, wird ebenfalls nicht etwa verschossen, sondern eingesetzt – gleich neben die Schlagstöcke. Und es gilt sogar für Faßbomben: Herr Assad wirft sie keineswegs auf sein Volk und zündet sie auch nicht, sondern – setzt sie lediglich ein. Klingt ja auch neutraler, offizieller, weniger verstörend, fast, als hätte es, wie eben der Polizeieinsatz, schon irgendwie seine Richtigkeit)

– Das kann man nicht vergleichen! / Das ist gar kein Vergleich! (es folgt eine ausführliche Aufzählung von Unterschieden – allein möglich, weil jemand zuvor die beiden Gegenstände oder Vorgänge verglichen hatte. Das Ganze nennt sich dann: Vergleich)

– Sicherheitskräfte (erledigten dies und das, besonders gerne Streikende und Demonstranten. Wenn hinterher mehrere schwer verletzt oder tot herumliegen, z. B. in der Türkei, waren das zwar eher Unsicherheitskräfte, aber das sind semantische Kleinigkeiten, die außer den nächsten Angehörigen niemanden wirklich stören. Merke: Wer im Nahen Osten mit deutschen Waffen und Schützenpanzern ausgerüstet wurde, erwirbt das Prädikat „Sicherheitskraft“ gleich gratis mit dazu)

– bekanntlich (geniales Wörtchen für alle, die ihre Behauptungen vor jedem Validitätscheck bewahren wollen, indem sie sie am Plausibilitäts-Scanner ihrer Mitmenschen vorbeizuschmuggeln versuchen. „Bekanntlich ist Angst ein schlechter Ratgeber“ ist eine in diesen Tagen besonders gefragte Anwendung, was den Satz nicht zutreffend macht, wie ein Blick auf jeden x-beliebigen Friedhof beweist, auf dem die in eher jungen Jahren verstorbenen Ängstlichen bekanntlich klar unterrepräsentiert sind, während die angstfreien Gegen-den-Baum-Raser ganze Gräberreihen füllen. Allzu schlecht kann dieser Ratgeber also nicht sein. Auch der Umstand, daß sich Angst nicht willentlich abschalten lässt, weil die Evolution sie unserem Zugriff aus bekanntlich guten Gründen entzogen hat – selbst die Attentäter von Paris mussten sie, interpretiert man die entdeckten Spritzen richtig, mit Drogen betäuben – , deutet auf einen eher hohen Wert. Angst ist also nur dann ein schlechter Ratgeber, wenn man sein Leben kurz und übersichtlich halten will)

– XY sorgt für (Empörung / Aufsehen / Verunsicherung / Verwirrung / Streit / Chaos. Früher sorgte eine Schwester für die Patienten oder Eltern sorgten für ihre Kinder, aber das ist lange her. Die inflationäre Verwendung von „sorgt für“ – bis zu viermal pro 20-Uhr-„tagesschau“ + Wetterbericht, wenn Sturm „Heini“ für Windstärke 11 sorgt – ist schon deshalb seltsam, als kein Fall bekannt ist, in dem z. B. eine Windstärke oder gar eine Empörung fremde Hilfe verlangt hätte, kommt sie doch stets, vor allem, wenn sie – wie meist – schon groß ist, ganz gut alleine zurecht. Trotzdem steckt die Empörung ungefragt in Pflegestufe 9 von neuerdings fünf möglichen, weil es Ursache und Wirkung so schön verschwimmen lässt, was jeder gute Journalist ja bekanntlich anstrebt, sorgt es doch beim Zuschauer für gute Laune. Endgültig pervers wird es, wenn ein schweres Unglück für Tote und Verletzte sorgt, wo man doch das Rote Kreuz erwartet hätte)

– XY warnt vor übertriebener Panikmache (normale Panikmache ist aber erlaubt, ebenso übrigens wie als Gegenstück die nicht übertriebene Euphorie)

– Wie haben Sie …. ganz persönlich erlebt?
– Alternativ ab dem dritten herrenlosen Koffer/24h: Was haben Sie da gefühlt? Wie ging es Ihnen [leichtes Tremolo] dabei?
(Moderator: Jetzt bitte maximal betroffen und mitfühlend gucken, auch wenn beim Gesprächspartner keinerlei Verletzungen erkennbar sind, weil er die auch für ihn brutal gefährliche Phase bei einem zehn Kilometer entfernten Edel-Italiener überlebte oder, wie Katrin Müller-Hohenstein nach der Länderspiel-Absage laut Claus Kleber, in letzter Not „im ZDF-Studio Hannover Zuflucht fand“)

– Die Polizei sucht fieberhaft…
(ohne eine einzige Krankmeldung – das ist echtes Engagement)

– Hundertprozentige / Absolute Sicherheit gibt es nicht
(was jeder Viertklässler spätestens seit der Scheidung der Eltern weiß. Dennoch der Liebling aller Innenminister in diesen Tagen, weil sie immer wieder aufs Neue irrtümlich annehmen, der Nonsenssatz entlaste sie von der Forderung, sie hätten gefälligst ihren Job so gut wie möglich zu machen und – nur so als Beispiel – wenigstens 90 Prozent Sicherheit zu gewährleisten. Moderator: Bitte ungeachtet dieser taktlosen Hinweise verständnisvoll und beeindruckt gucken und ganz sachte sorgenvoll nicken, denn man will ja den Minister nicht verunsichern, etwa durch einen Hinweis, er beteuere etwas, das niemand, der halbwegs bei Trost ist, jemals gefordert habe. Folgende Gesprächseinleitung wäre ja nur in einem Paralleluniversum denkbar, also nicht bei ARD und ZDF: „Herr de Maizière, gleich vorab: Sollten Sie den Verstand unserer Zuschauer mit der Phrase ‚Hundertprozentige Sicherheit etc.‘ beleidigen, ist das Gespräch beendet. Danke für Ihr Verständnis.“)

– Die Menschen aus Syrien fliehen zu uns ja gerade vor genau diesem Terror (keine Behauptung wurde dankbarer als Wunderwaffe gegen unerwünschte Debattenbeiträge aufgegriffen als diese und fand innerhalb von Stunden größere Verbreitung – ein Phänomen, das abends auch als Leitsatz bei ARD und ZDF auftauchte, etwa, als einer der neuerdings wie Pilze aus dem Studio-Boden schießenden ‚Terror-Experten‘ ihn brav aufsagte und die Moderatorin ihn so erfrischend-wohltuend fand, daß sie ihn gleich wiederholte für den Fall, daß ein nicht wirklich Pegida-resistenter Zuschauer es immer noch nicht gerafft haben sollte. Natürlich traten vereinzelt auch mindestens latent rassistische Kritiker der Kanzlerin auf mit dem empörenden Argument, solange unverändert niemand die Einreisenden frage nach Namen, Herkunft und Motiv und niemand wisse, wohin sie weiterreisten, sei es nicht mehr als eine optimistische Vermutung, sie stammten allesamt aus Syrien und flüchteten allesamt vor dem sogenannten IS und würden ab sofort allesamt in ihrer neuen Heimat für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte eintreten. Aber diese unzulässige Vermischung von Terror und Flüchtlingskrise konnte mit vereinten rhetorischen Kräften zurückgeschlagen werden, wobei prominente Abstürze – Söder: Ab jetzt alles anders / Gabriel: Ab jetzt gar nix anders – gerne in Kauf genommen wurden. Merke: Wenn die Machtergreifung durch AfD, NPD und Co. unmittelbar bevorsteht, ist für einen auch nur halbwegs rationalen Umgang mit Argumenten kein Platz mehr. Folge: Auch der debile Satz „Nicht jeder Flüchtling ist ein Terrorist“ darf als bahnbrechende Erkenntnis gefeiert werden, die jede Überprüfung des deutschen Sonderwegs endgültig erübrigt. Kurzum: Wahrscheinlich trifft der Satz auf einen großen Teil der in Deutschland eintreffenden Menschen zu, aber wie groß er tatsächlich ist und was die übrigen bewegt, weiß kein Mensch – und das ist auch gewollt so nach Aussetzung verschiedener nationaler und internationaler Gesetze und Abkommen)

– im Vorfeld (geschah dieses oder jenes – in dieser versifften Flughafenerde, durch die lauter nicht immer dichte Kerosinleitungen laufen. Kaum zu glauben, was da unter dem Asphalt angeblich dauernd so alles los ist)

– XY warnt vor Panik
(da Panik nicht auf einer willkürlichen Entscheidung beruht, ist das etwa so sinnvoll wie eine Warnung, bitte keinen Asthmaanfall zu bekommen. Egal: Wenn etwas passiert, hat er ja wenigstens gewarnt. Demnächst sicher auch im Angebot: XY warnt vor übertriebener Panik)

– Neue Qualität, neue Dimension (von Terrorismus und auch sonst allerlei Unerfreulichem: Das Produkt wurde im Interesse der Kundenzufriedenheit erneut stark verbessert, hat nun 99,9 Prozent positive Bewertungen bei ebay und schwebt inzwischen in der 17. Dimension)

– Das abgesagte Länderspiel beschäftigt… (nichts und niemanden, weil etwas, das nicht stattfand, keinerlei Wirkung entfalten kann. Gemeint ist die Absage. Die ereignete sich tatsächlich und hatte dann auch Folgen, erfordert aber so einen seltsamen Genitiv und der führt oft zu grammatikalischen Unfällen: Die Absage des Länderspiel’s)

– Maßnahmen bzw. Anschläge durchführen (siehe auch „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“, Dolf Sternberger, Hessischer Rundfunk)

– sicher scheint (auf jeden Fall, immerhin, zur Stunde. Soll entschlossen klingen, aber in Wirklichkeit hat der Korrespondent jetzt endgültig den Überblick verloren, welche Darstellung halbwegs verlässlich ist, und überlässt die Entscheidung dem Zuschauer: Das ist sicher – ach nee, es scheint doch nur so)

– Schußwechsel, Schießerei (absurd, wenn lediglich die Mörder bewaffnet waren. Nein, „shooting“ ist nicht dasselbe)

– Geld in die Hand nehmen (Oha! Seit etwa drei Jahren gibt niemand mehr Geld aus, sondern nimmt es lediglich in die Hand. Was anschließend passiert, bleibt im Dunkeln: Schaut er es an, streichelt es ein wenig und legt es zurück in den Tresor? Öffnet er das Fenster und wirft es hinaus? Hält die Scheine den Bedürftigen kurz unter die Nase, um sie hohnlachend wieder wegzuziehen? Vielleicht liegt die steile Karriere dieser Floskel daran, daß es irgendwie volkstümlich klingt und auch ein wenig harmloser, denn was ausgegeben wurde, ist ein für allemal weg. Außerdem unterstellt die Wortfolge, daß dieser Jemand, diese Firma, dieser Finanzminister die Kohle tatsächlich bereits besitzt, sie tendenziell bisher eher nutzlos herumliegt und er / sie sie sich keineswegs erst mühsam leihen muß, wie es aber die Regel ist. Schwer zu toppen dieser Vierfloskler, ohne den keine wichtige Wirtschaftssendung und kein Grünen-Parteitag mehr auskommt: „Wir müssen jetzt ein Stück weit durchaus auch einmal Geld in die Hand nehmen, damit wir am Ende des Tages gut aufgestellt sind.“ Alle nicken zufrieden)

– Deutschland hat bisher einfach nur Glück gehabt (eine naturgemäß nicht zu belegende oder widerlegende Behauptung, was sie als Argument verbieten sollte. Dennoch erfreut sie sich größter Beliebtheit, weil sie alle möglichen Schlußfolgerungen zu stützen scheint. Jede Lebenserfahrung sagt aber, daß mit der Anzahl der Feinde, die sich ein Mensch oder auch ein Staat bisher gemacht hat, die Wahrscheinlichkeit steigt, daß sich einer von ihnen irgendwann erfolgreich zu revanchieren versteht. Eine Politik, mit der man sich tendenziell in der Welt eher beliebt als unbeliebt macht, wie es der Bundesrepublik Deutschland bisher im Großen und Ganzen gelungen zu sein scheint, könnte diesem „Glück“ zumindest ein wenig nachgeholfen haben. Doch offenbar gibt es Leute, die diesen höchst rationalen, keineswegs metaphysischen Aspekt, der gerade in diesen Tagen eine gründliche Debatte wert wäre, unbedingt aussparen wollen und deshalb lieber den Zufall beschwören als Gestaltung und politischen Willen, denn am Ende kommt noch heraus, daß nicht etwa Glück, sondern die Arbeit dieser verhassten Geheimdienste dazu führte, daß schwere Verbrechen verhindert werden konnten, oder eine kluge Anwendung von Soft Power anstelle von Artillerie und Streubomben dazu führte, daß gar nicht erst jemand irgendwo auf der Welt auf die Idee kam, einen deutschen Weihnachtsmarkt in ein Schlachtfeld zu verwandeln)

– Unsere Schwerpunkte sind… (jedenfalls nicht logisch, denn jeder Gegenstand hat nur einen Schwerpunkt – wie übrigens auch nur ein Zentrum, in dem nicht mehrere Dinge gleichzeitig stehen können)

– XY sind die Sicherungen durchgebrannt (schön wäre es, denn dann hätten sie ihren Zweck erfüllt, den Stromkreis unterbrochen und damit verhindert, daß einer Blödsinn macht, also weiteren Schaden verhütet. Merke: Ein völlig verunglücktes Sprachbild und doch tausendmal am Tag zu hören)

– Wir müssen einen Gang zurückschalten (woraufhin die Drehzahl des Motors steigt und damit auch Lärmentwicklung sowie Benzinverbrauch, alles also keineswegs ruhiger wird, sondern hektischer – das Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Der Autofahrer schaltet zurück, wenn er beschleunigen will, nicht, wenn er gelassener fahren möchte. Eine ähnlich der durchgebrannten Sicherungen total deppe Floskel)

– Mir fehlen die Worte (es folgt ein Schwall mehr oder weniger geistreicher Äußerungen, der von der Moderatorin nur mühsam gestoppt werden kann)

– Lauter Knall (in Abgrenzung zu den vielen leisen)

– Lange Schlange (in Abgrenzung zu den vielen kurzen)

– Sozialer Brennpunkt (selbst wenn es dort eher unsozial zugeht. Auch die berühmte Schieflage ist keineswegs so sozial, wie sie immer tut, von der Spaltung halb – ach nein: ganz zu schweigen)

– bleibt weiter/weiterhin (angespannt, ungewiß, offen – doppeltes Futur hält irgendwie besser. Favorit: Dieses, jenes, es bleibt weiter spannend)

– Vorankündigung, Vorwarnung (gerne mit: ohne jede. Zwar ist es genuine Eigenschaft jeder Ankündigung oder Warnung, daß sie vor dem eigentlichen Ereignis steht, aber besser, man bekräftigt das für alle Dummis ein wenig. Das jahrzehntelang ebenfalls sehr beliebte „vorprogrammiert“ hat es dagegen erfreulicherweise dahingerafft)

– vor Ort (gemeint ist: An Ort und Stelle, aber „im Bergwerk 200 Meter unter der Erde“ klingt natürlich dank dieses Begriffs aus der Bergmannsprache, der die Stelle beschreibt, an der gerade die Kohle abgebaut wird, spannender, irgendwie authentisch-erdverbunden)

– Das Stadion / die Menschen / der Saal wurde(n) evakuiert
(das Vakuum führte erstaunlicher Weise aber nicht zu weiteren Todesfällen wg. Atemnot, erklärt aber unter Umständen z. B. das Gestammel vermeintlicher Sport-Journalisten, die – konfrontiert mit einer unerwarteten Situation – zeigen, daß sie ausser ihrem Spezialwissen, wie man sich selbst am besten vermarktet, nichts drauf haben und nach zehn peinlichen Minuten nur noch heim zu Mama wollen)

– weiträumig abgesperrt (ab zehn Meter Abstand vom mutmaßlichen Tatort zwingend)

– Klare Worte von… (Absage mit Lob und Selbstlob des Moderators, wenn sein Interview nicht völlig verschwurbelt verlief)

– Da bin ich ganz bei Ihnen (wenn man die Ausführungen seines Gegenübers zwar für völligen Unsinn hält, es aber wenigstens mitfühlend klingen soll)

– XY sprengte sich in die Luft (auch, wenn dafür lediglich eine Zwei-Zimmer-Sozialwohnung zur Verfügung stand, er also nicht weiter kam als 1,20 Meter bis zur Tapete)

– Polizei-/Militär-Operation (soll chirurgisch klingen, meint aber in aller Regel das Gegenteil, weil anschließend nichts und niemand mehr zu retten ist)

– XY hat realisiert (er hat vielleicht endlich etwas kapiert – verwirklicht hat er es deswegen noch lange nicht)

– Zunehmend weniger (das schaffen noch nicht einmal die Weight Watchers. Klassiker: Die Zustimmung zu ihrem Kurs wird zunehmend weniger. Es gibt aber auch Fälle, in denen es passt, wenn auch nur aus Versehen wie hier bei n-tv: „Kinder und Jugendliche treiben zunehmend weniger Sport.“ Die Alternative „abnehmend mehr“ wartet noch auf ihre Entdeckung)

– Massive Blase (ja was denn nun? Siehe auch: Massive Bedenken, massive Proteste – erfreulich, daß sie nicht völlig hohl sind)

– XY kritisiert mangelndes Engagement (gemeint ist das Gegenteil: Den kümmerlichen Rest an Engagement kritisiert er bestimmt nicht, verlangt er doch gerade mehr davon. Tatsächlich kritisiert er den Mangel. Aber wenig ist beliebter als diese Verhunzung eines Hauptworts zu einem Partizip Präsens. Siehe auch: Fehlender Kindergarten stand Einigung im Weg. Gar nicht existent und doch ein – Achtung! – massives Hindernis. Ein Wunder!)

– Dreistelliger Millionenbetrag (jeder Millionenbetrag ist mindestens siebenstellig)

– Niedriger dreistelliger Millionenbetrag (gibt es erst recht nicht, es sei denn, man ist Milliardär – und selbst der findet, das sei eine ganze Menge Geld, also doch ein eher hoher Betrag)

…und gaaaaanz wichtig:

– Herr XY, wie ist die Stimmung – vor Ort? (früher bei Anfängern beliebte Notlösung, inzwischen der unangefochtene Einstieg zur Schalte, denn ohne Gefühle geht gar nichts mehr – und die hat man, wenn man sonst nichts weiß, praktischerweise ja immer zur Hand)

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Schlußfolgerung: Es glaube bitte niemand, die Verwendung solcher Floskeln sei eine harmlose, unpolitische Marotte, die ihre Ursache alleine im menschlichen Herdentrieb oder allgemeiner Denkfaulheit habe. Ihre Verwender verfolgen vielmehr allzu oft knallharte politische Ziele, die sie – aus welchen Gründen auch immer – nicht offen benennen wollen.

Zugleich beweisen Journalisten, die ohne „wohl“ und „offenbar“ keinen einzigen Artikel mehr zustande bekommen, damit, daß ihnen bereits eine auch nur halbwegs ernsthafte Prüfung ihrer Quelle unzumutbar erscheint, weil das mühsam wäre und sie damit gegenüber der noch schlampigeren Konkurrenz im Wettbewerb um die schnellste Veröffentlichung ins Hintertreffen gerieten.

Mit dieser Verleugnung elementarer handwerklicher Regeln beschleunigen sie natürlich den Vertrauensverlust, den die Medien erleiden, und sägen sich den Ast ab, auf dem sie sitzen – aber das nehmen sie in Kauf. Wer will sich schon mit seinem Chef anlegen, wenn es doch längst alle so machen?

Gegenfrage: Warum sollte ich als Leser, Hörer oder Zuschauer einem Autor vertrauen, der schon im ersten Satz seines Beitrages durch haarsträubende Verstöße gegen jede Logik zeigt, daß es in seiner Birne drunter und drüber geht und er zu faul war, wenigstens ein bißchen aufzuräumen, bevor er sich an die Tastatur setzte?

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