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USA – Gesellschaft ohne mediale Plattform

von Jens Peter Paul | 16. Oktober 2013

   Amerikaner und Russen schafften uns 1945 Adolf Hitler vom Hals und die
Briten Joseph Goebbels, indem sie nach dem Vorbild der BBC in
Deutschland ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem installierten und
gegen allerlei Widerstand auch durchsetzten: Radio (und bald auch
Fernsehen) als „Sache der Allgemeinheit“, möglichst frei von
wirtschaftlichen Einzelinteressen; nie wieder ein Meinungsmonopol.

   Diese weise Entscheidung des ehemaligen Kriegsgegners ist der Grund
dafür, daß wir ein stabiles politisches System haben und uns bislang
Verhältnisse wie in Italien oder den USA erspart geblieben sind.
Berichterstattung, Diskussion und Kommentierung politischer und
gesellschaftlicher Fragen können bei uns in einem Rahmen stattfinden,
der noch einigermaßen verlässlich und grundsätzlich unparteiisch ist und
wo „Gemeinwohl“ und „Kompromiß“ (meistens) noch keine Schimpfworte sind.

   WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn meinte genau das, als er die neue
Rundfunkgebühr vergangenes Jahr als „Demokratieabgabe“ bezeichnete.
Natürlich ist sie das, auch wenn er bis heute dafür (oft auch
interessengeleitete) Dresche bezieht. Ohne ARD und ZDF ginge es auch
hierzulande längst nicht mehr noch vergleichsweise gesittet zu und
Deutschlands wirtschaftliche Stärke und sein Ansehen in der Welt wären
nicht denkbar.

   Nun kannst Du mich im Schlaf antippen und ich sage Dir 20 Punkte und
Gründe auf, was alles bei ARD und ZDF derzeit schiefläuft und warum
dieses geniale Konzept, das äußerlich noch völlig stabil erscheint, in
erstaunlich wenigen Jahren implodieren wird: Pensionslasten,
Generationenabriß, Selbstgenügsamkeit, Bequemlichkeit,
Boulevardisierung, Informationsillusion, Entpolitisierung,
Opportunismus, Verrat journalistischer Prinzipien, Innere Kündigung.
Gefährlich, ärgerlich, aber leider wahr. Das Dumme ist nur: Es gibt, wie
die Demokratie insgesamt, weltweit nichts Besseres als die
öffentlich-rechtliche Idee.

   Wir haben noch, was den Amis – gerade in diesen Tagen erneut – so bitter
fehlt: Eine nationale Plattform, auf der wir uns über die plausibelste
Situationsbeschreibung, den besten Weg, die beste Idee streiten können
mit einem Minimum an Gesichtsverlust und einem Maximum an Teilhabe.

   Dieser Diskurs ist unzulänglich und nur zu oft auch phantasielos, aber
immer noch hundertmal besser als eine Medienlandschaft, in der Anhänger
der Rechten nur noch den rechten Sender X schauen und Anhänger der
Linken nur noch den linken Sender Y mit der Folge, daß Rechte und Linke
nicht einmal mehr wissen, wie die jeweils andere Seite tickt, was sie
tut und umtreibt, geschweige, daß sie deren Argumente und Grundsätze
wenigstens respektieren könnten.

   Der eigenen Meinung widersprechende Informationen und Standpunkte
dringen gar nicht mehr durch. Und wenn Du Dir Google News
„personalisierst“, kannst Du denselben zutiefst anti-intellektuellen
Effekt längst mühelos auch für Dich selbst erzeugen: Verschone mich von
allem, was nicht in mein Weltbild passt oder geeignet sein könnte,
meinen mentalen Schrebergarten – Hallo, Dr. Reitze! – zu irritieren.

   Ohne diese mentale Spaltung, diese unfassbare Fremdheit im eigenen Land
sind Entwicklungen wie eine Tea Party gar nicht erklärbar. Dieses System
steuert jetzt auf einen krisenhaften Höhepunkt zu, der es irgendwann
kollabieren lassen wird. Ohne ein Minimum an Verständigungsmöglichkeit
und -bereitschaft kann auch und erst recht eine hochkomplexe Supermacht
nicht auskommen.

   Selbst wenn es Demokraten und Republikaner schaffen sollten, noch einmal
ein paar Wochen oder Monate Aufschub zu vereinbaren – der grundlegende
Konflikt wird aus den genannten Gründen eskalieren.

   Daß damit Figuren wie Rupert Murdoch sich auch selbst ins Knie schießen,
weil sie ihr Geschäft mit einem Dollar-Crash ebenfalls ruinieren, ist
nur eines von vielen Zeichen, wie sinnlos und wenig zu Ende gedacht
dieses Verständnis von Medien und Öffentlichkeit ist.

Topics: Kultur und Politik | Kommentare deaktiviert für USA – Gesellschaft ohne mediale Plattform

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