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Ein Rest von Verstand in der Kohl-Debatte

von Jens Peter Paul | 12. April 2013

  In Internetportalen und Foren wird Helmut Kohl derzeit international heftigst kritisiert und beschimpft, weil er im Interview mit mir 2002 freimütig eingeräumt habe, bei der Durchsetzung des Euro „wie ein Diktator“ gehandelt zu haben (Telegraph UK: „I acted like a dictator to bring in the Euro“; in Deutschland gerne auch immer wieder originell in der Variante „Dicktator“). Der von mir Karfreitag (!) auf www.statement.de online gestellte Wortlaut des Gesprächs gibt diese Darstellung formell tatsächlich her. Ich fürchte nur, diese Deutung des Zitats wird dem Altkanzler und seinen Intentionen nicht wirklich gerecht.

  Gemeint hatte Kohl seinerzeit nach meinem Verständnis des Gesprächsverlaufs, man habe ihm stets vorgeworfen, beim Thema „Euro“ wie ein Diktator gehandelt zu haben, und tags drauf habe man ihm in einem anderem Zusammenhang dann gerne wieder vorgeworfen, ein großer Zauderer und Zögerer gewesen zu sein, etwa bei der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Das passe aber, so Kohl weiter, nicht zusammen und sei deshalb in dieser Kombination auch ausgeschlossen, denn es sei ja stets „der gleiche Helmut Kohl“ (gemeint war sicher: derselbe) gewesen. Unterstellt, diese Deutung ist zutreffend, zitiert Kohl lediglich die gegen ihn (schon in den 90ern) erhobenen Vorwürfe, ist aber weit davon entfernt, sie als zutreffend einzuräumen. 

  Man muß also schon sehr genau lesen und vor allem mehr wollen, als lediglich eine Bestätigung für das eigene, längst fertige Urteil über Kohl zu erhalten, um diesen (offenbar zu feinen) Unterschied zu erkennen. Diese Voraussetzung ist offensichtlich nur sehr vereinzelt gegeben.

  Die Lösung, den Audio-Mitschnitt des Gesprächs ebenfalls zu veröffentlichen, fällt nach übereinstimmender Beurteilung von Medienrechtlern ohne Zustimmung des Miturhebers Kohl zumindest bis auf weiteres aus. Das Interview war seinerzeit gedacht und gewährt für eine wissenschaftliche Arbeit, die dabei entstandene Bandaufzeichnung folgerichtig bestimmt zur Dokumentation und nicht zur rundfunkmäßigen Ausstrahlung.

  Dessen ungeachtet habe ich für mein Gespräch mit Thomas Koschwitz, das am Wochenende von verschiedenen Radiostationen ausgestrahlt werden soll, zwei kurze Ausschnitte aus dem Kohl-Interview vorbereitet und als authentische O-Ton-Beispiele mitgebracht („Koschwitz zum Wochenende“). Zum einen bin ich die Frage leid, ob diese Begegnung damals überhaupt tatsächlich so wie von mir beschrieben stattgefunden haben kann (Antwort: Ja). Zum anderen wird im zweiten kurzen Ausschnitt deutlich, in welcher Atmosphäre das Gespräch im März 2002 stattfand. Etwa, als Kohl mir freundlicherweise attestierte, 1982 jedenfalls über einen „Rest von Verstand“ verfügt zu haben.

  Die Wiedergabe dieser beiden Ausschnitte bewegt sich nach Meinung von Juristen eben noch im Rahmen des Erlaubten, weshalb wir es im Interesse der steten, edlen Suche nach der historischen Wahrheit jetzt so machen. Mehr ist aber, wie gesagt, nicht möglich.

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