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Fukushima als Metapher für uns

von Jens Peter Paul | 10. April 2013

  Die deutsche Gesellschaft gleicht inzwischen einem Atomkraftwerk, dessen Betriebszustand zwar irgendwie merkwürdig ist, aber nicht mehr wirklich objektiv feststellbar. 13 von 15 Instrumenten liefern völlig normale Werte, eines springt immer wieder seltsam hin und her (Sensor defekt?) und ein weiteres zeigt seit längerer Zeit den Wert null, obwohl das eigentlich auch nicht sein kann. Ist wohl kaputt oder eine Maus hat das Kabel angenagt.

  Bei der Sonntagsfrage zu Parteienpräferenzen etwa oder bei Wollen-Sie-wirklich-die-D-Mark-zurück?-Umfragen sehen wir durchweg immer noch fast normale, stellenweise (für die Kanzlerin oder den Euro an sich) verblüffend freundliche Zahlen. Eigentlich können die gar nicht mehr stimmen – aber sind die Instrumente nicht unbestechlich?

  Das Leben geht äußerlich seinen normalen Gang, die Geldautomaten arbeiten wie gewohnt, der Bürger bleibt allabendlich scheinbar unberührt angesichts der Konflikte in anderen Euro-Ländern in der tagesschau und größter Aufreger sind immer noch zwei klemmende Lottokugeln.

  Und doch gibt es versteckte Hinweise, etwa in diesen seltsamen Internetforen oder beim Zuspruch der sogenannten Alternative für Deutschland (die leider alles mögliche bietet bisher, nicht aber eine Alternative), daß irgendwo tief im deutschen Reaktor Modell Rheingold eine nukleare Kettenreaktion in Gang gekommen ist, die sich mit den vorhandenen Steuerstäben wie Sozialleistungen, Beschwichtigungen, Merkelschen Einlagengarantien und Länderfinanzausgleich nicht mehr beeinflussen oder gar moderieren läßt.

  Das Ding ist irgendwann vor ein paar Monaten unbemerkt außer Kontrolle geraten und läßt sich nicht mehr einfangen. Und immer häufiger steht die Bundesregierung genauso belämmert da wie der Verbrecherkonzern Tepco in Japan. Und weil das so ist, thematisieren es auch die Sensibleren lieber nicht in der Hoffnung, es werde so schlimm schon nicht kommen.

  Meinungsforscher und Medien glauben nur noch, ein zutreffendes Bild von der tatsächlichen Großwetterlage zu liefern, und werden dabei nach 25 Jahren verfehlter Europa-Berichterstattung Opfer der Selektivität ihrer eigenen Wahrnehmung sowie des Umstands, daß sie selbst mehr und mehr zu den Verantwortlichen der Misere gezählt werden. Sie erleiden einen ähnlichen Legitimitätsverlust wie Politik und Finanzwirtschaft, aber wenn sie es endlich merken werden, wird es zu spät sein.

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