« | Home | »

Herzausschüttung in Margots Ex-Büro

von Jens Peter Paul | 8. April 2013

Anmerkungen zu einem elf Jahre alten Interview mit Helmut Kohl

„Die [Franzosen] haben ja nicht das Gefühl, daß wir am Arsch des Propheten gehen. Die haben nicht das Gefühl, daß wir nichts mehr zuwege bringen. Das ist ja alles deutsches Gequatsche.“ (Helmut Kohl am 14. März 2002 zum Verfasser) 

——————————————————————-

  Es war etwa der vierte Anlauf – alle Anfragen zuvor (2000, 2001) hatte Helmut Kohl durch sein Büro abweisen lassen. Als er aber Wind davon bekam, daß mir aus der CDU/CSU-Fraktion Schilderungen zugetragen worden waren, er habe im Frühjahr 1997 von Schäuble und dessen Vertrauten gestützt werden müssen, den Euro-Zeitplan nicht aufzugeben, läuteten bei ihm alle Alarmglocken: Das wollte er auf gar keinen Fall später irgendwo in einem Geschichtsbuch lesen. Seine Vertrauten Toni Pfeifer (Staatsminister im Kanzleramt) und Friedrich Bohl (Kanzleramtsminister) schienen ihn zudem ermuntert zu haben, mich zu empfangen; sie habe ich ebenfalls zur Entstehungsgeschichte des Euro befragen dürfen.

  Schließlich war dieser März 2002 auch insofern ein historisches Zeitfenster für Kohl-Erforscher, als er glücklich war über die gelungene Euro-Bargeld-Einführung wenige Wochen zuvor und zugleich bitter enttäuscht, daß andere wie Schröder oder Eichel – so seine Wahrnehmung – jetzt den Ruhm dafür ernteten. Auch diesen Irrtum wollte er dringend korrigieren.

   Daß er sich stellenweise recht drastischer Formulierungen befleißigte wie etwa jener im Eingangszitat, überraschte mich nicht wirklich. Ich nahm es als Zeichen einer gewissen Vertrautheit zwischen Pfälzern und Hessen, zumal mir derartige Töne aus plastischen Schilderungen enger Vertrauter durchaus präsent waren und Kohl und ich nach zehn Jahren eine gewisse Routine hatten in gegenseitigen Frotzeleien, gerne auch vor versammelter Medienmannschaft. Den hr hatte er gefressen (besser kam ich nur davon, wenn ein Journalist vom WDR in der Nähe war – den WDR mochte er noch weniger leiden), aber andererseits auch einen gewissen Respekt vor Schlagfertigkeit. Der Unterwürfigkeit seiner Entourage war er manchmal überdrüssig und suchte dann ein wenig Abwechslung im Verbalclinch mit mehr oder weniger respektlosen Pressefritzen.

  An jenem Nachmittag nun wollte Kohl ein rhetorisches Feuerwerk ganz nach seinem Geschmack abbrennen – und ich hatte keinerlei Anlaß, ihn dabei zu bremsen, seine Worte später sachte durch vielleicht vornehmere zu ersetzen oder gar im Sinne einer vermeintlichen Politischen Korrektheit Zensurmaßnahmen durchzuführen.

  Daß das ein ungewöhnliches Dokument wird, war mir nach wenigen Sätzen klar. Und Kohl merkte umgehend, daß ich das gemerkt hatte, und es schien ihm zu gefallen. Er war nüchtern, er war absolut präsent und angriffslustig, er wußte, was er macht, er hatte Geleitschutz zweier politischer Freunde, es war ein Heimspiel in seinem Bundestagsbüro – was will man mehr? 

  Heute besonders relevant ist in meinen Augen, wie Kohl 1989/1990 in einen Zangenangriff von Genscher und Mitterrand geriet, dem Euro-Zeitplan auch ohne Politische Union verbindlich zuzustimmen, und ob es für ihn einen Ausweg mit langfristig weniger verheerenden Folgen gegeben hätte. Genscher hat den Euro-Schlamassel mit seinem Memorandum sehr geschickt und in der Folgewirkung geradezu fatal angerührt und ist offenbar bis heute stolz darauf. Seine damalige Rolle hindert ihn nicht, sich unverändert seitenlang als Riesenstaatsmann auszubreiten, von den haarsträubenden Fehlern und Irrtümern des Helmut Schmidt zu schweigen. Da stimmt die zeitgeschichtliche Einordnung und Bewertung dieser Akteure, unter anderem beim Spiegel, hinten und vorne nicht.

  Kohl und auch Waigel wollten den Euro 1989 nicht, weil sie wußten, daß die Währungsunion für sie ungünstige Folgen haben und irgendwann ihre Macht bedrohen würde – treibende Kraft war seit Februar 1988 eben Genscher – , aber eine Deutsche Einheit gegen den Willen Frankreichs kam für Kohl noch viel weniger in Frage. Das kann man richtig finden oder falsch, aber es ist jedenfalls ein schweres Argument nach drei deutsch-französischen Kriegen innerhalb weniger Jahrzehnte.

  Mitterrand sah damals auf dem Gipfel von Straßburg unter seiner EU-Präsidentschaft eine einmalige Chance, die Vorherrschaft der D-Mark ein für allemal zu brechen – und die nutzte er (siehe Kapitel 4 meiner Dissertation). In meinen Augen ist das der eigentliche Ursprung der europäischen Krise, in der wir heute stecken – und auf eine sachliche Diskussion, ob der deutsche Bundeskanzler damals anders hätte agieren sollen oder müssen oder ob ihm gar nichts anderes übrig blieb, als Mitterrand hier entgegenzukommen, wäre ich wirklich sehr gespannt.

  Kohls Mitarbeiter wie Teltschik oder Bitterlich, exzellente Leute, ließen in ihren Vorlagen an den Kanzler damals keinen Zweifel an der Strategie und den Motiven Frankreichs. Kohl wußte Bescheid, worauf die Euro-Nummer mit Mitterrand hinauslaufen würde, und fügte sich dennoch in sein Schicksal.

  Daß die Euro-Länder später derart leichtsinnig mit dem dank Währungsunion zunächst plötzlich so billigen Geld umgehen würden, daß die Männer in der EZB-Chefetage sich als Schläfer entpuppen und ab einem Zeitpunkt X um 2010 herum nur noch die Interessen ihrer Heimatländer vertreten und durchsetzen würden, was das ganze schöne noch von Karl Otto Pöhl zu dessen eigener Verblüffung durchgesetzte Bundesbankmodell mit beispielloser Unabhängigkeit und Entbindung von jeglicher Verpflichtung zur Konjunkturstützung mit einem Schlag wertlos machte – das vorherzusehen, fehlte Kohl, Waigel, wohl auch Tietmeyer 1995/1996/1997 offenbar die Phantasie und mir, ehrlich gesagt, auch.

  Finde ich im Rahmen einer Fehlerkultur, die man heute von Ärzten für jede mißlungene Blinddarmoperation verlangt, irgendwo eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen historischen Fehlannahmen und Irrtümern? Ich sehe sie nicht. 

  Ein substantieller Artikel über das Interview mit Helmut Kohl erschien heute früh in der Irish Times. Der Autor sagte mir, er finde Kohls Äußerungen „atemberaubend“. Ihm sei es unbegreiflich, warum jetzt, wo es für den Euro und Europa um alles oder nichts gehe und sich in wenigen Tagen hier in Berlin eine Anti-Euro-Partei gründen werde, man sich hierzulande mit Tratschgeschichten abgebe.

  Meine Meinung gegenüber Helmut Kohl geht unter anderem hervor aus den Seiten 6 und 7 im Vorwort meiner Dissertation, wie sie seit Ostern nun auch online steht auf www.statement-television.de/extra . Daran hat sich auch drei Jahre danach nichts geändert. Jede theoretisch denkbare Vermutung, ich hätte zu irgendeinem Zeitpunkt das Ziel gehabt, Kohl mit einer Wiedergabe des Interviewwortlauts zu ärgern oder gar zu schaden oder im Gegenteil vielleicht jenen Personen, über die er so gesprochen hat, wie er gesprochen hat, wäre unzutreffend. Dazu hätte ich auch nicht den geringsten Anlaß.

  Warum aber zog er im Verlauf dieses denkwürdigen Gesprächs wiederholt derart vom Leder? Offenbar fühlte sich Kohl subjektiv von Zeit- und Weggenossen umzingelt, die ihn hassten, weshalb er glaubte, zurückhassen zu müssen, und sei es nur präventiv. Ich habe das seinerzeit nicht provoziert, wie ja auch dem Wortlaut zu entnehmen ist, aber auch nicht zu verhindern gesucht (von den Erfolgschancen eines solchen Versuchs abgesehen), sondern schlicht zur Kenntnis genommen, um möglichst bald und möglichst behutsam wieder auf mein Thema zu kommen.

  Warum er ausgerechnet mir sein Herz in dieser stellenweise doch recht spektakulären Form ausschüttete an jenem Nachmittag im ehemaligen Ministerbüro von Margot Honecker – keine Ahnung. Offenbar sah er den Moment gekommen, endlich einmal ein paar Dinge ganz grundsätzlich klarzustellen, und glaubte in mir jemanden zu finden, den das a) tatsächlich interessiert und b) der das auch einzuordnen in der Lage ist. Ein Lob für Recherchekünste, noch dazu bei einem für ihn superheiklen Aspekt, hätte ich jedenfalls in hundert Jahren nicht von Kohl erwartet. Nach diesem Punkt im Interview sprudelte es halt noch einmal eine dreiviertel Stunde aus ihm heraus. 

  Mir wäre jetzt nichts peinlicher als ein Eindruck, hier werde die Schwäche oder gar Wehrlosigkeit (wobei man sich gerade bei Kohl da nie täuschen sollte) eines ehemals mächtigen Mannes ausgenutzt, um sich endlich einmal für vergangene Demütigungen oder was weiß ich zu revanchieren. Journalisten, die ihr Urteil über einen Politiker abhängig machen von Sympathie oder Antipathie oder gar von der Art und Weise, wie jener mit ihnen persönlich umgegangen ist, konnte ich ohnehin noch nie für voll nehmen. 

  Daß ich für den Altkanzler „größten Respekt“ empfände, wie das Berliner Springer-Boulevardblatt B. Z. heute schreibt, möchte ich in dieser Allgemeinheit allerdings auch nicht bestätigen. Es ist kein wörtliches Zitat, und ich hätte es auch so nicht formuliert. Für ein derart apodiktisches Urteil sind mir die Schwächen und Schattenseiten des Helmut Kohl nach 20jährigem intensiven Studium dieses Mannes nun doch zu präsent. Gleichwohl finde ich, daß er nicht gerecht behandelt wird und daß sich spätere Generationen doch sehr wundern werden, wie wir – speziell die deutschen Medien – mit ihm umgegangen sind.

  Seine Führungsleistung in den Jahren 1989 und 1990 trug zumindest stellenweise Züge von Genialität, was man etwa vom damaligen, (glücklicherweise) oppositionellen SPD-Personal bei weitem nicht behaupten konnte. Daß Deutschland einen Freund nach dem anderen verliert in diesen Monaten, wäre ihm ebenfalls nicht so leicht passiert wie einer Angela Merkel  – auch wenn die Scheckbuch-Diplomatie auf EU-Ebene sicherlich auch mit Kohl irgendwann an ihr Ende gekommen wäre.

  Aber jene war entgegen anderslautenden Behauptungen eben nicht der Kern seiner Kunst.

——————————————————

http://www.irishtimes.com/news/world/europe/kohl-says-german-entry-to-the-euro-depended-on-his-political-survival-1.1351966

Topics: Politik | Kommentare deaktiviert für Herzausschüttung in Margots Ex-Büro

Kommentarfunktion ist deaktiviert.