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Euro als Parallelwährung: Die Zeit läuft ab

von Jens Peter Paul | 4. April 2013

  Die Ereignisse in und um Zypern haben erneut gezeigt, wie unvermittelt die Euro-Krise eine Eigendynamik entwickeln kann, die alles denkbar werden läßt – auch einen unkontrollierten Zerfall der EWU innerhalb weniger Tage. Darstellungen, nach denen die Heranziehung von Bankkunden und -eignern die Wende zum Besseren bringen werde, sind natürlich Unsinn, weil genau das den Spaltungsprozeß noch verschärfen wird, denn die Bankkunden sind ja nicht blöd. Italien bleibt ohne legitimierte Regierung, Slowenien wackelt heftig und in Paris sieht es dank der Schwarzgeldaffäre ebenfalls noch düsterer aus als vor einigen Tagen.

  Eine Überlebenschance hat der Euro nur als Parallelwährung,  als materialisierter Alltags-ECU mit flexiblen Wechselkursen gegenüber neuen alten Nationalwährungen. Eine Aufteilung in einen Nord- und einen Südeuro scheiterte schon daran, daß Frankreich sich niemals dem Südeuro anschließen würde, obwohl es da hingehörte.  

  Ein Euro als fakultative Parallelwährung könnte wenigstens einige der Vorteile der EWU retten. Das Konzept eröffnete Politikern und der EZB einen halbwegs gesichtswahrenden Ausweg – und das ist wichtig im Hinblick auf die Fortexistenz unserer parlamentarischen Demokratie. Man könnte wieder jeden Mittag um 13 Uhr ein Devisenfixing veranstalten und den jeweiligen Kurs der auf Wunsch wieder einzuführenden Landeswährungen zum Euro bestimmen.

  Länder, für die die Renationalisierung ihrer Währung sinnlos wäre, ließen es bleiben. Deutschland müßte es machen, um einen Zwei-Klassen-Effekt zu vermindern. Briten und Dänen könnten ohne große Verrenkungen dazustoßen (Margret Thatcher war 1991 bitter enttäuscht, daß man ihr Parallelwährungsmodell nicht ein einziges Mal im Rat auch nur diskutierte), auch Polen und andere Interessenten, ohne sich einer einheitlichen Geldpolitik auszuliefern, die eben nicht allen zugleich passen kann, was ja nun auch der Letzte merkt.     

  Für Buchgeld wäre das Konzept erprobt – man könnte auf die Erfahrungen 1999 bis 2001 zurückgreifen. Händler, die sich einen Vorteil davon versprechen, werden für Bargeldumsätze ein Zwei-Kassen-System installieren, andere davon absehen und wieder andere erst einmal beobachten. Es wäre alles ein wenig umständlicher, aber handhabbar, endlich solide und würde Europa vor Kapitalverkehrskontrollen, Schengen-Aussetzungen und anderen Einschränkungen unserer Freiheit bewahren. Vor allem wäre es ein nachhaltiges Konzept.

  Natürlich würde sofort mit Macht (speziell von der deutschen Exportindustrie und von Paris) die Forderung nach politisch zu beeinflussenden Wechselkursen mit neuen Bandbreiten und Interventionswünschen aufkommen, aber darauf sollte man sich im Interesse einer endlich einwandfreien Scharnierfunktion der Wechselkurse keinesfalls einlassen, um neue Spannungen erst gar nicht entstehen zu lassen. Bandbreiten haben nicht funktioniert, Bandbreite null hat erst recht nicht funktioniert – also ist es, empirisch bewiesen, unbrauchbar.

  Zu Beginn würde es kräftig rumpeln, aber die Normalisierung wäre absehbar und nur eine Frage der Zeit. Und falls es den Politikern helfen würde, könnte man das Ganze auch als Übergangslösung verkaufen bis zu einem neuen Anlauf mit einer Einheitswährung in 20 Jahren. Falls ein Einheitseuro dann überhaupt erneut als hilfreich gesehen würde.   

  Für das Problem der enormen Target-II-Salden oder der Bedienung der Staatsschulden bietet das Parallelwährungsmodell zugegebenermaßen keine Lösung. Die Frage ist, ob hier überhaupt noch irgendeine sanfte Landung denkbar ist. Mir scheint: Ohne eine große Umschuldungskonferenz mit neu zu vereinbarenden 50- oder 100-Jahres-Tilgungsfristen wird es so oder so nicht gehen. Sicherlich ist alles besser als eine sofortige 80-Prozent-Abschreibung auf Staatsanleihen und andere Forderungen.

  Eine wieder anspringende Konjunktur in den Abwertungsländern wäre zudem kein schlechtes Argument, jenen Staaten wieder zu vertrauen im Hinblick auf ihre Schuldentragfähigkeit. Weitere Bevölkerungen sehenden Auges in die Rezession zu stürzen kann die Lösung jedenfalls nicht sein, sonst brennen bald die ersten Parlamente und die EZB dazu. Und es nützt ja nicht einmal den Gläubigern.

  In den vergangenen Tagen habe ich mich von meiner Erwartung verabschiedet, die Krise müsse lediglich ein gewisses Stadium erreicht haben, und sei es zum Schluß, dann werde ein wie auch immer gearteter Plan für eine Parallelwährung quasi automatisch und mehrheitsfähig auf den Tisch kommen.

  Irrtum: Aus dem Verlauf des Zypern-Desasters glaube ich herauszulesen, daß es auch für eine Parallelwährung nur ein Zeitfenster gibt – und dieses wird nicht mehr allzulange offen stehen. Noch so eine Nummer wie in den vergangenen Tagen – und die Regierungen könnten überrollt werden von der Entwicklung und noch mehr Legitimität verlieren. Zu viel, um anschließend noch ein neues Währungssystem formulieren und durchsetzen zu können. Denn die Figuren, die dann an die Macht kommen, dürften sich mit rationalen Erwägungen nicht lange aufhalten, sofern sie solchen überhaupt zugänglich wären.

  Wenn eine gewisse Rückabwicklung der EWU schon unvermeidbar ist, dann muß sie möglichst schnell gestaltet und darf nicht chaotischen Prozessen überlassen werden.

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