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I told you so

von Jens Peter Paul | 11. August 2012

Interview mit Winfried Münster, Journalist, damals politischer Korrespondent der Rheinischen Post in Berlin. Korrespondent der Stuttgarter Zeitung von 1974 bis 1981 und der Süddeutschen Zeitung von 1988 bis 1995 in Brüssel. Persönlich geführt am 13. Dezember 2002 von 16.00 bis 17.00 Uhr in seinem Büro Reinhardtstraße 39, 10117 Berlin. Gesichert auf Compact-Cassette. Unautorisierte, aber ohne Widerspruch akzeptierte  Fassung.

Jens Peter Paul:       Nehmen Sie für sich als Journalist in Anspruch, die Tragweite der Pläne zur Schaffung einer Europäischen Währungsunion Ende der 80er Jahre, wie sie dann in Maastricht vertragsreif wurden, frühzeitig erkannt zu haben?

Winfried Münster:   Ja. Und wir waren alle dafür. Es war für mich gar keine Frage, daß die Währungsunion eine tolle Sache sei. Wir, also die Brüsseler Journalisten, begriffen sie praktisch von der ersten gedanklichen Sekunde an als den Quantensprung zur politischen Union, zu einer bundesstaatsähnlichen Konstruktion. Ende der 80er Jahre hatten einige Kollegen ja schon 30 Jahre Brüssel auf dem Buckel und fanden, daß sich in diesen 30 Jahren in Sachen Integration nicht allzuviel getan hatte und irgend etwas passieren mußte. Zwar lief in dieser Zeit das Binnenmarkt-Projekt mit seinen 282 Richtlinien, wie es 1985 auf Kiel gelegt worden war, um ihn 1993 zu verwirklichen, aber Ende der 80er Jahre war auch dieses Projekt schon zum Alltag, zur Routine geworden. Der Binnenmarkt war gut und schön, aber hatte nicht den Kick.   

                   Wir dachten nun alle: Die Währungsunion, das ist es, da geht es ja nun wirklich ans Eingemachte, an die nationale Souveränität – welches Land gibt schon gerne seine Währung ab? Und wenn die nun ihre Währung für Europa abgeben, dann verbinden Sie mit Europa doch schon eine hochwertige Vorstellung. Das gilt um so mehr für die Deutschen: Wenn die Deutschen schon ihre D-Mark aufgeben, dann muß es schon für etwas sein. Nicht nur als Korrespondenten in Brüssel, sondern vor allem auch als deutsche Redakteure dachten wir: Die D-Mark ist der politische Joker, über den die Bundesrepublik überhaupt verfügt. Das ist ihr Trumpf-As. Wenn sie den spielt, muß sie ein Maximum an Integration dafür erkaufen können.

Paul:          In welcher Reihenfolge? Das war ja die große Frage damals.

Münster:   Parallel. Ich habe immer viel von der Krönungstheorie gehalten, aber da gehörte ich, so glaube ich, nicht der Mehrheit an. Es war auch ein bißchen müßig, darüber zu spekulieren. Wir haben vielmehr alle erwartet von der Bundesregierung, daß sie die Währungsunion, die Aufgabe der D-Mark, nutzt, die Partner, allen voran Frankreich, in eine weitere politische Union hinein zu drängen.

                   Damit verbunden war gleich die Vorstellung der konzentrischen Kreise, die ja schon Wolfgang Schäuble und Karl Lamers entwickelt hatten, weil denen klar war, daß die Briten ohnehin nicht mitmachen. Die wollten wir auch gar nicht. Die alten Gesinnungseuropäer, zu denen ich mich auch zähle, die alten Brüsseler, haben immer etwas gegen die Briten gehabt. Natürlich völlig zu recht, weil mit denen unter dem Aspekt der Integration ja nichts anzufangen war.

                   Wir glaubten also, die Währungsunion sei der Startschuß für ein Kerneuropa, wie wir es uns immer vorgestellt haben. Ich habe mir das noch einmal durchgelesen, was ich damals geschrieben habe: Ich habe genauso über die Währungsunion gejubelt wie alle anderen auch. Große Leitartikel. Aus Madrid habe ich geschrieben: ,,Die Währungsunion kommt bestimmt.“ So richtig euphorisch. Als die Diskussion dann anfing, wurde vor allem auf Grund von Äußerungen französischer Politiker allmählich klar, was die denn eigentlich für ein Kalkül hatten. Ich habe daraus den Schluß gezogen: Denen geht es nicht um Integration. Und weil es Frankreich mit der Währungsunion nicht um den Einigungsprozeß geht, hat die Währungsunion mit der Integration auch gar nichts zu tun.

Paul:          Das war eine Desillusionierung für Sie?

Münster:   Ja. Eine mächtige Desillusionierung.

Paul:          Wie hat sich das auf Ihre Berichterstattung und Kommentierung ausgewirkt?

Münster:   Verheerend. Ich habe das nämlich geschrieben. Und ich habe geschrieben, daß wir die D-Mark für diese Motive, zugunsten Frankreichs Kalküls, nicht hergeben sollten.

                   Nun müssen Sie aber wissen: Was immer ich geschrieben habe, ist ja gar nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen. Dann wäre ich ja schlauer gewesen als meine Kollegen. Das bin ich ja gar nicht. Sondern: Die Kritik in der Sache kam in erster Linie aus der Kommission. In zweiter Linie hatte ich sie von den Amerikanern, denn zu denen hatte ich noch Kontakte – ich war vorher fünf Jahre in den USA. Amerikanische Politiker und Parlamentarier haben nie etwas von der Währungsunion gehalten. Ich kannte einige Beamte aus dem Umkreis von Paul Volcker, damals Chef der FED, und die hielten nichts von dem Projekt EWWU.

                   Ich bilde mir ein, aus meinem Herzen überhaupt keine Mördergrube gemacht zu haben. Deshalb haben sie mir ja auch bald die Scheiben eingeworfen. Dennoch wollte ich meine Kritik an der Währungsunion auf das rein ökonomische beschränken – nach dem Motto: ich bin für eine gemeinsame Währung, aber nur dann, wenn sie den Einigungsprozeß auch weitertreibt. Keine Währungsunion ohne Politische Union. Das war ja auch die offizielle Linie bis zu den Maastrichter Verhandlungen und auch noch während der Maastrichter Verhandlungen. Kohl hat das selbst immer so gesagt, aber es war geheuchelt.

Paul:          Ist Kohl Ihrer Meinung nach umgefallen oder hat er mit gezinkten Karten gespielt?

Münster:   ,,Umgefallen“ fände ich als Formulierung ein bißchen hart, denn Kohl hätte selbstverständlich gerne die politische Union beschlossen. Aber dem war immer klar, daß er die nicht bekommt. Das war dem von der ersten Sekunde an klar.

Paul:          Trumpf-As D-Mark hin oder her?

Münster:   Das war völlig egal. Das wußte der. Das wußte der lange, bevor wir es wußten. Da hatten wir Journalisten in Brüssel noch unsere Illusionen, da wußte der das längst.

Paul:          Nun sagen die Politiker, man könne das unmöglich bewerten, ohne den Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung zu sehen.

Münster:   Ja, das stimmt auch. Nur: Es ist sehr schwer, zu beurteilen, was Henne war und was Ei und: Woher kam der stärkere Druck? Projekte einer Währungsunion gab es ja schon seit Ende der 60er Jahre. Der Werner-Plan zum Beispiel. Die Idee ist ja gar nicht neu gewesen. Das war immer Zukunftsmusik; das nahm niemand richtig ernst. Doch dann kam plötzlich, praktisch out of the blue, es gab keinen konkreten Anlaß, das Genscher-Memorandum vom Februar 1988. In diesem Memorandum bot Genscher den Franzosen eine Währungsunion an. Das Papier lag plötzlich auf dem Tisch. Geschrieben hat es der jetzige EU-Botschafter Deutschlands in Brüssel. Er versuchte, die Währungsunion ökonomisch zu begründen. Es war dilettantisch nach meinem Dafürhalten. Er versteht von Wirtschaft wenig. Ich weiß noch, wie Gerhard Stoltenberg sich darüber mokiert hat.

                   Von Ploetz, NATO-Botschafter in Brüssel und dann Staatssekretär im AA in Bonn, zuständig für die Europa-Politik, hat mir dann später erzählt, daß es sich regelrecht um eine Aufforderung der Franzosen an die Adresse der Deutschen gehandelt habe, den Vorschlag einer Währungsunion zu unterbreiten. Das hat ja auch eine gewisse Logik. Wenn die Sache ernst genommen werden sollte, dann konnte nicht Frankreich das Angebot unterbreiten, weil alle Welt sofort gesagt hätte: Hahaha, machen die Deutschen ja nicht. Aber wenn Deutschland das tut, dann wird es ernst. Und so ist es auch gekommen. Genscher stand ja auch mit Überzeugung dahinter, Kohl nicht. Genscher.

                   Dann verging erst einmal eine gewisse Zeit. Zwei Jahre. Dann nahm die Geschichte ihren Lauf. Wir Journalisten haben eigentlich – das bilden wir uns jedenfalls ein – in Brüssel durch unsere Kommentierung, durch unsere Begleitung die Bundesregierung in eine Position hinein gedrängt, den Maastrichter Gipfel als ein zweigleisiges Projekt zu betrachten. Es wurden auch tatsächlich zwei Verhandlungskommissionen eingerichtet für das Jahr 1991 – eine Währungsunion, die andere Politische Union. Damals war Jürgen Trumpf der Botschafter in Brüssel und gleichzeitig der deutsche Unterhändler in der Arbeitsgruppe Politische Union. Er hat uns so zwischendurch einmal gesagt: ,,Ich weiß überhaupt nicht, worüber ich verhandeln soll. Ich habe gar keine Anweisung aus Bonn.“ Das hat er gesagt.

Paul:          Wie hat sich das auf Ihre Berichterstattung und Ihre Kommentierung ausgewirkt – und welche Reaktionen gab es wiederum darauf?

Münster:   Der damalige französische Regierungschef Pierre Beregouvaux  kam sofort mit Beginn dieser Verhandlungen mit dem Projekt eines Gouvernement ecónomique, einer Wirtschaftsregierung. Da gingen bei mir alle roten Lampen an: Aha, es wird also wahr, was ich geargwöhnt habe. Die Franzosen wollen die Währungsunion nur, um die Bundesbank zu entmachten, sich dem Zinsdiktat der Bundesbank zu entziehen und wieder ein Mitbestimmungsrecht für eine politisch manipulierbare Währung zu bekommen. Ende der Unabhängigkeit. Und der Gouvernement ecónomique war für mich der Beleg dafür.

                    Ich bleibe auch dabei. Es war tatsächlich so. Es gab immer wieder Äußerungen französischer Politiker, aus denen man heraushören konnte, worauf es ihnen in Wahrheit ankam. Der politische Wert der Währungsunion liegt für Frankreich in der Abschaffung der Bundesbank. Daß die Franzosen keine eigenständige Geldpolitik betreiben konnten, weil das alles in Frankfurt am Main lief, war für sie unerträglich.

Paul:          Also stimmen Sie mit Rudolf Augstein überein: Ein Projekt, um Deutschland zu schwächen?

Münster:   Nein, bleiben wir lieber dabei: Die Bundesbank hat eine Hartwährungspolitik betrieben, die Frankreich als unerträglich empfand. Für Frankreich war die Währung immer ein politisches Instrument per se sowie ein konjunktur- und beschäftigungspolitisches Steuerinstrument. Die Währung als etwas zu betrachten, was der politischen Einflußnahme entzogen ist, war Frankreich immer fremd. Da darf ich an den allerersten Weltwirtschaftsgipfel 1975 erinnern: Eine Erfindung Frankreichs, von Giscard d‘Estaing. Thema: Eine neue Weltwährungsordnung nach dem Zusammenbruch von Bretton Woods.

Paul:          Nun entgegnen Politiker: Diese Vorwürfe an die Adresse Frankreichs seien unsinnig, denn Paris habe sich durch die Währungsunion darauf eingelassen, daß das Modell Bundesbank praktisch auf den gesamten Euro-Raum höchst offiziell übertragen werde.

Münster:   Das ist aber kein Gegenargument. Das ist der Kompromiß, den sie eingehen mussten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Natürlich haben sie erkannt, daß sie nicht mehr eine Währung für sich alleine bekommen können, mit der sie machen können, was sie wollen. Die Remedur ging eben nur über eine gemeinschaftliche Zentralbank.

Paul:          Hätten die Franzosen eine Möglichkeit gehabt, die deutsche Wiedervereinigung zu bremsen oder gar zu blockieren?

Münster:   Nein. Da muß man sich in die Psyche der Zwei-plus-Vier-Gespräche versetzen. Die Wiedervereinigung ist möglich geworden durch das Zusammenspiel von Gorbatschow und Bush sen. Weder die Briten noch die Franzosen konnten hier in Wahrheit mitbestimmen. Nur auf dem Papier, weil sie Siegermächte waren, aber das war politisch wertlos.

Paul:          Also hat Kohl die D-Mark nicht als Morgengabe an die Franzosen liefern müssen?

Münster:   Nein – so nicht. Der Zusammenhang ist ein anderer: Frankreich ist unser engster Partner. Das Wort von der Deutsch-französischen Achse war nicht leer und ist nicht leer. Ein gutes, sehr enges Verhältnis mit Frankreich zu haben, war und ist Staatsräson. Die Franzosen haben immer gesagt: ,,Wir wollen im Falle der Wiedervereinigung irgendein Token haben, das glaubhaft macht, daß Deutschland sich weiter in die Gemeinschaft einfügt, keine eigenen Wege mehr geht und ein williger und berechenbarer Partner bleibt. Das beste Token, das Ihr uns dafür geben könnt, ist die Währungsunion.“ Warum? Sie lag ja auf dem Tisch.

                    Es war leicht für die Franzosen zu sagen: ,,Genscher hat den Vorschlag 1988 schon gemacht. Wenn Ihr aus Anlaß der Wiedervereinigung den jetzt zurückzieht, ist das für uns ein verheerendes Signal. Das werdet Ihr ja wohl doch nicht tun. Sondern im Gegenteil: Mit der Wiedervereinigung beschleunigen wir die Währungsunion.“

                    Es ist also Quatsch, zu behaupten, Frankreich habe die Währungsunion zur Bedingung für die Wiedervereinigung gemacht. So stark war Frankreich nicht. Das ist politisch naiv; rein formaljuristisches Denken. Das hat auch nicht stattgefunden.

                    Aber es war unsere Verpflichtung als gute Europäer, uns für das Geschenk Wiedervereinigung mit dem Geschenk Währungsunion an die EU zu bedanken, weil wir immer geglaubt haben – das ist auch so, das glaube ich auch – , daß nur über die NATO, das westliche Bündnis, über die Gemeinschaft die Wiedervereinigung überhaupt möglich geworden ist. Ein Deutschland für sich alleine hätte die nicht bekommen. Das ist die Logik, die dahinter steht.

 Paul:          Sie sagen ,,Geschenk“. War es ein Opfer?          

Münster:   Ja. Natürlich. Ist doch klar. Und für die Amerikaner war die Wiedervereinigung eine Riesenchance, aber gleichzeitig auch ein großes Risiko. Es war von vornherein klar, daß die USA die Wiedervereinigung nur akzeptieren konnten unter der Voraussetzung, daß ganz Deutschland der NATO angehören würde. Das konnten wir uns damals nicht vorstellen, wurde aber von allen, von Amerika und auch von Kohl, als Ziel proklamiert. Ich erinnere mich an ein Hintergrundgespräch mit dem damaligen NATO-Generalsekretär Manfred Wörner. Auf die Frage, was mit den sowjetischen Truppen auf deutschem Territorium geschehen solle, sagte er: ,,Das interessiert mich nicht. Die sollen da von mir aus stehen bleiben – und wenn sie versauern. Die können von uns sogar eine warme Suppe haben.“           

Paul:          Daß die dann so preiswert für ein paar Wohnungen nach Hause geschickt werden konnten, hatte damals noch keiner erwartet.

Münster:   Für mich ist das die politisch herausragende Leistung in diesem ganzen Spiel – und der Lorbeer gebührt meines Erachtens George Bush sen. Der hat es geschafft, den Sowjets ganz Deutschland als NATO-Gebiet abzutrotzen. Irre Sache – in dieser Zeit!

Paul:          Und demnächst steht die NATO bei denen direkt vor der Haustür. Doch zurück zu Ihrer Rolle als Korrespondent. Wie ist man mit Ihnen umgegangen, als Ihre Kommentierung gegenüber der Währungsunion kühler wurde? Hat man auf Sie Druck ausgeübt?

Münster:   Ja, natürlich. Sofort. Es dauerte damals keine drei Wochen, da habe ich angefangen zu schießen: Diese Währungsunion will ich nicht. In diese Zeit fiel ein weiterer Botschafterwechsel in Brüssel. Jürgen Trumpf ging, Dietrich von Kyaw kam. Vor zwei Jahren erst ist er in Pension gegangen. Ein paar Wochen vor dem Gipfel von Maastricht hat er mich als ,,Ratte“ beschimpft. Er stand vor mir: ,,Wenn Sie so weiterschreiben, dann machen Sie die deutsche Wirtschaft kaputt, denn dann kommt die Währungsunion nicht!“ und so ein Quatsch. Der Druck war sofort enorm.

                   Aber man muß unterscheiden: Es gab dann Beamte in der Vertretung in Brüssel, die haben nicht mehr mit mir gesprochen. Aber auch einige Kollegen nicht. Was besonders schlimm war: Daran, daß ich Europäer war, konnte gar kein Zweifel bestehen. Das konnte ich ja doch belegen. Im Gegenteil: Ich war sogar Gesinnungseuropäer, für den Bundesstaat! Für mich war die ganze Sache deshalb so enttäuschend, weil die Währungsunion die Integration nicht weitergebracht hat. Trotzdem wurde ich wegen meiner Kommentierung, weil ich gegen die Währungsunion angeschrieben habe, binnen Wochen in die rechte Ecke gestellt.

Paul:          Sie konnten dann nur ein Rechter sein. Ein Nationalist?

Münster:   Ja. Ein Chauvi. Das war ich dann. Ich war dann abgestempelt. Es waren französische Kollegen, die 1995 aus Anlaß des Beitrittes von Österreich zur Währungsunion zu mir sagten: ,,Na, Winfried, da haste doch Deinen Anschluß, da kannste Dich doch freuen!“

Paul:          Würden Sie das als mobbing bezeichnen, was sich da abgespielt hat?

Münster:   Dieser Begriff ginge ein bißchen weit. Solange Dieter Schröder Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung in München war, Josef Joffé, und vor allen Dingen solange noch Franz Thoma da war, war ich eingebettet in die Mehrheitsmeinung der Redaktion. Die zerbröselte dann allerdings so nach und nach. Mobbing begann erst unter Hans-Werner Kilz bei meiner Zeitung.

Paul:          Ich war im Moment noch in Brüssel.

Münster:   Von Brüssel kann man das nicht sagen.

Paul:          Auch nicht von den Kollegen?

Münster:   Nun ja, die liebe Kollegin Irmtraud Richardson hat schon hin und wieder angerufen und mich beschimpft. Das kann man aber nicht mobbing nennen. Einige Beamte, etwa  Mauch, stellvertretender Botschafter, haben nicht mehr mit mir gesprochen, andere Beamte haben sich nichts anmerken lassen. Mit den meisten hatte ich ein prima Verhältnis. Mit der Kommission sowieso. Man hätte eigentlich meinen sollen, die Kommission müßte am meisten verletzt sein. Nichts. Nichts dergleichen. Die Kommissionsbeamten verhielten sich vorbildlich. Das hat sich auch nie geändert.

                   Joachim Bitterlich, damals Leiter der außenpolitischen Abteilung im Kanzleramt, hat mich immer liebevoll beschimpft. Der sagte: ,,Sie schreiben wie ein Fundi, aber ich kann sie trotzdem gut leiden.“ Nein, gemobbt worden bin ich in der Zeitung, aber auch erst später.

Paul:          Schildern Sie das bitte.

Münster:   Das war eine persönliche Attitüde des neuen Chefredakteurs. Den muß es gefuchst haben, daß der Augstein mich immer wieder im Spiegel zitiert hat, der mich ja gar nicht kannte. Augstein war ja auch gegen den Euro. Ich erinnere mich an eine große Konferenz, als es um den Euro ging. Ich sagte, ich wolle so in die und die Richtung schreiben – und Kilz entgegnete: ,,Ja, ich weiß, um den Euro kaputt zu machen!“ So auf diese Art.

                   Ganz konkret wurde das mobbing 1998. Anfang Mai war der berühmte Gipfel in Brüssel: Wer erfüllt die Kriterien, wer darf mitmachen bei der EWWU? Ich saß nicht mehr in München, sondern in Bonn, war aber zuständig für die Europa-Politik – und ich durfte nicht schreiben. Da schickten sie Kurt Kister, der überhaupt keine Ahnung hatte. Also da war ich draußen.

                   Zwar hat der Kilz hinterher nochmal angerufen: ,,Schreiben Sie ‘mal einen Leitartikel für den Euro!“ und so einen Blödsinn. Er hat also versucht, mich zu vergewaltigen. Da wurde ich dann abgeklemmt. Ich bin dann ja auch gegangen. Die haben mich nicht hinausgeworfen. Ich bin gegangen. Der offizielle Anlaß war ein anderer: Ich bin nach Bonn gegangen, hatte die Steuerpolitik von München mitgenommen, sogar mit Einführungsschreiben für das Finanzministerium mit allem drum und dran – und dann nahm der mir das Thema Steuern einfach wieder weg. Das lag alles so auf der Linie.

                   Eine Bemerkung noch zu Helmut Kohl. Einmal im Jahr lud der uns für einen Nachmittag nach Bonn ein und nahm sich richtig Zeit. Er kannte uns zwar nicht persönlich. Das merkte man, es interessierte ihn ja auch nicht. Einmal meldete ich mich, Bitterlich schob ihm einen Zettel hin, ich vermute, mit meinem Namen darauf. Kohl beantwortete völlig normal meine Frage und sagte dann aber: ,,Und noch eines: Wenn Sie denn schon ein Euro-Skeptiker sind, dann träufeln Sie das doch bitte nicht in die Redaktion.“

Paul:          Kohl hatte also Sorge, Sie könnten das ganze Klima vergiften.

Münster:   Das haben die mir vorgeworfen. Das hat mir auch Klaus Kinkel als Außenminister vorgeworfen. Freundlich, die haben ja Stil, die Leute. Auf einem Seminar in Stromberg nahm er mich beiseite und äußerte die ,,herzliche Bitte“, ich solle doch nicht mehr so ,,destruktiv“ über den Euro schreiben. Es sei wirklich ernst. Die hatten Angst. Die Stimmung war nicht gut.

Paul:          Was war denn Ihr Tenor?

Münster:   Einmal: Wir verspielen unser Pfand, wir bekommen nicht die Integration. Und zum zweiten: Der Euro wird keine harte Währung. Das Motiv für die Währungsunion für Frankreich, für Italien, Belgien vor allen Dingen ist, wieder eine politisch manipulierbare Währung in die Hand zu bekommen. Sie wollten die Vorherrschaft der Bundesbank als Hüterin einer nicht manipulierbaren Währung knacken. Und das ist für mich kein erträgliches Motiv für die Währungsunion. So habe ich argumentiert.

Paul:          Also Ihre Analyse lautete: Wenn wir noch nicht einmal für die Hergabe der D-Mark die politische Union bekommen…

Münster:   …dann bekommen wir sie gar nicht mehr…

Paul:          …weil wir jetzt nichts mehr haben, was wir bieten können.

Münster:   Ja. Und ich glaube, es ist auch so.

Paul:          Haben Sie verstanden, daß die deutsche Öffentlichkeit erst aufwachte, nachdem die Währungsunion in Maastricht bereits unter Dach und Fach gebracht worden war?

Münster:   Sicher. Aber es ist eine schleichende Katastrophe, weil die negativen Wirkungen nie mehr aufhören. Bisher hatten wir noch relativ schönes Wetter. Jetzt wird es stürmisch, und der Stabilitätspakt ist ja schon praktisch weg. Den kann man vergessen. Das habe ich vorausgesagt.

Paul:          Aus dem Weg geräumt mit tatkräftiger Hilfe der Deutschen.

Münster:   Das habe ich natürlich nicht vorausgesagt. Das habe ich mir nicht vorstellen können. Komisch, darauf bin ich nicht eine Sekunde gekommen.

Paul:          Um so gründlicher wurde er aus dem Weg geräumt.

Münster:   Ich wurde übrigens herumgereicht von einer Universität zur anderen. Ich habe pausenlos Vorträge gehalten. Ich habe erklärt: Länder mit einer homogenen Wirtschaft können nicht nur eine Währungsunion eingehen, sie sollten es sogar. Aber Maastricht beruht auf falschen Motiven. Die Währungsunion ist nichts anderes als nationale Interessenpolitik. Das bekommt einer Währung nicht. Ich habe geschrieben, die Währungsunion kenne zehn Gewinner und einen Verlierer, nämlich Deutschland. Das hat mich natürlich zum Rechtsaußen gemacht, aber ich habe doch recht behalten: Für uns sind die Zinsen nämlich zu hoch. Für alle anderen sind sie stark gesunken.

                   Heute schreibe ich nicht mehr gegen den Euro an. Ich stelle mich vielmehr auf den Standpunkt: Was einem nicht gehört, darum kümmert man sich nicht. Der Euro gehört niemandem. Da kochen sie alle nur ihr Süppchen mit. I told you so. Weiß der Himmel, was aus dieser Währung wird.

*                 *               * 

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