« | Home | »

In Voßkuhles Küche haben wir nichts verloren

von Jens Peter Paul | 31. Juli 2012

   Heribert Prantl hat die Küche des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes nie betreten. Für Prantl ist das eine schlechte Nachricht, zumal sie zutrifft und er sie schon kannte. Für den Rest der Welt ist es eine gute.

   Ich bin froh, daß der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes darauf verzichten kann, einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung in ganz privater Atmosphäre seine Koch- und damit einhergehende Delegationskünste vorzuführen. Ich bin froh, daß Herr Voßkuhle keinen Drang verspürt, sich noch atemberaubender zum Medienstar hochschreiben zu lassen, als dies unglücklicherweise ohnehin bereits geschieht.

  Ich bin froh, wenn ein Jurist in historisch heikelster Situation, in der für Europa viel auf dem Spiel steht, jenes Minimum an Distanz zu wahren versteht, das die Süddeutsche Zeitung offensichtlich nur zu gerne auch noch eingerissen hätte, und dieser Anschleimversuch krachend gescheitert ist. Ich bin froh, daß er das über seine Sprecherin in aller Form und rücksichtslos hat klarstellen lassen.

  Ich bin froh, daß ich nicht lesen mußte, wie ein Heribert Prantl aus eigener Anschauung erklären kann, aus der Art und Weise, wie Herr Voßkuhle die Zwiebeln schneide, das Steak anbrate, seine unbeholfenen Gäste zu Handlanger- und Schnippeldiensten heranziehe und die Vinaigrette mit einigen geheimnisvollen Andeutungen abschmecke, könne man messerscharf schließen, daß Karlsruhe den Europäischen Sprengungs-Mechanismus oder den Fiskalpakt am 12. September 2012 verwerfen werde. Oder genehmigen. Oder zum Nachgaren zurück in die Bundestagsküche schicken. Oder was weiß ich.

  Ich bin froh, daß Voßkuhle uns das erspart, wenn schon diese Qualitätszeitung dazu keinen Anlaß sieht.

  Denn eines ist ja leider auch klar: Wäre dieser Autor tatsächlich ein authentischer Augenzeuge der Voßkuhlschen Küchengeschehnisse, anstatt (nach einem winzigen gemeinen Hinweis der sich von Karlsruhe vernachlässigt gefühlt habenden FAZ) nun kleinlaut eingestehen zu müssen, daß er lediglich vom Hörensagen lebt wie andere auch – seine Redaktion und speziell Seite-3-Chef Alexander Gorkow wären heute sehr stolz auf diesen Coup und ihren Heribert:

  Wir hatten Voßkuhle privat – Ihr nicht! Unser Draht zum Gerichtspräsidenten ist jetzt besser als Eurer! Und der Hammer: Wir dürfen ihn dank unserer special homestorybased kitchenpsychologic relationship schon einige Tage vor der Urteilsverkündung ’mal diskret anrufen und fragen, worauf die Euro-Chose wohl hinauslaufen wird – und Ihr nicht! Wir werden das ESM-Urteil exklusiv haben, also zumindest die Tendenz, während Ihr Dämel auf den offiziellen Verkündungstermin warten müßt wie alle anderen! Hach, ist das nicht geil?

   Nein, es ist nicht geil. Es ist von einer abgrundtiefen Dämlichkeit, die der der Bild-Zeitung auf ihre Weise in nichts nachsteht. Eines der Mitglieder des Zweiten Senates zum Juris Christ Superstar hochzujubeln, der sich für ein eurokillendes Urteil notfalls ans Kreuz nageln ließe, obwohl sein Votum nicht mehr gilt als jenes seiner sieben Kolleginnen und Kollegen, ist dämlich. Es erzeugt Zwietracht und Mißstimmung in einer ohnehin explosiven Situation eines Kollegialorgans, in der im Interesse unserer rechtsstaatlichen Demokratie nichts mehr vonnöten ist als Diskretion, Distanz und Professionalität und ein kühler, möglichst von Einflüsterungen aller Art unbeeinflußter Kopf.

   Prantl weiß das alles ganz genau. Offensichtlich ist es ihm gleichgültig.

   Das Vorgehen dieser Redaktion ist um keinen Deut besser als das seit Jahrzehnten bewährte Verfahren der Bild-Zeitung, überforderte 20jährige zu ein paar verunglückten Zitaten zu verführen und so eine Bundesligamannschaft kräftig aufzumischen, um sich anschließend an dem resultierenden Chaos zu weiden, was der Auflage aufhilft, im übrigen aber nur Verlierer produziert.

   Personalisierung und Skandalisierung, weil das eigentliche Problem viel zu komplex ist für Journalisten wie Leser. Oder zu langweilig. Das Muster ist identisch; die Redaktion eines Boulevardblattes für Besserverdienende muß es nur leicht anpassen – fertig ist die Story.

  Die Bundesregierung kann ihre Panik nur noch mühsam verbergen. Den Bundestag zerreißt es zwischen Europaliebe und Euro-Desaster, zwischen Regierung und dem immer wütenderen Protest der Wähler. Den Bundespräsidenten hat man (mit nach wie vor unbewiesenen Vorwürfen) bereits abgeschossen. Bundesrat und Bundestagspräsident spielen keine Rolle mehr.

  Höchste Zeit, so scheint man bei der Süddeutschen zu meinen, auch das letzte noch halbwegs funktionierende Verfassungsorgan auseinanderzunehmen, zumindest in Versuchung zu bringen. Heribert, kannst Du nicht mal…? Du hast doch…?

  Daß Prof. Dr. Heribert Prantl eines Tages über seine Eitelkeit stolpern würde (die per se nicht kritikwürdig ist, zumal sie immer wieder überragende Leistungen hervorbringt), ahnte man. Es geschah, weil er, wie wir alle, geliebt und bewundert werden möchte und deshalb das lieferte, von dem er vermutete, daß seine Kollegen es von ihm erwarteten.

   Die Empörung, die ihm gestern in der Redaktionskonferenz entgegenschlug, hat deshalb etwas Verlogenes. Der von Prantl nun so schmerzhaft vermißte klarstellende Halbsatz, Quelle seiner Schilderung sei nicht eigenes Erleben, hätte seinen Artikel vielleicht nach den Maßstäben dieser Zeitung unangreifbar (und nur darum geht es den anderen) gemacht, aber im Kern keinen Deut besser.

  Daß weder Chefredakteur Kurt Kister noch der nun so rechtschaffen empörte Ressortleiter Gorkow, ja nicht einmal ein unbefangener Volontär (Kindermund tut Wahrheit kund) in der Lage waren oder die Notwendigkeit sahen, Prantl harmlos – damit es nicht als Majestätsbeleidigung ’rüberkommt – zu fragen: „Hey, Du hast mit Voßkuhle gekocht? Was gab’s denn?“, deutet ebenfalls eher auf ein Systemversagen denn auf eine zwar peinliche, aber doch eher im Handwerklichen angesiedelte Panne.

  Nein: Bei der Süddeutschen Zeitung läuft mehr schief als ein Halbsatz. Ihr Selbstverständnis ist dringend korrekturbedürftig. Sie schildert politische und gesellschaftliche Prozesse möglichst bunt und anschaulich, aber sie durchdringt sie nicht, weil sie vermutet, daß das niemand lesen will und es ohnehin zu mühsam wäre. Die – anders als bei der Konkurrenz – sehr solide Auflagenentwicklung scheint ihr dabei noch Recht zu geben.

  Dumm nur, daß jede Zeitung, diese ganz besonders, angewiesen ist auf Voraussetzungen, die sich nicht von alleine einstellen und keineswegs für alle Ewigkeit garantiert sind. Hier ist das ein funktionierender Rechtsstaat in einer parlamentarischen Demokratie – mit einem Publikum, das mehr verkraftet und kauft als eine Gala für Halbintellektuelle. Der Spiegel geht mit einem ähnlichen Ansatz bereits baden. Seine Substanz genügt inzwischen nur noch für eine zweiwöchige Erscheinungsweise.

  Die Euro-Krise hat das Zeug, unser Land in einer Weise umzupflügen, daß wir es hinterher kaum noch wiedererkennen werden. Dagegen hilft, wenn überhaupt, nur eine Presse, die sich allein der Aufklärung verpflichtet fühlt und auf billige Effekte, auf Personalisierung, Skandalisierung, Banalisierung von Problemen verzichtet, auch wenn es schwer fällt und mehr Arbeit macht als ein Hausbesuch.

  ARD und ZDF holen sich immer mehr Leute von den privaten Sendern und arbeiten längst erfolgreich am verblödenden Gegenteil. Ihre politischen Magazine sind von einer geradezu atemberaubenden Einfallslosigkeit; der Erkenntniswert ist gering bis null, weil sie nur mehr oder weniger gelungen bebildern, was längst in den Tagen zuvor überall zu lesen war, was den vermeintlichen Vorteil hat, daß ja nicht falsch sein kann, was gestern noch überall richtig war. Ist es aber doch; die inzwischen 22jährige Geschichte des Medienversagens in der Euro-Berichterstattung zeigt es nur zu deutlich. Eine Dokusoup mit Voßkuhle würden sie begeistert senden; zum Glück sind sie zu unbedarft und zu ungeduldig, so etwas einzufädeln.

  In der Sport,,berichterstattung“ der Öffentlich-Rechtlichen, wo der Zuschauer nicht mehr erfährt, was geschehen ist, sondern nur noch, wie es sich angefühlt hat, ist dieser antijournalistische Kurs bereits für alle erkennbar gescheitert; in der politischen steht das unmittelbar bevor. Ohne die Printmedien sind wir also (wieder einmal) aufgeschmissen.

  Er habe sich nichts dabei gedacht, wird Prantl nun zitiert. Und: Er ärgere sich um so mehr, da sein Fehler so simpel zu vermeiden gewesen wäre.

   Irrtum. Die ganze Linie stimmt nicht. Gefühlige Homestories über den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes sind das letzte, was wir in einer solchen Situation brauchen. Das ist der eigentliche und angesichts seines politischen IQ unverzeihliche Fehler des Herrn Prantl  – und seiner sich nun von ihm so beflissen und betroffen absetzenden Kollegen.

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

Einen Kommentar schreiben

du musst angemeldet sein, um kommentieren zu können.