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Sie sehen alles und verstehen nichts

von Jens Peter Paul | 22. Dezember 2011

BILD und SPIEGEL leiden am Borderline-Syndrom. Sie fühlen Taubheit in sich hochkriechen. Ihr Bedeutungsverlust macht ihnen Angst. Sie attackieren Wulff, schneiden damit aber eigentlich sich selbst ins Fleisch, um zu prüfen, ob sie noch leben, ob da unter der Haut noch Blut fließt, ob sie noch mächtig genug sind, genug Puste haben, eine Privatsache zu einer Staatsaffäre aufzublasen.

Sie tun es, obwohl sie von Anfang an wussten, daß ihr Material für einen Rücktritt nicht ausreicht, sie eigentlich nur hoffen können, daß Wulff oder wenigstens Merkel irgendwann die Nerven verliert und die Betroffenen selbst den Anscheinsbeweis für gravierendes Fehlverhalten liefern, den die Medien nicht bieten können. Da das bisher nicht geschah, da die Merkel ihnen etwas hustete, starren sie nun auf Umfrageergebnisse, nach denen bitte, bitte doch wenigstens 51 Prozent der Normalbürger nun ebenfalls Wulffs Resignation verlangen mögen, um nicht vollends blamiert dazustehen.

Die SPIEGEL-Titelgeschichte dieser Woche enthält keine neuen Fakten, keinen neuen Gedanken – allein (wie inzwischen üblich) eine sprachlich minderbegabt formulierte Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse plus einem Sammelsurium von Mutmaßungen, auf die man selbst schon gekommen ist. Mit einem solchen Text hätten frühere SPIEGEL-Chefredakteure die Autoren direkt zur Personalabteilung weitergeschickt.

Am Ende werden alle Beteiligten, auch die Medien, im Amt bleiben, aber beschädigt und damit noch weniger bedeutend als zuvor. Dieser Geschichte ist die Sinnlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Sie offenbart, daß wir nicht nur einen möglicherweise substanzlosen Bundespräsidenten haben, sondern auch substanzlose Journalisten. Das erste ist bisher nur eine nicht allzu gut begründete Vermutung (und ohne jeden Neuigkeitswert), das zweite Fakt.

Denn ob Wulff tatsächlich „der falsche Präsident“ ist, kann heute noch niemand wissen, und das wiederum sollte niemand besser wissen als die SPIEGEL-Leute. 2012 hat nach menschlichem Ermessen das Potential zu einer Finanz-, Wirtschafts- und Staatskrise ungeahnten Ausmaßes, in der ein Bundespräsident als Leader of the last Resort möglicherweise reihenweise Gelegenheiten erhalten wird, schicksalhafte Fehler zu machen oder sie zu vermeiden.

Sollte er in der Krise versagen, war es tatsächlich der falsche Präsident. Sollte er mit Bedacht agieren, vielleicht sogar über sich hinauswachsen, dann war es der richtige. Dieser schlichte Gedankengang sollte eigentlich niemanden überfordern, auch nicht in Hamburg.

Und weiter: Die in Wulffs politischer und persönlicher Biografie begründeten Voraussetzungen, daß er diese Prüfungen besteht, sind besser als bei jedem anderen denkbaren Kandidaten. Das nicht erkannt zu haben, darin besteht das eigentliche Versagen der hier agierenden Medien. Von „BILD“ erwartet man nichts anderes – vom „SPIEGEL“ schon.

Offenbar ist dort inzwischen eine Generation im Kern unpolitischer Journalisten am Ruder. Sie hatten nie den Anspruch, Intellektuelle zu sein, betrachten Politik als spezielle Spielart des Show-Business und sind deshalb auf Äußerlichkeiten angewiesen, für die sie Haltungsnoten vergeben, ohne das als Problem zu empfinden.

Das Offensichtliche zusammenzutragen, das, was sie für relevant halten, dafür braucht es ja nicht mehr als zwei, drei aufgeweckte, nicht allzu kurzsichtige Praktikanten. Und die sehen alles. Jede linkische Geste, jedes Krawattenmuster, jedes Zögern, jedes Staubkorn auf den Schuhen, ob er die Automarke gewechselt hat, falsch singt, seine Frau zärtlich berührt, die Merkel ihm noch zuzwinkert.

Verlagsgeschäftsführer und Chefredakteur sagen sich: Schicken wir einen erfahrenen Politischen Redakteur in den Ruhestand, können wir uns fünf neue Nachwuchskräfte dieser Sorte leisten, ganze Pakete von teuren Zeitungs-Abos kündigen, denn die liest in dieser Redaktion dann eh keiner mehr, die Dokumentation weiter dezimieren (zuviel Wissen verdirbt nur die Story) – und wir behalten noch eine Menge übrig. Nachhaltigkeit – daß einem nicht morgen die Fehler von heute um die Ohren fliegen – ist etwas für Umweltschützer, Finanzpolitiker und Banker, aber nichts für Journalisten.

Show-Reporter sehen alles und verstehen nichts. Soll sich der Leser doch selbst einen Reim darauf machen.

Das wird er auch tun.

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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