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Dieser armselige Herdentrieb bringt uns um

von Jens Peter Paul | 18. Dezember 2011

Besorgte Frage besorgter Moderatoren: „Ist das Amt (Tremolo in der Stimme) des Bundespräsidenten (Weltuntergangsblick) jetzt beschädigt?“.

Nein – noch nicht ausreichend?

Okay – weiter geht’s.

Montag: Wir untersuchen den Einkaufszettel seiner Frau. Hat sie eine Kette bevorzugt – vielleicht gar eine aus der Nähe von Hannover? Rossmann??? Verdächtig! War sie nicht bei Rossmann? Noch verdächtiger!

Dienstag: Christian Wulff hinterlegt bei seinen Anwälten eine Liste, wie oft er das Hemd 2009 bis 2011 gewechselt hat. Zu selten: Verdächtig! (ein Staatsoberhaupt darf nicht muffeln). Zu häufig: Erst recht! (maximal erlaubter Angstschweißkoeffizient überschritten).

Mittwoch: Schon wieder Kamerachaos und Rangeleien bei Wulff-Auftritt! Verursacht allerdings von exakt jenen Medien, die anschließend besorgt folgende Frage stellen werden: Kann Wulff sein Amt überhaupt noch seriös ausüben?

Weder war Wulff mein Wunschkandidat, noch finde ich, daß er sich im Umgang mit den Vorwürfen, was immer von ihnen auch zu halten sei, besonders souverän oder überzeugend verhalten hätte. Maschmeyer als guten Freund – auch das braucht kein Mensch. Und, ja, auch ich finde sein Haus spießig. Hätte er allerdings eines mit Geschmack gekauft, wäre es schon längst um ihn geschehen, denn geschmacklich nach oben aus der Reihe tanzen – darauf steht der politische Tod.

Zudem hätte er jetzt einen weitaus besseren Stand, hätte er seine bisherige Amtszeit besser genutzt, als er es tat. Ist er beratungsresistent? Hat er die falschen Berater? Sicherlich wichtige Fragen, aber kein Killerthema.

Der Mann ist demokratisch gewählt. Versuche von interessierter Seite, dieses Ergebnis jetzt durch eine Hetzkampagne (die letztlich nur dazu dient, seine Nervenstärke zu testen) zu revidieren, finde ich unterirdisch; sie offenbaren ein fragwürdiges Demokratieverständnis.

Eine weitverbreitete Haltung, nach der nur ein soeben zurückgetretener Politiker ein guter Politiker ist, weil sie angeblich doch irgendwie alle Dreck am Stecken haben, ist abgrundtief dämlich, denn sie offenbart im Kern eine Sehnsucht nach einem großen Diktator, der unkompliziert alles für uns regelt.

Zu Guttenberg war wirklich nicht mehr zu halten, und es war ein Segen, daß er zuletzt auch nicht mehr gehalten wurde. Aber die Rücktrittsforderung ist eine scharfe Waffe, und wer sie bei jedem Alltagskram abfeuert, macht sie unwirksam.

Dann werden Kronzeugen angeführt wie Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim, den man leider schon lange nicht mehr ernstnehmen kann, weil Politiker für ihn grundsätzlich ins Zuchthaus gehören, und ein FDP-Hinterbänkler, den (zu recht) niemand kennt, um zu belegen, wie sehr „der Druck auf Wulff steigt“. Und, boah, sogar „Günther Jauch“ (!) stellt Wulffs Amtsfähigkeit jetzt in Frage. In der Überschrift seiner heutigen Sendung. Ja, wenn das so ist, muß wirklich alles zu spät sein. Merkt denn niemand, wie peinlich diese Selbstrefentialität ist?

Wulff brauchte Kohle und hatte keinen Bock auf eine unwürdige Bankenprozedur („XY-Bank lehnt Kreditantrag des Ministerpräsidenten ab!“), was jeder, der sich dieser schon einmal unterzogen hat, nur zu gut verstehen kann. So what? Vorgestern hieß es: Er hat durch den Privatkredit gar nichts gespart – Alarm!! Gestern: Er hat doch etwas gespart: Erstrechtalarm!!!

Am meisten aber kotzt mich dieser kleinmütige Opportunismus in den Redaktionen an, dieser armselige Herdentrieb. Jede Wette: Ein großer Teil der Kommentatoren und Autoren hält Wulffs vermeintliches Sündenregister selbst insgeheim für wenig skandalträchtig, versteht die Aufregung nicht wirklich. Aber niemand traut sich, das zu sagen – man könnte ihn ja für selbst korrupt halten, für einen Verbrecherversteher, man würde ihn in der Konferenz befremdet ansehen – ein Verräter an der guten Sache, wie?

Wenn „BILD“ und „Spiegel“ gemeinsame Sache machen – ja, dann brauche ich selbst mein Gehirn nicht mehr einschalten, dann muß es ja ein dicker Hund sein.

Seit Monaten droht „BILD“ hinter den Kulissen mit Veröffentlichungen über eine angeblich moralisch verwerfliche Vergangenheit seiner Ehefrau. Interessanterweise trauen sie sich bisher nicht, damit zu kommen, womöglich, weil sie fürchten, der Schuß könnte nach hinten losgehen. Ist diese Hauskredit-Nummer also als Vorbereitung auf die Zündung einer weiteren Skandalstufe zu verstehen?

Was soll eigentlich mit einem Politiker geschehen, der sich einer wirklich üblen Sache schuldig gemacht hat? Zurücktreten reicht dann ja nicht mehr – Einstweilige Erschießung? Hinterher können wir ja immer noch nachdenken, ob diese Maßnahme gerechtfertigt war.

Solange ich auch bei strengster Betrachtung einen nennenswerten Schaden für die Allgemeinheit in Wulffs Verhalten nicht erkennen kann, verweigere ich mich dieser Hetzjagd. Und spare mir meine Empörung auf für Vorgänge, die sie wirklich wert sind. 2012 wird heavy genug. Kann gut sein, daß wir 2012 wenig dringender brauchen als einen handlungsfähigen, politisch erfahrenen Bundespräsidenten.

Wenn wir noch ein paar Jahre so weitermachen, wird bald niemand mehr, der noch halbwegs bei Verstand ist, Politiker werden wollen. Dann machen wir den Weg frei für Figuren, die uns Hören und Sehen vergehen lassen werden. Die FDP-Karrierebubis, deren einzige Loyalität ihnen selbst gehört, geben uns da schon einen Vorgeschmack.

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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