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Kleiner Ratgeber für den Euro-Kollaps

von Jens Peter Paul | 21. November 2011

Erledigt die US-Schuldenkrise auch den Euro (was die jüngste Entwicklung in Washington nahelegt) oder kommt es doch (wie es zuletzt ausgesehen hatte, erkennbar an den Interventionen Obamas bei Merkel) andersherum? Für die Schuldfrage ist das natürlich wichtig, aber so oder so mehren sich die Anzeichen für eine abrupte Beschleunigung unserer Währungskrise. Brauchbare Ratgeber á la „Was tun, wenn unser Geld plötzlich unbrauchbar wird und man nichts mehr damit einkaufen oder bezahlen kann?“ sind mangels Erfahrungswissen schwer auffind- und nur selten brauchbar, will man nicht gleich sein bisheriges Leben zugunsten des Umzuges auf einen Einsiedlerhof an den Nagel hängen.

Die Folgen einer Währungskrise Version 2.011 lassen sich also nur hochrechnen anhand früherer Geldentwertungen, die freilich unter anderen Umständen stattfanden: Weitaus geringerer Lebensstandard als heute, deutlich ungleichere Verteilung des Wohlstands, zugleich damals aber weit geringere Abhängigkeit von technischer Infrastruktur sowie fremder Versorgung mit Energie und Lebensmitteln. Das wiederum wird die Krisenfolgen für den Durchschnittsbürger auf einigen Feldern geringer, auf anderen ungleich heftiger ausfallen lassen, als es etwa 1923 und 1948 der Fall war.

Ob etwa im Falle einer eskalierenden Euro-Krise innerhalb von Tagen oder Wochen die Stromversorgung kollabieren wird – etwa, weil Deutschland seine Energieimporte nicht mehr mit einer von Rußland und den OPEC-Ländern akzeptierten Währung bezahlen könnte und/oder die Mitarbeiter der Energieversorger aus demselben Grund nicht mehr zur Arbeit gingen, läßt sich nur vermuten. Das gleiche gilt für die Frage, ob und wie lange Tankstellen, Supermärkte, Bauernhöfe noch Euro akzeptieren würden.

Daß gleich zwei von Angela Merkel in jüngster Zeit vollzogene Entscheidungen – Abschaffung der Wehrpflicht, Abschaltung von Atomkraftwerken – die ohnehin riesigen Probleme im Falle eines Geldnotstandes auf existentiell wichtigen Feldern (Innere und Äußere Sicherheit sowie Energieversorgung) potenzieren werden, sei nur am Rande vermerkt. Auch der glühendste Atomkraftgegner sollte hoffen, daß der Bundesumweltminister genug Phantasie und Grips hat, um dafür Sorge zu tragen, daß die von ihm abgeschalteten AKW notfalls ohne allzugroßen Vorlauf wieder in Betrieb genommen werden könnten. Mein Vertrauen ist indes auch hier gering.

Sinnvoll wäre es sicherlich, sich zumindest auf eine mehr oder wenige chaotische Übergangszeit – zwei bis drei Monate sollten realistisch sein – vorzubereiten, die die Bundesbank im Fall des Falles für die materielle und logistische Vorbereitung einer Währungsreform, also für den Druck einer Grundausstattung an neuen D-Mark (oder wie immer man die neue Währung dann nennen würde) bräuchte. Natürlich hätte ein verantwortungsbewußt handelnder Bundesbankpräsident längst den Druck neuer Banknoten in Auftrag geben müssen, um eben die kritischste Phase nach dem Euro-Kollaps so kurz wie möglich zu halten.

Andererseits ist auch klar, daß sich ein solcher Schritt schwerlich geheimhalten ließe, eine Agenturmeldung „Deutschland lässt D-Mark drucken“ aber innerhalb von Minuten ein beispielloses weltweites Chaos auslösen und das Todesurteil (nicht nur) für den Euro bedeuten würde. Axel Weber hätte hier als letzte Amtshandlung seinem Land einen letzten – vorzugsweise diskreten – großen Dienst erweisen können. Doch das ist ja nur eines der historisch einmaligen Dilemmata, in die uns die Europäische Währungsunion gebracht hat.

Die folgenden Überlegungen stammen vom vergangenen Dezember und wurden aktualisiert.

Für Deutschland könnte ich mir vorstellen, daß das allgemeine Tohuwabohu schneller vorbeigeht als in anderen Euro-Ländern – wenn sich erst einmal herumgesprochen hat, daß hierzulande die Vorteile einer Währungsreform die Nachteile bereits nach wenigen Wochen überwiegen werden, etwa, weil Benzin, Diesel und Gas um 20 bis 30 Prozent billiger würden gegenüber dem Euro-Niveau. An den Substanzwert der eigenen Lebensversicherungs- oder Rentenansprüche sollte man die nächsten Jahre allerdings lieber nicht denken, sonst kann man sich gleich den Strick nehmen. Aktienbesitzer, die die Nerven behalten oder gar zugekauft haben, werden dagegen schon bald zu den Gewinnern zählen, denn wie schon 1923 und 1948 wird gelten: Nominalwerte und -ansprüche, die auf dem Papier stehen, kann man abschreiben, Substanz und Sachwerte gewinnen.

Wie also vorbereiten auf eventuelle Euro-Chaos-Wochen? Meine Empfehlung: Einen gewissen Vorrat an Schweizer Franken in kleinen Scheinen anlegen, vielleicht auch ein paar hundert US-Dollar (die aber nicht zu lange behalten, sondern zügig ausgeben). In den entsprechenden Grenzregionen können auch polnische Sloty und dänische Kronen ungeahnte Nützlichkeit entfalten.

Zigaretten und Kaffee haben als Ersatzwährungen, anders als noch vor 40 Jahren, heute nur noch geringen Wert, während Brennholz und Briketts nach dem Tag X speziell im Winter gefragt sein dürften, doch leider arg unhandlich sind, also ein Geld-Surrogat für Einfamilienhausbewohner bleiben. Und gäbe es eine Gewächshaus AG, würden deren Aktien abgehen wie eine Rakete, während Kleingartenpächter, speziell mit Interessensschwerpunkt „Obst und Gemüse“, sich vor neuen Freunden kaum noch retten könnten und Opi versprechen müßte, jeden Diebstahlsversuch auch nachts um drei mit seiner historischen Schrotflinte zu beantworten. Den Tank des Autos stets gut gefüllt halten, weil es plötzlich nichts mehr geben könnte und man zudem vielleicht abhauen muß, wenn der Mob um die Ecke kommt.

Wer es sich leisten kann, besorgt möglichst kleine und neutrale Silbermünzen, deren Wertgehalt allgemein anerkannt ist, während im Alltag eher unpraktische Goldstücke in 2011 eher etwas für wohlhabende Menschen sind, die wissen, daß sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auf sehr aufwendige fremde Leistungen oder teure Medikamente angewiesen sein werden, etwa wegen einer schweren Erkrankung. Klar ist: Je höher der Wert der einzelnen Münzen, desto unhandlicher sind sie und desto größer ist die Fehlerspanne, wenn es darum geht, auszuhandeln, welche Gegenleistung man für seine Münze verlangen kann. Die Cent-genaue Berechnung von Preisen macht eine Währung ja so ungemein praktisch – solange sie als solche allgemein anerkannt ist.

Je nach den Folgen des Euro-Crashs – etwa, wenn nur die überforderten Länder aussteigen und die übrigen zunächst in der Währungsunion bleiben – kann es allerdings passieren, daß der (dann) Kern-Euro klar an Wert gewinnt und damit auch national als Zahlungsmittel schnell wieder respektiert wird. Danach sieht es aber nicht mehr aus.

Die Entwicklung geht eher in Richtung einer Konfrontation zwischen Deutschland – weitgehend allein zu Hause – einerseits und 12 oder 13 der übrigen Euro-Länder andererseits, was hieße: Der Euro überlebt, aber als Schwachwährung ohne Deutschland (und eventuell noch den Niederlanden, Estland, Österreich und Finnland). Deshalb: Entwicklungen genau beobachten und es mit der Anschaffung von Not- und Alternativgeld und der Flucht in Sachwerte nicht übertreiben, sich also zum Beispiel auch fernhalten, wenn plötzlich alle zum Immobilienmakler rennen sollten, um diesem auch die letzte Bruchbude überteuert abzukaufen. Schrott bleibt auch nach dieser Krise Schrott.

Ich tippe für Deutschland auf eine radikale Euroabstoßungsreaktion, weil hierzulande nicht einmal mehr ein Minimum an Vertrauen in diese Währung zu retten sein wird und der Zustrom an Euros aus dem Ausland mit seinem gigantischen Inflationspotential ungeachtet aller Kapitalverkehrseinschränkungen anders auch gar nicht gestoppt werden kann, will man keine Mauer diesmal um ganz Deutschland ziehen.

Wie man ohne Blutvergießen jene Euro-Besitzer, die berechtigt sind, ihre Euros in (neue) D-Mark umzutauschen, trennen will von jenen, denen man das verwehren will, etwa weil sie aus Frankreich oder Belgien kommen – das weiß der Himmel. Wäre nett gewesen, wenn die schlauen Erfinder dieser Währungsunion, allen voran Herr Genscher, sich (auch) darüber schon früher einmal brauchbare Gedanken gemacht hätten. Aber die meinten damals ja, es genüge völlig, einen Fall für ausgeschlossen, ja amtlich verboten zu erklären – und – pling! – dann ist er auch ausgeschlossen…

Sollte es also ganz dick kommen, könnten außerdem folgende Dinge über Nacht sehr nützlich werden: Notstromaggregat (kann man die containerweise auf Termin kaufen?) mit solidem Kraftstoffvorrat, ein mindestens zweiflammiger Gaskocher mit einigen Flaschen als Vorrat, Kerzen, ein Monatsbedarf ggf. an Windeln und ähnlichem, etwa Milchpulver, jede Menge Mineralwasser, jede Menge haltbarer Grundnahrungsmittel und für die Brennholzerzeugung – Kaminbesitzer sind hier wie Kleingärtner klar im Vorteil – eine amtliche Kettensäge. Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott. Wer das beherzigt, hat auch in der Krise mehr vom Leben.

Wer einen Mittelweg wählen will zwischen fatalistischem Nichtstun und nervöser Hyperaktivität, der besorgt in den nächsten Wochen stets von den genannten Dingen ein wenig mehr als akut notwendig, im Idealfall Geräte und Vorräte, die sich auch dann nutzen lassen, wenn der Zusammenbruch unserer Währung erfreulicherweise ausbleiben sollte. Aber sage bitte niemand von meinen Freunden und Lesern, ich hätte ihn nicht gewarnt.

Durchgeknallter Quatsch, diese Apokalyptiker-Ratschläge? Ja, klar. Genauso durchgeknallt wie die Idee, mit Italien, Griechenland und Frankreich eine Währungsunion einzugehen. Doch wie hat man vor zehn Jahren oder auch noch vor dreien jene Leute bezeichnet, die eine derart ans Eingemachte gehende Euro-Krise vorhersagten, wie wir sie jetzt haben? Realisten? Eher nicht.

Die Lage ist inzwischen derart fragil, daß die Abwägung zwischen „Vorbereitung auf das Undenkbare wie hier beschrieben“ und „Abwarten und Tee trinken“ inzwischen eindeutig ausfällt. Denn: Selbst wenn es wider Erwarten irgendwie noch gutgehen sollte mit dem Euro und dem US-Dollar, wäre der durch letztlich überflüssige Vorsorge verursachte Schaden absolut überschaubar. Eine Kettensäge wird man immer bei Ebay los. Auch ein Notstromaggregat. Sofern man ein Markenfabrikat gekauft hat.

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