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Toll: Russisches Roulette mit AKW-Streßtests

von Jens Peter Paul | 22. März 2011

   1.   Je ängstlicher Merkel und Westerwelle ihre Zick-Zack-Entscheidungen mit Blick auf Wahltermine treffen, desto gründlicher geraten sie bei eben diesen Wählern in Verruf. Paradoxe Politik wird ihnen paradox vorkommende Wahlergebnisse hervorbringen. Opportunismus wirkte noch nie im Leben anziehend. Oder wie die Süddeutsche Zeitung es nennt: Die Kartenhaus-Koalition.

   2. Typen, die man früher als „Spontis“ bezeichnete, verfügten im Vergleich dazu ja noch über ein in sich stimmiges Weltbild und, darauf aufbauend, halbwegs logisch erscheinende Reaktionsmuster, was sie als spinnert, aber doch einigermaßen berechenbar erscheinen ließ („Bullen kommen = mit Steinen werfen“ oder „Hausbesitzer = dreckiger Ausbeuter = Farbbeutel“). Nicht einmal von diesem Minimum an Berechenbarkeit kann bei dieser Führungsriege noch die Rede sein. Will man solch verwirrten Menschen wirklich weiterhin Regierungsverantwortung überlassen?     

   3.   Jetzt also Streßtests für Atomkraftwerke, am liebsten europaweit. Der jüngste Geistesblitz aus Deutschland,  besonders vehement verlangt von EU-Energiekommissar Günther Oettinger und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Der Plan offenbart, daß die beiden vom Wesen eines durchschnittlichen Atomkraftwerkes auch nach zehn Tagen Fukushima-Berichterstattung immer noch nichts begriffen haben.

   Eine solche Anlage – eigentlich kann das jeder Fernsehzuschauer längst im Schlaf herunterbeten – schaltet man nicht eben ‚mal so ein und aus wie eine Glühbirne. Anfahr- und vor allem Abschaltprozesse in einem AKW sind hochkomplexe und – ähnlich Starts und Landungen eines Flugzeuges – vergleichsweise riskante Vorgänge, die man nicht ohne Not verfügt. 

   Wenn Oettinger nun europaweit „Erdbeben, Hochwasser, Ausfall von Notstromaggregaten und Kühlsystemen, Terroranschläge sowie Cyberangriffe“ in über 100 Atomkraftwerken simulieren will, am besten noch simultan in vielen Anlagen zugleich mit entsprechenden schwer beherrschbaren Spannungsschwankungen im Netz, dann sollte uns angst und bange werden. 

   Guter Mann, ticken Sie noch ganz richtig? Schon einmal davon gehört, daß die Ursache der Katastrophe von Tschernobyl ein simpler kleiner nächtlicher Streßtest war (Simulation eines Stromausfalls)?

   Die wissen einfach nicht, was sie da reden und was sie da tun.

   Wieviele unfreiwillige Streßtests, von denen die Öffentlichkeit nie etwas erfährt, weil sie äußerlich gerade noch einmal glimpflich enden, finden wohl Woche für Woche in europäischen Atomkraftwerken statt? Hier für Transparenz und kritische Aufarbeitung in der Öffentlichkeit zu sorgen, vielleicht in Kombination mit der Auflage einer Haftpflicht-Versicherung, die diesen Namen verdient – das wäre sehr verdienstvoll und böte eine nennenswerte Chance der Etablierung einer Fehlerkultur.

   Reguläre Streßtests aber sind, siehe Banken, nichtsnutzige Showveranstaltungen, im Falle von Atomkraftwerken sind sie Russisches Roulette. Ist vielleicht ein Jurist so freundlich und bereitet für diesen Ernstfall einen Antrag auf Erlaß einer Einstweiligen Anordnung in Karlsruhe vor? Danke!

   Die sogenannten Bürgerlich-Konservativen entpuppen sich mehr und mehr als zu allem entschlossene Feinde unserer Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung, die dringend außer Betrieb gesetzt gehören. Ich bleibe dabei: Je länger ich mir das anschaue, desto deutlicher wird, daß diese Leute ein Fall sind für den Verfassungsschutz, mindestens aber, siehe oben, für das Bundesverfassungsgericht.    

   4.   Wenn nun dank Panik im Kanzleramt innerhalb kurzer Zeit bis zu sieben Atomkraftwerke vom Netz gehen sollen, dann genügt in den Reihen der wenig amüsierten Energiekonzerne e.on, RWE, Vattenfall und EnBW ein Minimum an Lust an Sabotage, diese politische Vorgabe durch ein paar mehr oder weniger unbeabsichtigte Spannungsschwankungen und daraus resultierende Stromausfälle zu desavouieren.

   Das Netz ist ja schon im Normalbetrieb schwer zu handhaben. Wie zu sehen war, genügt die – geplante – Außerbetriebnahme einer über einen Fluß führenden Hochspannungsleitung, damit ein Schiff passieren kann, um noch tausende Kilometer weiter südlich stundenlange flächendeckende Stromausfälle zu provozieren. Bis heute rätseln selbst Experten über den genauen Ablauf jener Kettenreaktion, die die Ingenieure zuvor im schlimmsten Traum nicht erwartet hätten.

   Sollte also, nur als Beispiel, auch nur ein Unbelehrbarer in den vier Vorstandsetagen kurzzeitig dem Irrtum erliegen, mit einem netten kleinen Netzzusammenbruch ließe sich das eigene Anliegen einer Verhinderung der schwarz-gelben Laufzeitverlängerungsverkürzung doch recht anschaulich und basisdemokratisch befördern, indem er dem Netzmanagement bedeutet, es mit der Balance von Einspeisungen und Entnahmen vielleicht ein paar Stunden lang nicht übertrieben genau zu nehmen (Motto: Die sollen sehen, was sie davon haben!), dann wird es in mehrerlei Hinsicht finster.

   Den Schaden allerdings würden nicht, wie jener Konzernmensch vielleicht annehmen würde, Ausstiegsbefürworter davontragen, sondern nach spätestens 24 Stunden aufgeregtester Debatte jene planlosen Schnellabschalter mit Angela Merkel in der Mitte. Die promovierte Physikerin würde ein größerer Stromausfall, den die Medien auf den schwarz-gelben Blitzausstieg zurückführten, hoffnungslos blamieren. Es wäre Merkels ganz persönlicher Blackout, Ergebnis einer Politik, die sich weder politisch noch technisch über die Folgen im klaren ist.

   Daß ihr angesichts der mit jedem Tag schlimmer werdenden japanischen Reaktorkatastrophe in den Augen ihrer Partei unter Machtgesichtspunkten gar keine andere Wahl blieb als eine 180-Grad-Atomwende, würde dann bedeutungslos: Von einer Bundeskanzlerin darf die Bevölkerung erwarten, daß sie eher eine Landtagswahl verloren gibt, und sei sie für das innerparteiliche Gefüge noch so wichtig, als einen Kollaps der Stromversorgung zu riskieren. 

   Wer Kanzler sein will, muß notfalls bereit sein, seine Kanzlerschaft aufs Spiel zu setzen, wenn es um höhere Werte geht. Eben diese Selbstverständlichkeit ist bei Angela Merkel nicht mehr selbstverständlich; die Guttenberg-Affäre war nur der Auftakt eines erstaunlichen Verrates von Werten. 

   Wer hätte das noch vor kurzer Zeit von ihr gedacht?    

   5.   Die japanische Nationalbank schimpft über Spekulanten, die auf eine Fortsetzung des Yen-Höhenfluges setzen, was Japans Exportchancen zusätzlich verschlechtere. Keine Sorge: Wenn erst jeder Chip, der auch nur ungefähr aus Richtung Fernost stammen könnte, vom Rest der Welt argwöhnisch als potentielle Strahlenquelle betrachtet werden wird, also in spätestens zwei Wochen, von großen Konsumgütern wie Sony-Fernsehern oder Toyota-Autos zu schweigen (gleichgültig, wo sie tatsächlich hergestellt wurden), erledigt sich dieses Problem von selbst. Bis dahin dürfen die Damen und Herren Yen-Spekulanten ihre Yen gerne behalten.

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Ergänzung vom 23. März 2011, 19.30 Uhr:

Bei der Abschaltung des Alt-Reaktors Isar1 am Donnerstag vor einer Woche ist es zu einer Panne gekommen. Wie der Betreiber Eon am Dienstag in einer Pressemitteilung auf seiner Homepage mitteilte, wurde beim Herabfahren des Meilers eine Schnellabschaltung ausgelöst. Die Panne habe „keinerlei sicherheitstechnische Bedeutung gehabt“, erklärte eine Eon-Sprecherin. Auch das Umweltministerium, das den Vorfall erst im Lauf des Mittwochs auf seiner Homepage meldete, wollte nicht näher Stellung beziehen. „Das Ereignis hatte keine unzulässigen Auswirkungen auf den sicheren Anlagenbetrieb und die Umgebung“, hieß es lapidar auf der Homepage des Hauses von Minister Markus Söder.

Die Grünen und die Ärzteorganisation IPPNW übten scharfe Kritik. Der Grünen-Abgeordnete Ludwig Hartmann forderte, Eon sofort die Betriebserlaubnis für den Alt-Reaktor zu entziehen.

Eon hatte Isar1 nach eigenen Angaben am Donnerstag gegen 16 Uhr vom Netz genommen. Fünf Stunden später sank der Kühlwasserstand im Reaktordruckbehälter so rapide ab, dass sich die automatische Schnellabschaltung auslöste. „Beim Herabfahren eines Reaktors kommt es immer zu Schwankungen des Kühlwasserstandes“, erklärte die Eon-Sprecherin zu dem Vorfall. „Aber das Sicherheitssystem hat wie erwartet reagiert.“ Anschließend sei das Kühlwasser wieder auf Normalmaß angehoben worden.

Quelle: sueddeutsche.de  –  23. März 2011, 17.18 Uhr

 

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