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Muß Fukushima brennen, wenn der Wind dreht?

von Jens Peter Paul | 16. März 2011

   Ein gütiges Schicksal namens Petrus hat den 37 Millionen Bewohnern des Großraumes Tokio noch eine Nachfrist von einigen Tagen in Form von Westwind gewährt, um sich in Sicherheit zu bringen. Vielleicht dauert diese Frist bis Samstag, Sonntag, Montag, mit viel Glück auch noch ein paar Tage länger. Irgendwann aber stellt sich jede Wetterlage um.

   Daß sich die havarierten Reaktoren von Fukushima bis dahin ausgekotzt haben werden, ist allerdings angesichts ihres Vorrates an radioaktivem Material übelster Sorte nicht sehr wahrscheinlich. Mußte es ausgerechnet die älteste, damit auch am stärksten verseuchte Anlage treffen? Mußten zu allem Überfluß auch noch zusätzlich Tonnen von abgebrannten Brennelementen in den mittlerweile zerstörten Hallen herumliegen? 

   Es ist zu befürchten, daß der Wind innerhalb einer Phase des Todeskampfes der Reaktorsaurier (er kann Tage und Wochen dauern) auf Nord-Süd drehen wird, innerhalb der die bis dahin wahrscheinlich endgültig offenen und brennenden Reaktorkerne ein Maximum an Strontium, Plutonium, Cäsium und Jod in die Atmosphäre ausstoßen werden.

    Wer dann, wie etwa derzeit noch allmorgendlich der liebenswürdige, tapfer in Tokio ausharrende ARD-Kollege Robert Hetkämper unter Verweis auf geheimnisvolle „Hintergrundinformationen“ (doch hoffentlich nicht solche der japanischen Regierung?) immer noch glaubt, Tokio werde schlimmstenfalls von einer nur geringfügig strahlenden Wolke gestreift werden, muß 1986 irgendwie fernab jeder Zivilsation gelebt und auch später das Thema Tschernobyl konsequent ausgeblendet haben.

   So hart es klingt: Die bewundernswerte Gelassenheit der Menschen droht in gefährliche Ignoranz umzuschlagen. 250 Kilometer – das ist kein sicherer Abstand von einem solchen Inferno. Wahrscheinlich ist der südlichste Zipfel der Insel am Ende immer noch zu nahe, aber besser als nichts.

   Es stimmt: Experten betonen wieder und wieder, die japanischen Reaktoren enthielten kein Graphit, das seinerzeit in der Ukraine lichterloh brannte und das radioaktive Material in große Höhen transportierte, worauf hin es sich über ganz Europa verbreitete. Das mag im heute vorliegenden Fall für Rußland und China gut sein – für Japan selbst ist es zusätzlich schlimm, weil es dann in Japan, wenn der Wind entsprechend steht, auch wieder herunterkommen wird, anstatt sich – wie 1986 – weitflächig und entsprechend verdünnt zu verteilen.

   Fazit: Angst vor einer Massenpanik kann nicht länger als Rechtfertigung dienen, die Menschen in Tokio nicht wenigstens zu warnen vor einer möglicherweise in einigen Tagen drohenden, gefährlichen radioaktiven Wolke. Auch wenn es 37 Millionen sind und die Herausforderung beispiellos – sie müssen seriös und umfassend informiert werden, um ihnen die Chance zu geben, auf einer Faktenlage so vollständig wie möglich selbst zu entscheiden, ob sie flüchten wollen oder bleiben. Alles andere wäre kriminell und unentschuldbar. Auch super-disziplinierte, geduldige Menschen haben das Recht, wie Erwachsene behandelt zu werden.

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   Hans-Heinrich Ziemann beschrieb in seinem 1975 erschienenen Roman Explosion im Atomkraftwerk den verzweifelten Kampf einer Bundesregierung gegen die radioaktive Verseuchung des Rhein-Main-Gebietes nach einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Helios, womit nach der Beschreibung Biblis gemeint war. Der Reaktor, so die Story, war nach einem Sprengstoff-Attentat mit – durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, die kein Konstrukteur hätte vorausahnen können – anschließendem Totalausfall der Stromversorgung (station black out) außer Kontrolle geraten, was nicht einmal der Attentäter, der die Anfälligkeit dieser Technologie hatte beweisen wollen, in Betracht gezogen und beabsichtigt hatte.

   Als die radioaktive Wolke gen Frankfurt am Main zu ziehen drohte, eine Evakuierung von 650.000 Menschen (nicht einmal ein Fünfzigstel der Einwohnerzahl, um die es in Japan geht) aber unmöglich erschien, entschloß sich die Bundesregierung – so der Roman weiter – , Darmstadt behelfsmäßig zu räumen und anschließend per Bombardement in Brand zu setzen, um die radioaktive Wolke in die Höhe und damit über dicht besiedelte Gebiete hinweg zu treiben, was schließlich auch – unter unsäglichen Opfern – gelang und Frankfurt rettete. 

   Niemand außerhalb des – hoffentlich existierenden – Krisenstabes in Tokio weiß, ob ein ähnliches Szenario auch bereits für Fukushima durchgerechnet wird. Absurd ist es jedenfalls nicht. In Anbetracht der Tatsache, daß die Chancen auf eine Wiedererlangung der Kontrolle über die Reaktoren nach allem, was man weiß, nur noch gering sind, auch die tapfersten Retter wohl schon bald nur noch dem weiteren Verlauf der Katastrophe aus der Ferne (so ist für sie zu hoffen) hilflos zusehen können, sollte es zumindest geprüft werden.

   Vielleicht würde es, rechtzeitig vorbereitet, in diesem Notfall als ultima ratio ja genügen, einen Ring rund um das Kraftwerksgelände mit allem verfügbarem Teufelszeug in Brand zu stecken, um die radioaktiven Wolken der tödlich verwundeten Reaktoren so weit in die Atmosphäre zu jagen wie irgend möglich.

   Japan müßte seine Nachbarn natürlich zuvor um ihr Einverständnis bitten. Denkbar, daß sie es – angesichts dann auch für sie unkalkulierbarer Gefahren – verweigern. Sie würden sich ihre Antwort aber sicherlich gut überlegen, weil die Alternative selbst nach dem Verursacherprinzip noch hundertmal grausamer ist und sie für die Folgen einer Ablehnung moralische Mitverantwortung übernähmen.

   Die Hoffnung auf einen glimpflichen Ausgang der Katastrophe von Fukushima sinkt von Stunde zu Stunde. Wäre eine wahrhaftige, unabhängige Berichterstattung aus dem Katastrophengebiet möglich, wäre im ganzen Land schon längst der Teufel los und im Großraum Tokio erst recht. 

   Japan ist existentiell bedroht. Untätig zuzusehen, wie ein Drittel der japanischen Bevölkerung in Lebensgefahr gerät – das darf nicht das letzte Wort sein. Selbst wenn am Ende nur bleibt, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben.

   Letztlich liefe es auf die – so noch nie gestellte – Frage an die Weltgemeinschaft hinaus, ob sie bereit ist, das Leid der Japaner zu teilen. 

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   Hans Heinrich Ziemann: Explosion im Atomkraftwerk (Alternativtitel: Die Explosion) Fritz Molden Wien, 1976 ISBN 3-217-05052-5

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