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Japan droht Systemkrise mit Folgen auch für uns

von Jens Peter Paul | 15. März 2011

   1.   Nach dem Tsunami am Freitag gab es ein Zeitfenster von wenigen Tagen, innerhalb dessen für Betreiber, Ingenieure und Helfer wie eine Gruppe tapferer US-Soldaten die Möglichkeit Bestand, auf die Entwicklung in den sechs akut gefährdeten Reaktorblöcken von Fukushima I aktiv und halbwegs geordnet Einfluß zu nehmen. Dieses Zeitfenster scheint sich mit der jüngsten und schwersten Explosion in der vergangenen Nacht geschlossen zu haben. Mittlerweile wird am Kraftwerksstandort offenbar mehr Strahlung frei, als Menschen – wie damals auch in Tschernnobyl – auch nur wenige Stunden ohne schwere gesundheitliche Schäden aushalten können.

   2.   Agenturen zufolge wurden deshalb 800 Kraftwerksmitarbeiter und Helfer in Sicherheit gebracht; verblieben seien – offenbar für alle sechs mehr oder weniger außer Kontrolle geratenen Reaktoren – lediglich 50 Mann, unter ihnen angeblich die erwähnten US-Soldaten. Falls sie nicht über das beste Material der Welt verfügen (wofür leider wenig spricht) und sehr, sehr umsichtig geführt werden (wofür noch weniger spricht), dürften sie nach menschlichem Ermessen und vor dem Hintergrund der Erfahrungen von Tschernobyl schwere körperliche Schäden davontragen und nicht lange arbeitsfähig bleiben.

   3.   Ob es Freiwillige geben wird, die bereit sind, sie im Rahmen von Kamikaze-Aktionen zu ersetzen, ist Spekulation. Mit Blick auf die japanische Mentalität erscheint es sehr gut möglich. In der Sowjetunion war es allerdings – wie sich später herausstellte – 1986 so, daß Hunderte von Arbeitern und Feuerwehrleuten ins radioaktive Inferno geschickt wurden, ohne daß sie jemand zuvor über die schrecklichen Folgen für ihre Gesundheit aufgeklärt hätte. Ein solches Vorgehen kann aus momentaner Sicht angesichts der organisierten Verantwortungslosigkeit, die in der japanischen Betreibergesellschaft (traditionell) zu herrschen scheint und die – ein äußerst ungewöhnliches Ereignis für Japan – den japanischen Ministerpräsidenten zu einem Wutausbruch vor laufenden Kameras provoziert hat, ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.

   4.   Wie dem auch sei – so oder so naht offenbar der Moment, in dem die sechs Reaktoren sich selbst überlassen werden müssen, weil jeder Einflußversuch tödlich enden muß. Vielleicht ließe sich – ebenfalls nach dem Vorbild von Tschernobyl – durch den Abwurf von Materialien aus Hubschraubern noch etwas machen, aber das Risiko wäre ebenfalls groß bei ungewissen Erfolgsaussichten.

   5.   Unterstellt, die sechs Reaktoren samt einer ungewissen Anzahl von Zwischenlagern abgebrannter und damit ebenfalls hochgefährlicher Brennstäbe, die jederzeit zu neuem Leben in Form der Wiederaufnahme unmoderierter Kettenreaktionen erwachen können, müßten demnächst endgültig ohne jede wirksame Kühlung sich selbst überlassen werden, entwickelte sich Fukushima I zu einem radioaktiven Vulkan, der unter Umständen tage- und wochenlang Plutonium, Cäsium, Jod, Strontium in alle möglichen Richtungen, ins Grundwasser und wahrscheinlich auch in den Pazifik hinein ausspucken würde.      

   6.   Mit jeder Drehung des Windes würden immer neue Teile Japans und seiner Nachbarn von radioaktiven Wolken verstrahlt werden, auch der Großraum Tokio, auch früher oder später Rußland. Selbst wenn der Wind ab sofort freundlicherweise wieder von West nach Ost wehte, also vom Reaktor hinaus aufs offene Meer, wäre das nur wenig beruhigend. Wahrscheinlich hören wir nun tage- oder wochenlang – je nach Wetterlage – Alarmmeldungen und – sobald sich der Wind wieder dreht – Entwarnungen. Das ist leider völliger Quatsch, denn selbst wenn der Wind sich dreht, bleibt der Fallout auf den Äckern, auf den Straßen, auf den Häusern und in den Körpern. Er wird bleiben, viele Jahre lang. 

   7.   Die Westküste der USA würde mutmaßlich bald deutlich stärker getroffen als bisher. Und wie lange eine radioaktive Verschmutzung des Pazifischen Ozeans als ungefährlich angesehen werden dürfte, ist dann eine Definitionsfrage. Sushi und Thunfisch aus Fernost dürften – speziell im sensiblen Europa – schon bald unverkäuflich sein. Japan drohen zusätzlich zu allem Leid und Ungemach Exportverbote sowie ein schwerer Ansehensverlust bei nahen und fernen Nachbarn; von späteren Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe abgesehen. Wer sich der Atomkraft in diesem Maße ausliefert, ist im Ernstfall erledigt.

   Wenn Frankreichs Staatspräsident Sarkozy wenigstens über ein Minimum an Grips verfügt, was bekanntlich nicht als gesichert gelten darf, schaut er sich dieses Exempel sehr genau an und zieht seine Schlüsse daraus, denn Frankreich ist für den nächsten GAU schon nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung ein dankbarer Kandidat – und seine Nachbarn hängen dann voll mit drin.

   8.   Eine Verstrahlung großer Teile Japans ist damit angesichts dieser fatalen Entwicklung nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich geworden, zumal der Großraum Tokio als intellektuelles und ökonomisches Megazentrum des Landes besonders gefährdet erscheint. Wenn Tokio arbeitsunfähig wird, fällt Japan ins Koma.

   9.   Die Antwort der japanischen Regierung auf die beschriebenen Vorgänge ist jedoch in jeder Hinsicht unzureichend. Evakuierungszonen von zehn, 20 oder 30 Kilometern oder die Einrichtung einer Flugverbotszone rund um die sterbenden Reaktorsaurier sind angesichts der tatsächlichen Gefahren eine Farce, und als solche scheint sie die japanische Bevölkerung mehr und mehr zu durchschauen, auch wenn die Behörden nach Augenzeugenberichten versuchen, unabhängige Berichterstattung aus der Evakuierungszone zu unterbinden, was aber, wie wir heute wissen, nicht einmal mehr in einer Diktatur noch dauerhaft funktioniert. 

   10.   Offenbar sind die Ereignisse in den Evakuierungszonen so schlimm, demütigend und herzzerreißend, daß sie, würden sie landesweit bekannt, auch den obrigkeitsgläubigsten Japaner veranlassen würden, Reißaus zu nehmen, so weit weg wie möglich von Fukushima. Und das wäre keine irrationale Panik-Reaktion, sondern das vernünftigste, was ein Mensch in dieser Lage machen kann. 

   11.   Bei GAU hilft nur: Abhauen. Je früher und je weiter weg, desto besser. Das der eigenen Bevölkerung verschwiegen zu haben, ist unverzeihlich. Und zwar immer, ungeachtet aller logistischen und sonstigen Probleme. Statt dessen wurden vier wertvolle Tage mit Lügen und Beschwichtigungen verplempert. Helmut Schmidt funktioniert auch hier als extrem zuverlässiger Kontraindikator, wenn er die Desinformationspolitik der japanischen Regierung rechtfertigt.      

   12.  Dies wiederum bedeutet: Japan droht zusätzlich zu allen bereits gegebenen Problemen, von denen jedes einzelne bereits geeignet wäre, ein Gemeinwesen zu ruinieren, auch ein politischer GAU, eine Systemkrise. Nach menschlichem Ermessen wird selbst eine so auf Gemeinsinn, Disziplin und Geduld gebaute Gesellschaft wie die japanische einen derart enormen Verlust an Vertrauen in seine politischen Instanzen nicht ohne schwerwiegende Folgen für eben diese verkraften.

   13.   Ein Regierungssystem, das sich tagelang von einem komplett überforderten und moralisch fragwürdigen Kraftwerksbetreiber vor aller Augen verarschen läßt mit der Folge, daß – unter anderem – bitter notwendige Evakuierungen weit über die angeordneten hinaus unterbleiben, wird in den Augen der Menschen an Legitimation verlieren.  

   14.   Angenommen, Japan schlittert tatsächlich, wie oben beschrieben, demnächst auch noch in eine Systemkrise, dann wird auch diese sich weltweit und ganz besonders in Deutschland medial niederschlagen. Wie zuvor die Sicherheitsfrage wird deshalb auch in Deutschland die Glaubwürdigkeitsfrage, die Systemfrage gestellt werden: Die Japaner wurden von ihrer Regierung wie kleine, unmündige Kinder behandelt. Man hat sie unwissend gelassen, was zusätzliche Opfer zur Folge hatte. Wie ist das eigentlich, verdammt, hier bei uns in Deutschland?

   15.   Wehe der Bundesregierung, die in diesem Augenblick nicht eine lupenreine, über jeden Zweifel erhabene Weste hat. Wehe der Bundesregierung, die auch nur in einer Minderheit der Bevölkerung – eine kritische, hinreichend kommunikativ versierte Masse genügt – die Vermutung hervorgerufen hat, sie habe nicht irgendwelche Moratorien verhängt aus Sorge um die Sicherheit der ihr anvertrauten Menschen, sondern getrickst allein aus Sorge um die eigene Macht, im Blick die nächsten vier Landtagswahlen (inklusive NRW).         

   16.   Die tatsächlichen Motive einer Bundeskanzlerin oder einzelner Ministerpräsidenten sind ab einem bestimmten Punkt gar nicht mehr entscheidend. Sie können in Wirklichkeit so lauter sein, wie sie wollen – wenn das Mißtrauen in die Redlichkeit dieser Akteure bei einer ausreichenden Anzahl von Bürgern einen bestimmten Füllstand überschreiten sollte, wird Japan für Deutschland als Katalysator wirken und auch hierzulande eine Regierungs-, wenn nicht sogar ebenfalls eine Systemkrise auslösen. Ohne Erdbeben, ohne Tsunami, ohne Sechsfach-GAU, einfach so, weil Merkel, zu schlau, um klug zu sein, bis in die eigenen Reihen hinein auch den letzten Kredit verspielt hat – und dann heißt es auch hier: Ende der Veranstaltung, Overload.        

   17.   Die Ergebnisse der heutigen Konferenz von Merkel und Brüderle mit den Ministerpräsidenten von CDU und CSU bedeuten einen großen Schritt genau in die oben beschriebene Richtung. Der Deal zwischen Merkel/Brüderle einerseits und Mappus, Bouffier und anderen andererseits lautet ja im Klartext:

  a) Wir als Bund kommen der alarmierten Öffentlichkeit noch mehr entgegen als gestern angedeutet, indem wir nicht eines oder zwei, sondern gleich sieben der ältesten Atomkraftwerke vorläufig abschalten. Das tut uns und den Energiekonzernen nicht wirklich weh, wird der Opposition aber den Wind aus den Segeln nehmen.

   b) Im Gegenzug behaltet ihr, Ministerpräsidenten von CDU und CSU, anders als gestern abend noch verkündet die Option, nach dem 15. Juni 2011 (wenn die gefährlichen Landtagswahlen überstanden sind) im Extremfall ausnahmslos alle der nun vorübergehend abgeschalteten Kraftwerke wieder einzuschalten. 

   Das ist zu abgebrüht, um als aufrichtig durchgehen zu können.

   18.   Man kann Gift drauf nehmen, daß speziell die Herren Mappus und Bouffier wie die Löwen um ihre AKW-Standorte Neckarwestheim, Philippsburg und Biblis kämpfen werden, weil sie nach wie vor, wie ihre jüngsten Äußerungen beweisen, nichts begriffen haben – außer, daß Merkels Trick für die Union eine Chance sein könnte, die bevorstehenden Wahlen trotz widrigster Umstände und einer ans Idiotische grenzenden Atompolitik doch noch zu überleben. Jedes einzelne Wiederanfahren würde von den Wählern jedoch bis weit in bürgerliche und nicht unbedingt sehr atomkritische Kreise hinein als brutalstmöglicher Zynismus empfunden werden.

   Mappus, dieses Politik-Genie,  glaubt tatsächlich nach wie vor, Angst vor einem GAU sei irrational; vernünftigen Menschen passiere so etwas nicht, doch leider, leider gebe es eben so viele unvernünftige, die er mit seinen rationalen Argumenten nicht erreichen könne – und genau damit rechtfertigt er vor sich und anderen seinen Schwenk vom AKW-Fan zum Schein-Skeptiker.

   Bei Bouffier weiß man nicht, was er denkt; Beobachter vermuten, er erkundige sich in solchen Fällen bei seinem Vorgänger, was er denken soll, gern ergänzt durch praktische Tips von RWE. 

   19.   Sollte Japan aus den beschriebenen Gründen wegen der Verstrahlung großer Landesteile in eine existentielle Krise geraten, anschließend vielleicht auch in eine Systemkrise, dann wird die deutsche Bevölkerung analog auch Merkels Handlungsweise und Motive ihrer Atompolitik extremst genau untersuchen, unterstützt von einer Opposition, die ihr nur zu gerne jede Schweinerei unterstellen wird. Deshalb ist ihre jüngste taktische Volte höchst riskant. 

   20. Wenn Angela Merkel dann von der Bevölkerung bei vermeintlichen oder tatsächlichen Tricks erwischt wird, also bei dieser Prüfung durchfällt, ist sie weg und mit ihr die CDU – für lange Zeit.

   21.   Das wäre dann das zweite Mal, daß das Drama von Fukushima in die deutsche Innenpolitik eingreift – diesmal sogar so massiv, daß ein Regierungswechsel die Folge wäre.

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