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Fukushima und eine schlimme Ahnung

von Jens Peter Paul | 14. März 2011

  Ein Druckwasserreaktor verfügt – vereinfacht geschildert – über zwei Kühlkreisläufe: Einen inneren, geschlossenen, dessen unter Druck stehendes Wasser unmittelbar die heißen Kernbrennstäbe umspült, wodurch das Wasser stark verstrahlt wird, aber innerhalb des Kontrollbereichs bleibt (Primärkreislauf), und einen äußeren, der mit dem inneren über einen Wärmetauscher verbunden ist und die Wärmeenergie des inneren Kreislaufes aufnimmt, dessen Wasser aber mangels direkten Kontaktes weitgehend frei von radioaktiver Strahlung bleibt (Sekundärkreislauf). Der aus diesem Wasser erzeugte Dampf treibt schließlich die stromerzeugenden Turbinen an. Er ist zwar – natürlich – siedend heiß, im übrigen aber harmlos.

   Leider handelt es sich in Fukushima um einfacher aufgebaute Siedewasserreaktoren. Wenn diese nunmehr notdürftig direkt mit Meerwasser gekühlt werden, kann dies eigentlich nur bedeuten, daß dieses Meerwasser direkt mit den teuflisch heißen, überaus radioaktiven Brennstäben in Berührung kommt, weil anders die enormen Energiemengen nicht vom Meerwasser aufgenommen werden können und auch konstruktionsbedingt gar kein Zwischenkreislauf vorhanden ist.

   Das – stark radioaktiv gewordene – Meerwasser verdampft, kondensiert im Reaktorkern, berührt erneut die Brennstäbe, um wieder zu verdampfen, wobei der Druck steigt. Das funktioniert, solange die Brennstäbe eine gewisse Temperatur nicht überschritten haben. Ab diesem Punkt vermag das Wasser die Oberfläche der Stäbe gar nicht mehr zu erreichen, wie es offenbar schon mehrfach in allen drei Reaktoren passiert ist mit der Folge der gesehenen Explosionen. Dann hilft nur, irgendwie noch mehr Wasser hineinzupumpen. 

   Anschließend gibt es, so diese (auf dürftiger Faktenlage beruhende) Ferndiagnose, nur zwei Möglichkeiten: Der aus ehemaligem Meerwasser bestehende, stark radioaktive Dampf entweicht – kontrolliert oder unkontrolliert – in die Atmosphäre oder er hat – abhängig von der konkreten Bauform des Reaktorkerns und des Notfalldesigns der Anlage – an anderer Stelle Gelegenheit, abzukühlen, sich in großen Mengen wieder zu verflüssigen und zurück ins Meer geleitet zu werden.

   In beiden Fällen gerieten von allen drei Reaktoren aus große Mengen an Radioaktivität in die Umwelt – entweder ungefiltert in die Luft oder ungefiltert in den Pazifik, wobei letzteres nur scheinbar und nur auf kurze Sicht die weniger schlimme Lösung darstellt. Möglicherweise findet auch beides gleichzeitig statt.

   Daß das radioaktiv verseuchte Wasser innerhalb des Reaktorgebäudes bleibt, muß angesichts der ungeheuren Wärmemengen, die ungeregelte, außer Kontrolle geratene Brennstäbe erzeugen, als unwahrscheinlich gelten. Vielleicht kann dem Meerwasser zugesetzte Borsäure die Kettenreaktion und so die Hitzeerzeugung bremsen (sogenannte Borvergiftung). Für ein wirklich durchdachtes, planmäßiges Vorgehen der Bedienmannschaften sprechen die spärlichen Informationen aus Fukushima allerdings nicht. Eher scheint hier das Prinzip von Versuch und Irrtum zu herrschen.  

   Die Vermutung, man habe bei der Konstruktion der – zum Teil uralten – Reaktoren Vorkehrungen getroffen, Meerwasser im Krisenfall in ausreichender Menge ohne großen Schaden für die Umwelt, also wasser- und dampfdicht, zur Notkühlung zu verwenden, ist mit Blick auf die verzweifelten Versuche der Improvisation auf dem Kraftwerksgelände wahrscheinlich zu optimistisch, um zutreffend zu sein, zumal offenbar niemand wirklich weiß, was sich in den drei Reaktoren tatsächlich abspielt. Beobachter macht zudem immer mißtrauischer, daß die japanischen Behörden unverändert keinerlei aussagekräftige Meßwerte veröffentlichen.

   Daraus folgt: Höchstwahrscheinlich geraten seit zwei Tagen an der japanischen Ostküste große Mengen an radioaktivem Material in die Umwelt, verschwiegen von der japanischen Regierung aus Angst vor einer Massenflucht, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

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