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tagesschau lobt China für Verhaftungen

von Jens Peter Paul | 27. Februar 2011

   tagesschau-Ausgabe heute mittag 12 Uhr. Die Sprecherin berichtet vom – offensichtlich erfolgreichen – Versuch chinesischer Behörden, mit einem Großaufgebot an Polizeibeamten in Peking und weiteren Großstädten auch nur jeden Versuch eines Hauches einer Demonstration zu unterbinden. Dabei seien auch mehrere deutsche Journalisten und Kamerateams von der Polizei, so die tagesschau, „in Gewahrsam genommen worden“.

   Hallo Hamburg, Hallo NDR, Hallo Chefredakteur Kai Gniffke: Geht’s noch bei Euch? Alles okay? Noch nicht wieder ganz fit nach gestern abend? Oder hatte ein Kollege Dienst, den Ihr (echt nur eine Vermutung) für viel Geld von RTL II abgeworben habt, damit der Euch mal zeigt, wie man in der Stunde dreimal so viele Texte produziert wie ein verknöcherter penibler Altkollege?

   „In Gewahrsam genommen“ – ist das wirklich Euer Ernst?

  Damit sie nicht weiter herren- und orientierungslos in Peking herumirren, kamen sie in staatliche Obhut, wurden mit Futter und Wasser versorgt und anschließend nach einer lieblichen, touristisch gar nicht so uninteressanten Busfahrt zum Stadtrand (gratis!) mit einem freundlichen Klaps und einer leisen Ermahnung vier bis sechs Stunden später wieder ausgesetzt? So oder ähnlich, ja?

   Schade aber auch, daß der diensthabenden Redaktion eine noch liebenswürdigere, behutsamere Formulierung für diesen Vorgang nicht eingefallen ist. Für die nächste Verhaftung deutscher Journalisten durch sogenannte chinesische „Sicherheitskräfte“ (Lieblingswort von Nachrichtenagenturen, wenn eigentlich Unsicherheitskräfte gemeint sind) hätten wir noch ein paar Ideen mit garantiert wirksamem Heile-heile-Gänschen-Schönfärbereffekt (abkupfern kostenlos und nicht strafbar):

    Die chinesische Polizei war so hilfsbereit, einer ganzen Gruppe von deutschen Reportern eine komfortable Mitfahrgelegenheit anzubieten in eine ihrer Vier-Sterne-Unterkünfte für Regimegegner und solche, die es werden könnten. Dafür hat sie keine Mühe, keinen Aufwand gescheut.

   Ohne diesen hätten die deutschen Journalisten in ihrem Wahn von Presse- und Meinungsfreiheit ihren Zuschauern in Deutschland am schönsten Sonntagmittag am Ende noch dummes Zeug über eine Handvoll fehlgeleiteter Chinesen erzählt, die tatsächlich nichts besseres zu tun haben, als die unendliche Weisheit des chinesischen Regimes in Frage zu stellen und auch für China ein Quentchen Freiheit und Achtung der Menschenrechte zu verlangen – und davor mußten sie diese Naivlinge natürlich bewahren. Auch und gerade im Interesse der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen!

   So konnte nichts passieren, aufwendige Überspielungen per teurer Satellitenleitung wurden vermieden, und nicht nur in Peking, sondern auch hier in Hamburg sind jetzt alle froh!

   Die Nachrichtenagenturen haben ihre Standards aus Kostengründen mehr und mehr verraten. Ihre Texte ungeprüft zu übernehmen, ist längst fahrlässig und gefährlich. Vom ZDF erwartet man, alles so schön bunt hier, hihi, ebenfalls schon lange nichts mehr im Hinblick auf Präzision und Sprachgefühl in den Nachrichten. Daß nun aber auch die schwergewichtige Tante  ARD-aktuell auf diesem Parkett immer häufiger ins Schleudern gerät und ausrutscht (heute dann auch noch in ureigener Sache) – und dann merkt es in dem Riesenladen noch nicht einmal jemand: Das ist schon bitter.

   Liebe Kollegen, bitte nehmt den verantwortlichen Redakteur einmal in Gewahrsam und fragt ihn, was er sich, bitte schön, bei diesem Text gedacht hat. Und ob er glaubt, diesen Text auch den betroffenen Kollegen – vom ZDF und aus dem eigenen Haus, dem NDR – in Peking gegenüber vertreten zu können. Die finden den bestimmt ganz super, gell!

   Und wenn Sie schon einmal dabei sind, erklären Sie auch gleich noch Ihren Sprecherinnen und Sprechern, die auch nicht ganz doof sind, daß sie keineswegs laut Dienstvertrag verpflichtet sind, ausnahmslos jeden Quatsch unreflektiert vorzulesen, der ihnen von der Redaktion vorgesetzt wird. Flüstert ihnen, daß ein Chefsprecher wie weiland Karl-Heinz Köpcke dieses Manuskript dem Verantwortlichen um die Ohren geschlagen hätte und daß es – anders als offenbar von ihnen vermutet – auch heute nicht mit einer Abmahnung bestraft wird, gegebenenfalls einmal nachzufragen, ob sie das wirklich gleich so vorlesen sollen, wie es hier auf dem Teleprompter steht.

  Danke.

  P.S.: faz.net verwendet jetzt die gleiche mißglückte Formulierung.

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