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Westerwelles Geiselbefreiung nicht kritikwürdig

von Jens Peter Paul | 24. Februar 2011

   In der Financial Times Deutschland erschien gestern ein bemerkenswerter Kommentar: Außenminister Guido Westerwelle wurde gelobt. Ausdrücklich. Für seinen Mut, als erster aus der Riege der verzagten Diplomaten auszubrechen und ungeachtet zu befürchtender Nachteile für das ölabhängige Deutschland Sanktionen gegen Libyen zu verlangen, um dem Morden des untergehenden Regimes Einhalt zu gebieten.

   „Na also“, wird man sich am Werderschen Markt im Ministerbüro sagen, „geht doch!“. Klar geht es. Nach eineinhalb Jahren heftigstem Guido-Bashing keimt hier und da in der Medienszene eine leise Sehnsucht nach einem neuen Umgang mit diesem Mann. Er muß den Journalisten nur die Chance geben. Sie werden offen sein. Noch hat er als Außenminister gerade jetzt, wo Arabien brennt und die Europäische Union ein jämmerliches Bild abgibt, alle Schlüssel dazu in der Hand. Leise, ein wenig mutig, aber wirksam. Dann klappt’s auch mit den Medien.

     Die in einigen Blättern gleichzeitig zu lesende verhaltene Kritik an Westerwelle, er habe den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad durch seine Kurzreise nach Teheran zwecks Heimholung der beiden unglücklichen Bild am Sonntag-Reporter unnötig aufgewertet und mit seinem Handschlag für den Judenhasser sogar gegen gültige Embargo-Absprachen verstoßen, ist ein wenig wohlfeil.  

   Was wäre die Alternative gewesen? Die beiden Deutschen im iranischen Knast verschimmeln zu lassen? Staatsministerin Pieper in Vertretung zu schicken in der Gewissheit, daß selbst ein Wahnsinniger wie Ahmadinedschad sich nach dieser Begegnung nie wieder an einem Deutschen vergreifen würde, weil sie ja erneut auftauchen könnte? Das erste hätte die Bundesregierung nicht durchhalten können, das zweite wäre ein Verstoß gegen die UN-Menschenrechtskonversation gewesen, deren Einhaltung man gerade vom Iran nachdrücklich – und meist vergebens – verlangt.

   Westerwelle mußte sich schon selbst bemühen; der Axel-Springer-Verlag, der in der ganzen Angelegenheit von Anfang an alles andere als eine gute Figur machte, hatte die Regierung durch sein amateurhaftes Verhalten in ein Dilemma manövriert, das anders nicht zu lösen war. Regierungen, denen das Schicksal ihrer Staatsbürger nicht gleichgültig ist, sind in solchen Fällen erpressbar; goldene Lösungen gibt es dann nicht mehr, die GSG-9-Option ist eine sehr seltene – und überaus riskante – Ausnahme.

   Immerhin schöpfen wir aus dem Vorgang zwei Erkenntnisse: Ahmadinedschad muß schon Geiseln nehmen, damit ihm ein westlicher Diplomat wenigstens noch einmal für 15 Sekunden die Hand gibt. Und: Es ist ihm offensichtlich sehr wichtig, daß ihm westliche Diplomaten die Hand geben. Der Iran ist nach wie vor, auch wenn man es oft nicht glauben mag, besorgt um sein internationales Ansehen. Diese Information ist nicht so banal, wie sie klingt.

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   Ergänzung vom 25. Februar 2011: Welch feines Gespür die Menschen für die Performance eines Spitzenpolitikers haben, zeigt sich im ZDF-Politbarometer von heute. Danach legt Guido Westerwelle mit minus 1,0 gegenüber minus 1,6 in der ersten Februar-Umfrage deutlich zu und kommt auf seinen besten Wert seit fast einem Jahr. Für zu Guttenberg und seinen Fanblock verheißt das nichts gutes.

   Ergänzung vom 26. Februar 2011: Das Auswärtige Amt legt Wert auf die Feststellung, Westerwelle habe diesem Herrn 4,37586 Sekunden lang die Hand gegeben und nicht 15 Sekunden lang. Ein AA-Mitarbeiter habe die Zeit gestoppt, ein zweiter habe unmittelbar hinter dem Minister mit Pest-erprobtem Desinfektionsspray bereit gestanden, von dem Westerwelle sofort nach dem Ereignis ausgiebigst und dankbar Gebrauch gemacht habe. Okay. 

   Ahmadinedschad wundert sich dem Vernehmen nach noch heute über dieses „seltsame Deo“ seines Besuchers. Aus seinem Umfeld traue sich aber niemand, ihn aufzuklären, weil sie doch auch ein wenig an ihrem Leben hingen. 

http://www.ftd.de/politik/international/:ende-der-zurueckhaltung-westerwelles-tabubruch/60015963.html

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