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Angela spielt Democrazia Christiana

von Jens Peter Paul | 22. Februar 2011

   Guttenberg ist als Minister nicht mehr tragbar, aber er ist ein fähiger – manche sagen schon: gefährlich begabter – Demagoge. Das ist eine wichtige Erkenntnis aus den vergangenen Tagen, als er erstmals in seiner politischen Karriere richtig unter Druck stand, weil es diesmal nicht um andere ging, sondern um ihn selbst. Fassungslos macht aber die Nachricht, daß die Bundeskanzlerin bereit ist, sich diesem Mann auszuliefern, weil sie eine Kabinettsumbildung vermeiden will, koste es, was es wolle. Sie übernimmt das gerade in Hessen erprobte Wagenburg-Konzept, obwohl sie doch wissen muß, daß der Feind nicht von außen anrennt, sondern die Gefahr direkt neben ihr steht.

   Guttenberg ist nicht klug, er ist nicht einmal schlau, er ist nur dreist und skrupellos bei der Verteidigung dessen, was er für seine Interessen hält. Bei den auch nur halbwegs seriösen Medien hat er innerhalb einer Stunde jeden Respekt verspielt. Das gelang noch keinem. Er nimmt das in Kauf. Der Entlastungsangriff von Bild in der morgigen Ausgabe „Heute stimmt Deutschland ab – der Guttenberg-Entscheid!“ offenbart den antiparlamentarischen, ja antipolitischen Impuls dieses Ministers und seiner Verteidiger. Der Springer-Verlag hat eine böse Ahnung und baut vor: Was scheinbar als Unterstützung der Union daherkommt, soll in Wirklichkeit der Kanzlerin auf perfide Weise die Möglichkeit nehmen, Guttenberg zu entlassen, wenn sie es für angezeigt hält, weil die nächste Eskalationsstufe der Affäre droht. Scheiß auf das Grundgesetz?

   Spätestens an dieser Stelle sollte die Union hellhörig werden, welchem Geist sie sich hier eigentlich unterwirft. Der von ihr gestellte Bundestagspräsident Lammert hat das längst gemerkt und als bislang einziger auch gesagt, aber mit jeder Kritik an Fehlentwicklungen wirkt er isolierter in den eigenen Reihen, wird hinter vorgehaltener Hand als Nestbeschmutzer beschimpft; seine Resignation dürfte nur eine Frage der Zeit sein. 

  Aber das Thema ist nicht ausgestanden. Bild liegt insofern richtig, als der Höhepunkt noch bevorstehen dürfte. Es genügte nun ja, wenn auch nur eine(r) der Autorinnen und Autoren, die er für seine sogenannte Dissertation in mühsamster Kleinarbeit beklaut hat, ihn jetzt wegen vorsätzlicher Verletzung seiner Urheberrechte anzeigt (wozu der Direktor des Deutschen Bundestages inzwischen allen Anlaß hätte, vielleicht sogar verpflichtet wäre), was laut Paragraph 106 UrhG mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft wird. Dann hat der Herr Minister ein Ermittlungsverfahren am Hals (mit für ihn hoffnungsloser Beweislage) und Angela Merkel das nächste Megaproblem. Wird Bild dann mit Verweis auf selbst produzierte Umfrageergebnisse dazu aufrufen, den ermittelnden Staatsanwalt zu lynchen? Es wäre konsequent. Wer Augen hat zu sehen, der sieht: Hier läuft eine ganz üble Geschichte.    

   Nicht viel geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß durch Recherchen, Zeugenhinweise oder Selbst-Outing jener Ghostwriter auftaucht, dessen Existenz selbst Guttenbergs Parteifreunde als nach Lage der Dinge wahrscheinlichste Erklärung für das Doktordesaster vermuten. Dann ginge Merkel mit Guttenberg unter. 

   Bisher genießt die Pfarrerstochter als Persönlichkeit Ansehen weit über ihren Wählerkreis hinaus, was unter anderem begründet liegt im Jahr 2000, als sie Helmut Kohl abservierte, weil er für die CDU moralisch untragbar geworden war. Im beschriebenen – und alles andere als unwahrscheinlichen – Fall, daß Guttenbergs miese Tricks endgültig auffliegen, wäre es aber auch um ihre Integrität geschehen. Guttenberg ist, wie man staunend erkennen mußte, nicht der Allerhellste. Ausgerechnet in der für einen Politiker eminent wichtigen Disziplin „Folgenabschätzung“ ist er eine komplette Niete. In Hessen würde man sagen: Der denkt nicht von 12 bis Mittag. Eine schlimmere Fehlbesetzung im BMVg ist kaum denkbar, wo es gerade jetzt täglich um Optionen, Szenarien und potentielle Konsequenzen für dem Minister anvertraute Menschenleben geht.

   Aber Angela Merkel? Die Versuchsanordnungen doch so liebt – hier hat sie einen klassischen Fall vor sich auf dem Tisch – und politische Prozesse von ihrem Ende her zu denken pflegt? Da sind wir baff.

   Was dann mit ihrer Partei geschehen würde, könnte ein historisches Vorbild in Italien haben: DC, Democrazia Christiana, Absturz in die Bedeutungslosigkeit wegen moralischen Bankrotts. Ist Merkel in Wirklichkeit eine getarnte Grüne mit Geheimauftrag, die CDU zu ruinieren?

   Für die von ihr abgehalfterten Andenpakter hat diese These schon heute einiges für sich. Aber irgendwie paßt diese Nummer nicht zu dieser Frau, die wir als vorsichtig kennen. Macht sich der Aderlaß in ihrem Beraterkreis langsam auf diese Weise bemerkbar? Raubt ihr die Euro-Krise, die angesichts ihrer möglichen Folgen und der höchst undankbaren Schlüsselrolle Deutschlands ausnahmslos jeden Kanzler, und sei er ein Genie, an seine Grenzen bringen, ja überfordern würde, die mentalen Ressourcen zu einer nüchternen Beurteilung der Guttenberg-Affäre? 

   Was ist los mit Angela Merkel?

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