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Sprachstümper aus dem Abendland

von Jens Peter Paul | 30. Januar 2011

   Die Zeiten, in denen man in den meisten Spiegel-Ausgaben nicht einen einzigen Rechtschreib-, Grammatik- oder Interpunktionsfehler entdecken konnte und schiefe Bilder nach bestem Wissen vermieden wurden, sind lange vorbei. Der Ehrgeiz, seinen Lesern ein möglichst fehlerfreies Produkt abzuliefern, ist spätestens mit Rudolf Augstein dahingegangen; eine Entwicklung, die sicherlich auch mit dem Bedeutungsverlust der hauseigenen Dokumentation zusammenhängt, während gleichzeitig das Bestreben, am besten noch in der Nacht zum Samstag, wenige Minuten vor dem Andruck, Artikel ins Blatt zu heben, um irgendwie mit schnelleren Medien mithalten zu können, übermächtig wurde. Nur ein Beispiel von vielen: Artikel im jüngsten Spiegel-Heft über die Restaurierung verloren geglaubter Skulpturen.  

   Was dem Käufer inzwischen an Sprachschlampereien zugemutet wird (während der Heftpreis nun im Jahresrhythmus steigt), erscheint mir allerdings bereits als peinlich. Wer so achtlos schreibt, offenbart damit nicht nur Mangel an Respekt (nicht: mangelnden Respekt – denn das bedeutete, wenn man genau hinsieht, das Gegenteil) gegenüber seinen Rezipienten, sondern – und das ist weit schlimmer – eine Nachlässigkeit im Denken, die den Leser zwangsläufig an der Substanz des Dargebotenen zweifeln läßt: Wirklich durchdacht kann diese Arbeit nicht sein.

   Im folgenden ein Beispiel aus der jüngsten Spiegel-Ausgabe, auffällig nur in seiner Massierung von sprachlichen Fehlern und Ungereimtheiten, aber keineswegs ein Einzelfall. Die Verwendung des Konjunktivs ist im Heft längst Glücksache; einige Monate lang schien seine falsche Nutzung, etwa in der Rubrik Personalien, sogar Vorschrift gewesen zu sein. Von einem – gerade für ein Nachrichtenmagazin inhaltlich überaus wichtigen – Unterschied zwischen Konjunktiv I und Konjunktiv II hat eine Mehrheit der Autoren anscheinend (und nicht lediglich scheinbar) noch nie gehört. Und das, obwohl es doch – nur als Beispiel – elementar ist, ob ein Ereignis – nach Meinung des Autors – unter gewissen Umständen stattgefunden hätte (es hat aber nicht) oder ob es – nach Darstellung einer bestimmten Quelle – tatsächlich stattfand. 

   Oder die vermaledeite Zeichensetzung: Schreibe ich „Der stellvertretende Parteivorsitzende, Harald Mustermann, tat dieses und jenes“ bedeutet dies etwas anderes, als wenn da steht: „Der stellvertretende Parteivorsitzende Harald Mustermann tat dieses und jenes“. Im ersten Fall gibt es nur einen Stellvertreter, im zweiten mehrere. Das mag meistens egal, kann aber im konkreten Fall ein großer Unterschied sein. So oder so interessiert es nur zu oft weder die Schreiber des Spiegel noch jene etwa der F.A.Z.  

   Grotesk wird es, wenn man (erfundenes Beispiel) lesen muß: „Der außenpolitische Experte der SPD-Fraktion, Hans-Ulrich Mustermann, nannte den Vorgang …“ Arme SPD-Fraktion! 146 Mitglieder, aber nur einen einzigen Fachmann für Außenpolitik! Daß der Mann „politisch“ ist, von mir aus auch „außenpolitisch“, halte ich bei einem Bundestagsabgeordneten übrigens für ähnlich selbstverständlich wie bei den sogenannten „politischen Beobachtern“, wie Beobachter der Politik gerne bezeichnet werden.

   Die unpolitischen Beobachter findet man dann wahrscheinlich auf der Besuchertribüne, wo sie die „soziale Schieflage“ der Bundesregierung aus der Nähe erleben können, die sie nach Meinung der Opposition eigentlich doch aber unsozial finden sollen. Kommt es in der Folge dann gar zu „Unruhen“, werden auch diese mir als „sozial“ verkauft, obwohl sie das – gerade in Berlin – nicht sind, verlieren dabei doch nur zu oft auch die Besitzer von Kleinwagen ihr mühsam zusammengespartes Eigentum und Polizeibeamte, Gerichtsvollzieher,  Journalisten sowie zufällig anwesende Passanten ihre Unversehrtheit, weil eine kleine Gruppe von Asozialen glaubt, ihre fragwürdigen Interessen mit Steinwürfen und Attentaten durchsetzen zu müssen. 

   Häufen sich sprachliche – meist auf gedankenloses Nachplappern zurückzuführende – Pannen, ergänzt durch unlogische, ja absurde Sprachbilder, glaube ich dem Autor bald kein Wort mehr, weil ich vermuten muß, daß einer, der so liederlich schreibt, auch liederlich recherchiert, liederlich denkt. Immer wieder kann der Leser nur vermuten, was ihm der Schreiber eigentlich mitteilen wollte.   

   Im folgenden nun meine Anmerkungen zu jenem willkürlich ausgesuchten Artikel. Natürlich gibt es im Einzelfall keine endgültige Wahrheit; was mir komplett verunglückt erscheint, werden andere nicht beanstanden wollen, während weitere Rügen Dritten arg kleinkariert vorkommen mögen. Sollte es mir gelingen, den Empfänger an der einen oder anderen Stelle nachdenklich zu stimmen, weil er den Grundgedanken meiner Kritik nachvollziehen kann, so wäre mir das genug. Zitate aus dem Artikel sind kursiv

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   Im Juli 1930 hatte der Diplomat …  ein Privatmuseum gegründet. … Doch dann brach der Zweite Weltkrieg aus.

Dieses Doch dann legt eine kurze Frist nahe, doch hier beschreibt es einen Zeitraum von nicht weniger als neun – für das Schicksal der Welt im übrigen entscheidenden – Jahren. 

   Nun jedoch sind die Denkmäler wiederauferstanden. … Bereits im Oktober 2001 begann ein vierköpfiges Sortierteam damit, das Puzzle zusammenzusetzen.

Die Grammatik negiert die tatsächliche zeitliche Abfolge, denn es soll ja wohl betont werden, daß die Restaurierung satte zehn Jahre in Anspruch nahm. Gemeint war also (mutmaßlich): Bereits im Oktober 2001 hatte ein vierköpfiges Sortierteam damit begonnen… Das wiederum ist aus einer anderen Perspektive nicht plausibel: Von 1943 (Bombenangriff) bis 2001 hatten die Trümmer unbearbeitet herumgelegen, 58 lange Jahre, da will „bereits“ erst recht nicht passen. Es hilft nichts: Diesen Satz hätte man auseinandernehmen und neu zusammensetzen müssen.

   Schließlich lupfte ein Kran die klobigen Monumente hoch: An Stahlketten baumelnd, schwebten sie von außen durch die oberen Fenster des Pergamonbaus.

Einen Ball mag man lupfen, also mühelos anheben, ein Kleidchen – ein tonnenschweres Gestein nicht. Auch ein noch so kräftiger Kran vermag das nicht, sonst herrschten in solchen Momenten auf der Baustelle nicht Schweigen und Konzentration und man vernähme nicht das Surren der Drahtseile und die Anstrengung des Motors. Herunter lupfen gibt es nicht, also ist das „hoch“ überflüssig (unterbewußt immerhin merkte der Autor, daß sein Verb nicht taugte). Entweder baumeln die Monumente, also pendeln hin und her, oder sie schweben, aber nicht beides zugleich. Hätten sie tatsächlich gebaumelt, wären nach dieser Beschreibung (mindestens) die Fensterrahmen zu Bruch gegangen, wenn nicht die Museumsfront. Da Hinweise auf Trunkenheit des Kranführers nicht vorliegen, wird er das zu verhindern gewußt haben.

   Die Gesamtlast der Schmuckstücke liegt bei etwa 30 Tonnen.

Gemeint ist wahrscheinlich: Die Gesamtlast, die von den Helfern per Kran zu bewegen war, also die der Kran tragen mußte (nicht die „Schmuckstücke“ selbst, ein Begriff, der geringe Ausmaße, zumindest Zartheit oder Anmut suggeriert, also ebenfalls leicht daneben wirkt), liegt bei 30 Tonnen. „Bei“ signalisiert bereits, daß es sich um einen „etwa“-Wert handelt.

   Keine Frage: Berlin steht Gewichtiges bevor.

Wenn diese Behauptung über jeden Zweifel erhaben ist – warum muß das dann noch betont werden? Heißt dies im Umkehrschluß, daß alle anderen Behauptungen dieses Artikels fragwürdig sind? Der ganze Satz ist ein Fall für die Löschtaste.

   Für Andrang dürfte aber auch der Entdecker der Figuren sorgen.

Max von Oppenheim sorgt für nichts und niemanden mehr, denn er ist seit 65 Jahren tot. Gemeint ist wahrscheinlich, daß der Name, der Ruf des Max von Oppenheim das Interesse an dieser Ausstellung noch steigern wird.

   1908 im Basar von Kairo wagte er sich an eine verheiratete … Araberin… …die … bewacht von einem muskulösen Eunuchen zum Dampfbad schritt. So steht es in seinen Lebenserinnerungen.

Gemeint ist wahrscheinlich: So steht es in den Lebenserinnerungen Oppenheims (der in diesem Absatz aber nicht namentlich erwähnt wird), nicht in denen des Eunuchen. Möglicherweise trifft den Autor hier aber keine Schuld, weil er die – teilweise erratische – Einfügung von Absätzen in diesen Artikel sicher nicht (durchgängig) zu verantworten hat.  

   Zudem scheute er keine Mittel beim Freilegen des Ruinenhügels „Tell Halaf“.

Oppenheim hat eine ganze Reihe von Mitteln „gescheut“, (glücklicherweise) zum Beispiel Dynamit und allzu grobe Maschinen, denn sonst wären seine schönen Fundstücke schon bei der Entdeckung kaputt gegangen. Gemeint ist wahrscheinlich: Oppenheim scheute keinen Aufwand.

   Wegen eines ungewöhnlich harten Winters in Nordmesopotamien lagen überall stinkende Tierkadaver im Sand.

Minusgrade und Schnee mögen in Mesopotamien besonders unangenehm sein, sollten aber auch dort freundlicher Weise Verwesungsprozesse zuverlässig hemmen, was Geruchsbildung unwahrscheinlich macht. Gemeint ist wohl: Oppenheim durchquerte die Wüste in ortsüblicher Hitze – nach einem ungewöhnlich harten Winter.

   Am Fuß der Siedlung plätscherte ein Nebenfluss des Euphrat, der die Schiffe bis in den Indischen Ozean brachte.

War der Nebenfluß so groß, daß er schiffbar war, was den Abtransport der Fundstücke natürlich enorm erleichterte – und „plätscherte“ doch nur wie ein Bächlein? Papierschiffchen also? Oder war doch erst der Euphrat groß genug, um schiffbar zu sein? Doch was ist dann der Sinn dieses Hinweises?

   … 1933 … stürzten halbbetrunkene Männer ins Lokal und brüllten: „Juden heraus!“. Ein Schrecksignal, das auch Oppenheim betraf. Die Nürnberger Rassegesetze von 1935 degradierten ihn zum „Mischling ersten Grades“.

Oppenheim wußte also schon 1933, daß man ihn zwei Jahre später zum „Mischling“ „degradieren“ würde, erschrak also schon einmal vorsorglich? Erneut eine verunglückte Schilderung einer zeitlichen Abfolge, zumal die Szene von 1933 in diesem Zusammenhang ohne Belang ist.

   Finanziert wurde die Fahrt … von Hermann Göring, der Gemälde und Antiquitäten aus halb Europa zusammenklaute.

Ach, hätte Göring sie doch nur „geklaut“, also eine „gegen fremdes Eigentum gerichtete Straftat“ begangen, die laut Gesetz (sonst ist es kein Diebstahl mehr) ohne Anwendung von Gewalt gegen Menschen vonstatten geht! Es wäre schlimm genug gewesen, aber nein: Göring hat ganze Kunstsammlungen geraubt und rauben lassen, und daß dabei niemand verletzt worden sei, wird wohl auch der unbegabteste Journalist nicht behaupten wollen.

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