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Warum Helmut Kohls Sohn „Walter“ heißt

von Jens Peter Paul | 24. Januar 2011

Interviewfrage (J. P. Paul):  […] Je nach Blickwinkel werden Sie dafür bewundert oder verdammt: Sie gelten als Machtpolitiker par excellence. Und so ein Mann gibt Stimmen her für ein Projekt [die Einführung des Euro], das ja im Prinzip ein antinationales, ein antinationalistisches ist. Die Galionsfigur der deutschen Konservativen gibt die Herrschaft über die deutsche Währung auf.

Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl:  […]  Ich habe in meinem Leben immer Visionen gehabt. Und eine Vision ist doch nicht eine Frage, die ich aus Machtgesichtspunkten aufgebe!

Verstehen Sie: Ich bin ein Machtmensch, okay – was heißt eigentlich: Wieso bin ich Machtmensch? Wenn einer Bundeskanzler ist, will etwas durchsetzen, muß er doch ein Machtmensch sein! Und wenn er gescheit ist, dann weiß er: Jetzt ist eine Zeit reif, um etwas durchzusetzen. Und wenn er gescheit ist, dann weiß er: Es gibt Sachen, da muß ich warten.

Es ist mein volles Leben: In einem Fall war ich wie ein Diktator, siehe Euro, in einem Fall war ich ein Zauderer, habe alle Probleme ausgesessen. Ist immer noch der gleiche Helmut Kohl, von dem wir reden. Mit Machtmensch hat das nichts zu tun. Der Euro ist ja nur ein Synonym für Europa. Verstehen Sie: Für mich ist die Idee der Einigung Europas nicht irgend eine Sache wie dem Riester seine Rentenversicherung. Das ist eine wichtige Sache, aber von der Qualifikation ist das ein Nichts gegenüber dem Euro! Die Rentenversicherung wird jetzt geändert, wird wieder geändert, wird noch einmal geändert. Aber Europa hat zum ersten Mal keinen Krieg mehr. Das muß man doch einmal sehen! Das ist doch ein historischer Bezug.

Bei dem historischen Bezug kommt es jetzt doch nicht darauf an, ob ich die Wahl gewonnen habe oder nicht. Ich schiele doch nicht auf die Geschichte, ich bin doch nicht der Weizsäcker, daß ich morgens aufstehe und gucke, ob ich ins Geschichtsbuch hineinkomme. Da könnte man noch weitere nennen. Nein: Ich habe eine Vision mit anderen, daß endlich in Europa nie wieder Krieg ist. Verstehen Sie?

Ich will es Ihnen in einer nicht rührseligen Geschichte sagen, die sich da vorne wiederholt (deutet auf seinen Schreibtisch mit einer Pietà-Miniatur) in der Käthe-Kollwitz-Plastik. Der Bruder meiner Mutter ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Da haben meine Eltern in katholischer Tradition ihrem ersten Sohn den gleichen Namen gegeben. Mein Bruder. Der ist im Zweiten Weltkrieg gefallen. Und als unser ältester Sohn, dessen Bild dahinten steht, auf die Welt kam, habe ich zu meiner Frau gesagt: ,,Suche Du den Namen aus.“ Sie kannte ja meinen Bruder nicht. Meine Frau ist Flüchtling, mein Bruder bei Kriegsende gefallen, sie hat ihn ja nie gesehen. Da hat sie gesagt: Walter – das gefällt ihr gut. Also: Walter.

Dann hat meine Mutter natürlich wissen wollen, wie der Bub heißt. Da habe ich gesagt: Das erfahren wir im Krankenhaus. Da hat sie das gesagt. Ich bin ja ein Nachgeborener, deshalb sind meine Eltern sehr alt gewesen. Da war sie richtig verspannt. Der Gefallene ist sozusagen in unserer Familie von einer Aura umgeben. Die Wirklichkeit ist nie so, wie sie dann später erzählt wird. Bei Müttern ist das ja ein Teil ihres Herzens, das da mit umgebracht wird. Beim Herausgehen hat sie mich dann auf dem Gang am Jackett genommen und gesagt: Kann man das ein drittes Mal machen? Da haben Sie die Antwort auf Ihre Frage.

Diese Sache – ich habe das bisher nicht erzählt – steht in den Memoiren von allen möglichen Leuten. Denn auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Scud-Kurzstrecken-Raketen Ende der 80er Jahre, vor der Einheit aber, hat die Margaret Thatcher einmal im Kreise der westlichen Regierungschefs eine gewaltige Rede gehalten: Man müsse Mut haben und so weiter. Sie wollte zu den anderen Raketen noch die Scud. Und in der Scud haben wir [Deutschen] überhaupt keinen Sinn gesehen. Die hat nämlich eine Reichweite von 500 Kilometern.

Das heißt: Du hast sie in Hermeskeil abgeschossen und dann ist sie auf Rostock gefallen. Oder umgekehrt. Das hat den Russen einen Scheißdreck interessiert. Die hätte die Polen vielleicht noch in Breslau getroffen, aber das war den Russen erst recht egal. Bei den Mittelstreckenwaffen war ja der durchschlagende Erfolg: Das war in Moskau [gemeint ist: Pershing II wären mit ihrer Reichweite in Moskau eingeschlagen], das war im Kreml. Das heißt: Tod oder Überleben. Aber die Scud hat gar nichts bedeutet. Dann hat sie da herumgetobt. Ich habe mich gemeldet – sie hatte kein Wort gesagt, was mich betrifft – und ihr gesagt: Gemeint hast Du die Deutschen.

Dann habe ich noch einmal gesagt, warum das überhaupt nicht in Frage kommt. Wir machen das nicht. So, und das sage ich jetzt privat als Helmut Kohl, nicht als Bundeskanzler. Dann habe ich die Geschichte mit meiner Mutter erzählt. Da war Totenstille. George Bush hat auf seine Tischkarte geschrieben: ,,Helmut, this was a fine speech“. Das Thema war weg. Das bewegt mich. Das ist mein eigentlicher Hintergrund von der ganzen Geschichte.

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Auszug aus dem Interview mit Helmut Kohl, wie es in der aktuellen Monographie „Zwangsumtausch – Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften“ vollständig dokumentiert ist. Details: www.zwangsumtausch.eu 

 

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