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Die USA und das Fliegentrutz-Paradoxon

von Jens Peter Paul | 30. November 2010

Donald Duck gilt zwar als Tolpatsch, glänzt in verschiedenen Berufen aber als absoluter Könner, so als kunstfliegender Wolkenschieber und Regenmacher sowie in einer anderen Geschichte als Großmeister der Abbruchunternehmer. Seine anmutigen Bagger-Pirouetten gelten seit Jahrzehnten als stilbildend in der Branche, ohne jemals erreicht worden zu sein. Kein Wunder also, daß Duck mit der Zeit die Bewunderung der Entenhausener zu Kopfe steigt und er eine gewisse Arroganz entwickelt.  

Eines Tages erhält Duck den Auftrag, das verlassene Fort Fliegentrutz am Rande einer Steilküste unweit Entenhausens abzureißen. Massiv, wie das Fort gebaut ist, nutzt sich Donald Ducks Abrißbirne dabei bis auf ein winziges Kügelchen ab. Jenes nimmt er zum Abschluß und pustet es durch ein Röhrchen auf das morsch geschlagene Fort, woraufhin es sang- und klanglos ins Meer rutscht. Eleganter geht es nicht. 

Durch diese Arbeit Ducks werden allerdings Millionen von Fliegen obdachlos. Eine von ihnen, eine einzige, revanchiert sich, indem sie auf  das folgende Auftragspapier einen winzigen Klecks setzt (wobei offen bleibt, ob sie die Folgen ihres Tuns einzuschätzen vermag). Dadurch wird aus der „13“ der Adresse des nächsten Abbruchhauses eine „19“. Donald Duck zerlegt aus Versehen das (intakte) Haus Nummer 19 und ist fortan in Entenhausen blamiert, sein Unternehmen am Ende.

Ein winziger Feind, aus einer gesichtslosen Masse heraus, mit dem bis vor kurzem niemand gerechnet hatte, in der Lage, bis dato (aus Sicht seiner Gegner) unvorstellbare Verheerungen und Veränderungen auszulösen: Das Fliegentrutz-Paradoxon. Ein furchtloser Pfarrer aus Wittenberg. Ein gedemütigter Gefreiter aus Österreich. Ein schratiger Millionärssohn aus Riad. Und jetzt: Ein Informant, möglicherweise ein vom Irak-Krieg gebrannter 23 Jahre alter Obergefreiter, mit Zugriff auf den Nachrichtenverkehr des State Department, einer von 300.000.

Welche Moral hat diese Geschichte? Muß, darf man die jeweiligen Konsequenzen des Fliegentrutz-Paradoxons als unabwendbar hinnehmen, weil man unmöglich die Folgen des eigenen Tuns für alle Menschen, ja alle Lebewesen auf der Erde im Auge behalten kann? 

Vielleicht hilft folgender Gedanke weiter: Je mehr Feinde man sich macht, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß einem einer der Entrechteten, Frustrierten, Haßerfüllten, Empörten, Trauernden zum Verhängnis wird.

Als dieser intellektuell ja nicht allzu anspruchsvolle Zusammenhang (den die deutsche Außenpolitik übrigens unausgesprochen bis vor wenigen Jahren noch erstaunlich konsequent beherzigte) nach dem 11. September 2001 einmal auch in Deutschland kurz (von Jürgen Trittin) angesprochen wurde, bekam er (von Schröder und dem Mainstream) so heftig eines auf die Mütze wg. Tabuverletzung und Mißachtung der deutsch-amerikanischen Freundschaft, daß an eine auch nur halbwegs erhellende Diskussion über Ursachen und Konsequenzen dieses Verbrechens, die auch und besonders im wohlverstandenen Interesse der USA gewesen wäre, nicht zu denken war und ist.

Klarer Fall, was unser Land betrifft, von miserablem Timing des Grünen. Aber weil es bis heute zwischen scheinbar solidarischem Schweigen zu den Ursachen derartigen Terrors einerseits und haßerfüllter Häme gegenüber den USA andererseits nichts gibt, gilt als Folge: Neun Jahre nach 9/11 kann von einem Rückgang der Zahl der Feinde der Vereinigten Staaten, von einer Verringerung ihrer Gefährlichkeit leider nicht ernsthaft die Rede sein.

Im Gegenteil: Alle Welt einschließlich den USA selbst wartet auf den nächsten großen Knall. Und wenn ein Verrückter nichts besseres zu tun hat, als die US-Diplomaten weltweit bloßzustellen, macht dies diesen Knall noch ein bißchen wahrscheinlicher, denn wer vom oben umrissenen Personenkreis noch kein Motiv hatte für einen verbrecherischen Plan. findet es seit gestern bei Wikileaks bestimmt.

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