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Schlingensief und die Trauer um eine Chance

von Jens Peter Paul | 23. August 2010

Man könnte meinen, die Vertreter der obersten drei Verfassungsorgane seien gemeinsam zu Tode gekommen und die Trauerartikel und -bilder auf den Seiten 1 der Zeitungen könnten gar nicht groß genug ausfallen – so maßlos heute die mediale Aufbereitung des Todes von Christoph Schlingensief.

Doch abgesehen vom krassen Mißverhältnis zwischen Presseecho dieses Ereignisses einerseits und der tatsächlichen Bedeutung dieses Aktionskünstlers andererseits wundere ich mich schon lange über folgendes:

Vom ersten Tag der Diagnose „Lungenkrebs“ an erklärte Schlingensief aller Welt, ließ es jedenfalls unmißverständlich anklingen, er halte es für zutiefst ungerecht, daß es ausgerechnet ihn treffe, ihn, Prototyp des guten Menschen, der dieser Welt noch so viel zu geben habe. Daß er wie selbstverständlich davon ausging, in den Himmel zu kommen (um sich dort dann schrecklich zu langweilen), ist vor diesem Hintergrund nur konsequent. Kruzifix massenweise raus aus den deutschen Wohnstuben, an seine Stelle das gerahmte Röntgenbild der nicht zu rettenden Regisseurslunge: Das wäre sicher ganz nach seinem Geschmack gewesen.

Eigentlich, so der Tenor, könne es sich also nur um einen tragischen Irrtum des Lieben Gottes handeln, den dieser doch bitteschön umgehend rückgängig machen möge. Er, so die Botschaft, habe dieses Schicksal nun wirklich nicht verdient. 

Natürlich darf man so etwas, da nisi bene, nicht über einen soeben Verstorbenen sagen, und dennoch tue ich es: Mich hat diese Inszenierung in ureigener Sache fassungslos gemacht. Sie war subkutan feindselig gegenüber jenen vielen tausend Krebspatienten, die sich natürlich auch fragen „Warum gerade ich?“, aber niemals auf die Idee kommen würden, sich für auserwählt, für privilegiert zu halten gegenüber anderen Betroffenen, ja unausgesprochen für wert-, weil wirkungsvoller als diese. Und schon gar nicht kämen sie auf den Gedanken, ihren Leidensweg auf allen denkbaren Kanälen der schockierten, aber auch voyeuristischen Öffentlichkeit zu kommunizieren, wenn sie wie ein Prominenter die Ressourcen dafür hätten, was für 99,9 Prozent der Krebsopfer natürlich nicht gilt.

Am bedrückendsten aber ist: Diese live übertragene Selbstanbetung war nach allem, was man über Schlingensiefs früheres Verhalten weiß, nicht ehrlich. Nicht ehrlich gegenüber sich selbst, nicht ehrlich gegenüber seinen Mitmenschen, die er mittels der Massenmedien unaufhörlich bearbeitete. Wenn Berichte und Schilderungen zutreffen – eine seriöse, belegte Darstellung ist auch mit großem Aufwand nicht aufzutreiben, und dafür hat in erster Linie er selbst gesorgt – , nach denen der Regisseur bis zu seinem 40. Lebensjahr kräftig geraucht hat, dann hätte er sich später nicht beim Lieben Gott über die Konsequenzen beschweren sollen oder bei Herrn Parsifal (diese Bayreuther Inszenierungsarbeit war ja in Wirklichkeit der Auslöser – meinte er allen Ernstes – siehe Zitat unten), sondern bitteschön bei den freundlichen Damen und Herren der internationalen Zigarettenindustrie, unverändert eine Milliarden-Profit-Branche, deren Zynismus nur von Waffenherstellern und -händlern übertroffen wird (obwohl Marlboro & Co. inzwischen – mit steigender Tendenz – weltweit für noch mehr zerstörte Schicksale verantwortlich sind als jene), und natürlich bei seiner eigenen Unfähigkeit, sein Suchtverhalten zu korrigieren. Und genau das ist hier der springende Punkt, der Urfehler dieser Kampagne.

Lungenkrebs als mysteriöses, von Parsifals bösen Geistern beeinflusstes Schicksal zu deklarieren und nicht als das, was es ist, nämlich ein in den allermeisten Fällen vermeidbares Phänomen – das trägt reaktionäre, weil systemstabilisierende Züge und ist das glatte Gegenteil einer der Aufklärung verpflichteten Künstlerarbeit. Gerade an dieser Stelle ein unglaublicher Vorwurf, ich weiß, aber leider so lange begründet, wie sich Berichte über früheren starken Tabakkonsum nicht als unzutreffend herausstellen. Geschähe dies, würde ich diesen Kommentar noch im selben Moment löschen und mich bei C. S. – dann sicher im Himmel – in aller Form entschuldigen. Derzeit gibt es dafür aber leider keinen Anlaß. Allfällige Beschimpfungen werde ich, sofern sie auf Unkenntnis der tatsächlichen Umstände meinerseits beruhen, in der gebotenen Demut zur Kenntnis nehmen.  

Christoph Schlingensief hat, das ist nach vorliegenden Informationen die banale Erkenntnis, zu spät das Rauchen aufgegeben. Hätte er seine letzte Kippe mit 30 weggeworfen und nicht erst mit 40, wäre er nach menschlichem Ermessen heute noch am Leben. Schlingensief war nicht der ahnungslose Nichtraucher, als den er sich gerne bezeichnen ließ, er war – und das ist hier ein großer Unterschied – ein Ex-Raucher.

Damit ist klar, womit er – er selbst und niemand sonst – seinem Schicksal einen Sinn hätte geben können: Dieses seinem Publikum in aller Offenheit zu sagen. Mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln, und die waren bekanntlich sensationell groß. „Leute, hätte ich mit 30 aufgehört, müsste ich jetzt nicht grausam an Lungenkrebs verrecken. An dieser erbarmungslosen Geißel, der die Ärzte unverändert in neunzehn von zwanzig Fällen machtlos gegenüber stehen.“ Und: „Als ich mit 40 endlich aufhörte, war es leichter, als ich dachte, doch wie ich heute weiß, war es zu spät.“ Das hätte er sagen können, und wenig wäre sinnvoller gewesen in solcher Lage. Er tat es, so meine Recherche nicht fehlerhaft war, nicht. Wer wirklich Verläßliches berichten kann, das definitiv nicht auf Hörensagen beruht, über früheren Tabakkonsum oder auch nicht sowie seinen öffentlichen Umgang damit, möge mir schreiben.    

Diese seine Botschaften blieben aus zugunsten eines, ja, verdammt, selbstgerechten Gejammers, weil sie die Erkenntnis in die eigene Verantwortung für das Geschehen vorausgesetzt hätten, anstatt, wie er es tat, finstere Mächte anzuklagen. Er hatte sein Leben, wie alle Raucher, im wahrsten Sinne selbst in der Hand. Dieses Versäumnis macht Schlingensiefs Tod noch sinnloser als ohnehin.

So sollte man heute nicht nur um einen Menschen trauern, sondern auch um eine großartige Chance.    

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Aus dem Tagesspiegel vom 5. September 2008 (Interview mit Ausnahme des Zitates sinngemäß zusammengefasst):

Was Schlingensief während seiner Krankheit neben Glaubensfragen besonders bewegte, war die damit verknüpfte Frage nach dem Warum. Das Rauchen hat er schon vor Jahren aufgegeben. Der Regisseur glaubt an eine Verbindung zur Parsifal-Inszenierung in Bayreuth, die Frage nach dem Tod: „Für mich war der Parsifal ein Weltabschiedswerk, und das habe ich sehr ernst genommen. Vielleicht zu ernst.“ 

Ähnliche Äußerungen über die Ursache seiner Erkrankung gibt es zu Dutzenden.

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