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USA ein Pflegefall – doch wer soll ihnen folgen?

von Jens Peter Paul | 11. August 2010

Wenn die Zeitungen heute titeln „Auch Pentagon muß sparen“, dann ist dies nur ein Vorgeschmack auf die unruhigen Zeiten, die uns bevorstehen, denn die USA sind pleite – und es beginnt sich herumzusprechen. Wir brauchen eine neue Weltordnung, doch wir haben keine Ahnung, wie diese aussehen könnte.

Der Ausfall der Vereinigten Staaten wird die Machtverhältnisse auf unserem Erdball in einem bisher unvorstellbaren Maße durcheinanderwirbeln. Daß ausgerechnet ein Mann wie Barack Obama diesen jahrzehntelang – auch und besonders von den Republikanern – konsequent vorbereiteten Konkurs offiziell wird anmelden müssen, ist besonders tragisch. Die ideologischen und alltäglichen Irrtümer und Fehler der US-Gesellschaft, diese totale Abwesenheit von jeglicher Nachhaltigkeit, wohin man auch sieht, gründen jedoch so tief, daß auch der beste Präsident der Welt keine Chance gehabt hätte, im Wege eines New Mental Deal noch rechtzeitig umzusteuern. Dazu braucht es wohl leider erst den totalen Bankrott, den sogar das US-Medienunternehmen Bloomberg heute http://www.bloomberg.com/news/2010-08-11/u-s-is-bankrupt-and-we-don-t-even-know-commentary-by-laurence-kotlikoff.html nach den jüngsten, problematischen Entscheidungen der US-Notenbank verkündete. Irgendwann werden auch die patriotischsten Ratingagenturen nicht länger umhinkommen, den Tatsachen ins Auge zu sehen, und seien die Folgen auch noch so unkalkulierbar.

Zwar haben die USA spätestens seit 1964 in ihrer Außen- und Sicherheitspolitik Fehler über Fehler begangen, aber die Alternativen lassen einen noch mehr gruseln. Europa, Rußland, England, China, Südamerika, Japan sind allesamt selbst gebeutelt von Führungsschwäche und eigenen Problemen, von Afrika zu schweigen. Weit und breit ist niemand in Sicht, der das sich abzeichnende Machtvakuum zum Nutzen der Menschheit ausfüllen könnte.

Kanada, Großbritannien (die neue Regierung gibt in schlimmer Ausgangslage immerhin Anlaß zu Hoffnung), die skandinavischen Länder und Deutschland könnten in einer solchen Lage noch am ehesten fähig sein, ein Modell zu entwickeln, das einen globalen Bürgerregionenländerkrieg aller gegen alle verhindern kann.

Wahrscheinlicher ist aber, daß es in den Staaten, die sich bislang noch in der Machtsphäre der USA befinden – und das sind viele – , jahrzehntelang ähnlich zugehen wird wie nach 1991 auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion. Das Herrschaftsmodell der USA hat sich längst als untauglich erwiesen, aber ein großer Teil der Welt ist aus verschiedenen Gründen nicht reif genug, sein Schicksal – ohne Beschirmung durch die USA – in die eigenen Hände zu nehmen.

Keine schönen Aussichten. Unter diesen Umständen wäre es vielleicht sogar billiger, die USA – wie hier bereits im September 2008 angeregt – mittels eines umgekehrten Marshallplanes finanziell und vor allen Dingen mental (dies sogar zuerst, weil jede Überweisung sonst verschwendet wäre) neu aufzubauen. Die Europäische Union wird sich aufraffen und zu einer ernstzunehmenden Führungsmacht wachsen müssen, im ureigensten Interesse, um – zum Beispiel im Verein mit Kanada, Brasilien, Japan und, soweit möglich, China – ein völliges Tohuwabohu abzuwenden. Es wird eine Lage entstehen, die von vielen Regierungen und Regimes sehr, sehr schnelles Lernen und Entwickeln erfordern wird; sie werden innerhalb von Wochen über sich hinauswachsen und unter anderem ernsthaft eine neue, viel wichtigere Rolle der UNO durchsetzen müssen.

Deutschland steht hier jenseits aller wirtschaftlichen Erwägungen auch moralisch in einer besonderen Verantwortung, denn es hat der – wenigstens hier – überaus klugen Außenpolitik der USA zwischen 1943 und 1990, zwischen Befreiung vom Nazi-Regime und deutscher Wiedervereinigung, viel zu verdanken. 

Alles in allem wird der Bankrott der USA, der natürlich auch einen Dollar-Crash zur Folge haben wird, den Rest der Welt aber komplett auf dem falschen Fuß, in einem denkbar ungünstigen Moment erwischen. Betrachtet man sich die jüngsten Auftritte etwa unserer Kanzlerin, scheint unser Führungspersonal noch nicht einmal zu ahnen, was da anrollt. Al Kaida kann seinen Terror im Prinzip heute noch einstellen. Der Konkurs der letzten Großmacht läuft längst von ganz allein, und man kann nicht einmal behaupten, andere seien schuld. 

Die gute Nachricht ist: Eine auf militärischer Gewalt, also auf Tod, Leid und Zerstörung basierende Außenpolitik funktioniert nicht mehr. Die schlechte: Eine alternative, bessere Autorität ist jedenfalls im globalen Rahmen noch nicht zur Hand.            

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