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Wie Merkel ihre Lage heute auch sehen könnte…

von Jens Peter Paul | 1. Juli 2010

Historiker werden sich irgendwann einmal über diese Bundesregierung, diese Kanzlerin wundern: So viele Chancen – und so wenig Optimismus und Gestaltungskraft, so eine schlechte Presse! Alle Möglichkeiten, Woche für Woche bessere Konjunktur- und Arbeitsmarktzahlen – und nichts daraus gemacht! War, so deren Frage in vielleicht 20, 30 Jahren, Angela Merkel einfach, mit Verlaub, zu doof zum Regieren? Oder fehlten ihr an entscheidender Stelle essentielle Abwehrkräfte im medialen Sperrfeuer?

Zu den unverzichtbaren Kernkompetenzen eines Bundeskanzlers gehört es, sich nicht von den Medien ins Bockshorn jagen zu lassen. An Tagen wie diesem mit verheerendem Kommentarecho trotz gewonnener Machtprobe mit der Opposition ist das wichtiger denn je. Längst ist ja eine direkte Korrelation zu erkennen zwischen der Ausprägung dieser Fähigkeit und der Dauer der Amtszeit.

Adenauer beherrschte die Instrumentalisierung der Zeitungen – unter freilich medial vergleichsweise übersichtlichen Bedingungen – perfekt (14 Jahre), Erhard war ihnen weitgehend hilflos ausgeliefert (3 Jahre), Kiesinger desinteressiert (3 Jahre), Brandt – obgleich gelernter Journalist – ebenfalls zuletzt hilflos (5 Jahre), Schmidt kämpferisch (9 Jahre), Kohl in seiner Ignoranz glänzend (16 Jahre), Schröder fatal abhängig (7 Jahre) mit zuletzt suizidalen Folgen.

Und Merkel? Anfangs eiferte sie, unter leichteren Bedingungen, Kohl (auch) auf diesem Feld nicht ohne Erfolg nach. Kohl konnte sich nur deswegen so lange behaupten, weil er die Phasen unterirdischer Zustimmungsraten – und derer gab es längere vier bis fünf – genial in wahlfreie Zeiten zu legen verstand. So ließ er miserable Umfragewerte in politischer Irrelevanz verpuffen und lachte sich ins Fäustchen.

Stand eine tatsächlich für ihn wichtige Wahl an – 1994, Scharping galt bis Anfang dieses Jahres in den Medien schon als so gut wie gewählt, ist ein glänzendes Beispiel – , drehte Kohl rechtzeitig auf und den Kommentatoren, die ihn schon hundertmal („Kohl kaputt“) abgeschrieben hatten, erneut eine lange Nase.

Ein möglichst kühler Vergleich der medialen mit der tatsächlichen politischen Lage dürfte sich also stets lohnen. Natürlich kann sich Merkel jetzt wochenlang an den beiden mißlungenen Wahlgängen der gestrigen Bundesversammlung abarbeiten. Doch welche Zutaten und Voraussetzungen hat sie zu Beginn neuer Versuchsreihen an diesem 1. Juli tatsächlich auf ihrem Experimentiertisch, wenn sie richtig hinschaut? Wäre nicht folgendes, ganz persönliches Resümee aus Sicht der Kanzlerin schlauer, als nun in Depression zu verharren?

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1. Ich habe meinen Kandidaten, den ich ausgesucht habe und niemand sonst, trotz deutlicher Charisma-Abwesenheit mit absoluter Mehrheit durchbekommen, und bereits morgen wird er in Bellevue einziehen und mit Sommerfest, Spielecke und Kinderlärm im Schloß die Köhler-Pleite vergessen machen.

2. Okay, daß wir alle ein bißchen zittern mußten gestern, war nicht so schön, aber wer konnte schon ahnen, daß SPD und Grüne einen Kandidaten aus dem Hut zaubern, mit dem sie politisch kaum etwas gemein haben? 40 Leute aus dem eigenen Lager konnten Gaucks Anziehungskraft nicht widerstehen, aber das finde ich, AM, in dieser Ausgangs- und Konkurrenzsituation eher wenig als viel. Eine ernsthafte Generalabrechnung mit mir und meiner Regierung hätte anders ausgesehen. Chapeau, Trittin und Gabriel, netter Coup, vielleicht hätte ich wirklich selbst darauf kommen können, aber gebracht hat es Euch letztlich doch nichts. Wir haben gewonnen und Ihr habt verloren. Wie schon 2004 und 2009.

3. SPD und Linke kriegen selbst dann nichts gemeinsam auf die Reihe, wenn der mögliche Nutzen aus deren Sicht gigantisch wäre: Machtwechselanbahnung. Auch das hat der gestrige Tag eindrucksvoll bewiesen. Lieber enthalten die sich und sind sogar noch stolz darauf. Mit ein bißchen Grips hätten die sogar gleich im ersten Wahlgang Wulff vernichten können und mich gleich mit. Deren Verhältnis ist jetzt zerrütteter denn je. Von diesem Befindlichkeitskindergarten geht echt keine Gefahr aus. Dumm für die SPD, gut für mich.

4. Die Konjunktur entwickelt sich viel besser als erwartet; der Arbeitsmarkt läuft geradezu genial. Mit ein bißchen Glück können wir noch dieses Jahr die Unterschreitung der 3-Millionen-Grenze bei den Arbeitslosenzahlen verkünden, was auch unsere Defizite weiter mildern wird. Was will ich mehr? Und wer war es? Ich wars. Müßte nur mal jemand den Leuten sagen.  

5. NRW geht flöten. Unschön. Andererseits: Der Rüttgers hat mich schon lange genervt. Die neuen Verhältnisse im Bundesrat werden es mir erlauben, eine Politik zu fahren, die mir ohnehin viel mehr liegt. Ich muß nur das Beste daraus machen! Durchregieren auf meine Art eben, hihi…

6. Wackelt meine Mehrheit im Bundestag? Nö. Ganz im Gegenteil: Ich bin komfortabler ausgestattet als die allermeisten meiner Vorgänger. Erpressungspotential: Gering. Schröder wird mich heimlich beneiden.

7. Wenn jetzt der Wilhelm auch noch abhaut, habe ich tatsächlich, das stimmt, ein Beratungsdefizit. Als Think Tant ist meine Beate, meine Gute, alleine vielleicht doch ein wenig überfordert. Ich brauche einen Staatsminister für Besondere Aufgaben. Einen Demokratielehrer sozusagen. Werde den Gauck im Laufe des Sommers, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat, mal fragen, ob er Lust hat, und ihm erklären, daß er mir für’s Schloß zu schade war.

Kann mich jemand daran hindern? Nein. Ich muß es nur wollen. 

Freue mich heute schon auf Gabriels Gesicht, wenn er das erfährt. Per SMS.

         

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