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Abschied von Professor Josef Esser

von Jens Peter Paul | 12. März 2010

300 Kollegen, Freunde, Angehörige, Studenten und Ehemalige nahmen gestern in der Trauerhalle des Frankfurter Hauptfriedhofes Abschied von Professor Josef Esser. Der Politikwissenschaftler war am Mittwoch vergangener Woche mit nur 66 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben.

Am bewegendsten die Trauerrede seines alten Freundes, Kollegen und Nachbarn Kurt L. Shell, international geachteter Amerikakenner und -forscher und längst selbst Legende unter den Politikwissenschaftlern.  Shell bezeichnete Essers frühen Tod als zutiefst ungerecht, schilderte, wie er ihn wenige Stunden zuvor noch einmal habe sehen und seine Hand halten dürfen, sich gegenseitig auf diese stille Weise ein allerletztes Mal ihre Freundschaft versichernd. Umgekehrt, so ließ Shell durchblicken, wenn Esser irgendwann eine Totenrede auf ihn, den „so viel Älteren“, hätte halten müssen, hätte er es in Ordnung gefunden – so aber nicht.

In Esser, so Shell, verliere er einen ungemein vielseitigen, gebildeten Menschenfreund, mit dem man über (natürlich) die Politik, über klassische Musik genauso gewinnbringend habe reden können wie über den Lauf der Welt im allgemeinen und die Niederungen der Fußball-Bundesliga im speziellen, um irgendwann bei Alemannia Aachen zu landen. Josef Esser, 1943 in Aachen in eine kinderreiche Arbeiterfamilie geboren, hielt seinem nicht eben erfolgsverwöhnten Club lebenslänglich die Treue, was selbst in diesem Detail irgendwie typisch für ihn war.

Ähnlich der Tenor der Ansprache von Joachim Hirsch, mit dem Esser gerne zusammen forschte und schrieb: „Jupp“, wie er von Freunden genannt wurde, habe sich bei seiner Emeritierung 2008 so auf seinen Ruhestand gefreut, darauf, sich seinen vielseitigen Interessen jenseits von Forschung und Lehre endlich ausführlicher widmen zu können, zu denen er, dieser „leidenschaftliche Wissenschaftler und Lehrer“ (Dekan Andreas Nölke), zu aktiven Zeiten nicht gekommen sei – niemand betreute am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität mehr Diplomanden und Doktoranden als Josef Esser – , doch es habe nicht sollen sein.

Das Schicksal kann so unfair sein – diese bittere Feststellung zog sich wie ein roter Faden durch die einstündige Zeremonie. Er sei ein „Kümmerer“ gewesen, sagte Berthold Huber, der Vorsitzende der IG Metall. Essers Rat und Begleitung, seine weite Sicht auf sich anbahnende gesellschaftliche Entwicklungen, speziell der Arbeitswelt, würden den Gewerkschaften fehlen. Sie hätten einen wunderbaren Freund verloren, hilfreich, kritisch und bei allem doch diskret.   

Josef Esser absolvierte eine – heute möglicherweise so schon wieder gar nicht mehr mögliche – prototypische Karriere des zweiten Bildungsweges. Sein Leben zeigt, was an Talenten und Erfahrungswissen für den Universitätsbetrieb verlorenzugehen droht, wenn die Einkommens- und Vermögenslage des Elternhauses wieder ausschlaggebendes Kriterium wird für eine akademische Ausbildung, so sie es nicht bereits ist.

Esser nahm mich 1995 als Doktorand an, obwohl er mich kaum kannte. Aber offenbar interessierte ihn das Thema, der mühsame Prozeß der deutschen Teilnahme an der Europäischen Währungsunion, seinerzeit noch in vollem Gange bei ungewissem Ausgang, und das schien ihm wichtiger als die Frage, ob ich jemals in einer Vorlesung von ihm gesessen hatte. Josef Esser hatte auf eine fast altmodische Art Respekt vor seinen Studenten, so sie denn ein Mindestmaß an Ernsthaftigkeit und Neugierde mitbrachten. Dann behandelte er sie, ungeachtet von Alters-, Wissens- und Statusunterschieden, quasi selbstverständlich als seinesgleichen, als, ja, Erwachsene, als Wissenschaftler auf Augenhöhe. Diese Erfahrung gehört zu den wertvollsten meiner Zeit an der Frankfurter Universität.

Das auf der Grundlage der unter seiner Anleitung geschriebenen Dissertation entstandene Buch „Zwangsumtausch – Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften“ wird in wenigen Tagen im Verlag Peter Lang erscheinen. Es ist zu einem guten Teil sein Buch, denn ohne seine Hartnäckigkeit und Neugier – wieder und wieder weitete er den Forschungsgegenstand aus, warf doch jede Antwort vier neue Fragen auf, die dann zusätzlich zu ergründen waren, was mich nur fast, aber nicht vollends zur Verzweiflung brachte, war ich doch regelmäßig spätestens nach dem Gespräch mit ihm genauso neugierig wie er – würde es in dieser, wie ich mit nur einem Minimum an Ironie sagen zu können hoffe, Erkenntnistiefe jetzt nicht gedruckt. Zeit und Fristen spielten für ihn vor diesem Hintergrund nicht wirklich eine Rolle. Erkenntnisgewinn – darauf kam es ihm an. Nicht auf Formalien.

Darauf, das erste Exemplar meinem Spiritus rector zu Ostern persönlich in die Hand drücken zu dürfen, hatte ich mich seit drei Jahren gefreut. Auch daraus wird nun nichts werden.

Wir beide werden also später an anderem Orte darüber sprechen. Und ich weiß schon, was er sagen wird: Jetzt müssen Sie aber das und das noch herausfinden. Und wie war eigentlich die Rolle der …..?              

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