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Mythos in Gefahr: Absatzkrise in Bayreuth?

von Jens Peter Paul | 8. Juni 2009

faz.net, das Internetportal der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nannte es heute morgen „großartige Nachrichten“: Ein „neues, kleines Kontingent an Restkarten“ für die Bayreuther Festspiele sei „in den Verkauf gegangen“. 

Allzu klein kann der Vorrat unverkaufter Karten nicht sein: Für fast alle Vorstellungen der diesjährigen Saison (Tristan, Meistersinger, Parsifal, sogar komplette Ring-Zyklen) sind laut Bestellmaske noch Karten sofort zu haben. Der Link führt den faz.net-Leser zum Online-Vermarkter Eventim. 

Die dort aufgerufenen Summen (ab 490 Euro pro Karte) betragen ein Mehrfaches der von den Festspielen selbst im Internet (www.festspiele-bayreuth.de) veröffentlichten Preise. Roehm-Classics verspricht sogar für jede gewünschte Aufführung dieser Saison noch Karten – mit noch gesalzeneren Aufpreisen (Parsifal für 6.290 Euro pro Person inklusive Hotel-Suite in Nürnberg und Limousinen-Service).

Da die Festspiele einerseits jeden Schwarzhandel zu Wucherpreisen seit jeher schmähen und zu unterbinden suchen, andererseits ein Kartenverkauf in dieser Größenordnung über einen marktbeherrschenden Tickethändler ohne Kenntnis und Billigung des Veranstalters kaum denkbar ist, liegt als Erklärung nahe, daß die Bayreuther Festspiele 2009 erstmals seit Menschengedenken nicht auch nur annäherend ausverkauft sind. Möglicherweise haben Unternehmen und Gewerkschaften (diese traditionell ein Großabnehmer von Karten) Kontingente nicht in Anspruch genommen oder sogar zurückgegeben. 

Inwieweit dies mit der Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun hat, ob ein Besuch einer Bayreuther Wagner-Oper in diesem Jahr als gesellschaftlich nicht opportun erachtet wird (speziell vielleicht von in Bayern und Baden-Württemberg ansässigen, teils sehr exportorientierten Großunternehmen) oder Normalbürger sich diesen Luxus diesmal nicht leisten können, bleibt im Moment Spekulation.

Interessant wäre auch zu wissen, wo die Differenz zwischen Listen- und genannten Verkaufspreisen bleibt. Daß die neuen Intendantinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier dieses Geld allein den Zwischenverkäufern lassen, erscheint angesichts der Finanzlage der Festspiel GmbH nicht wahrscheinlich. Gleichzeitig wäre es politisch angesichts der staatlichen Subventionen gefährlich, die bisherige, halbwegs sozialverträgliche Preispolitik über Bord zu werfen und Bayreuth zu einem Millionärsvergnügen zu machen, und sei es heimlich über Bande. Wenn sogar die FAZ, die man letztes Jahr im Zuge der Berichterstattung über die künstlerischen Konzepte der Bewerberinnen noch mit Einstweiligen Verfügungen bedachte, nun von der Festspiele GmbH zur Verkaufshilfe gerufen wird, spricht das ebenfalls für sich. 

Der Mythos der auf viele Jahre ausverkauften („Wartezeit: Bis zu zehn Jahre“ – so das Hamburger Abendblatt noch vorgestern in einem sehr freundlichen Bericht über Katharina Wagners Reformeifer) und damit eigentlich kaum erreichbaren Richard-Wagner-Festspiele ist jedenfalls akut in Gefahr. Sollte er fallen, wäre es kein guter Einstand der nach jahrelangen Querelen mühsam ins Amt gebrachten, sich lange Zeit fremden Halbschwestern. 

Allerdings gilt auch hier: Inwieweit Nachfrage- und Sponsorenausfälle krisenbedingt und damit weitgehend unvermeidlich sind oder auf eigenen Fehlern der erst vor einigen Monaten (offiziell) ins Amt gekommenen Festspiel-Intendantinnen beruhen, ist von außen schwer zu beurteilen. Beobachter hatten allerdings bereits 2008 vor einer Banalisierung der Festspiele und deren Ausweitung zur allgemeinen Volksbespaßung mit Sonnenliege und Faßbier gewarnt.    

In das Bild vom Grünen Hügel in schwerem Wetter paßt, daß eine Wiederholung des erstmals 2008 angebotenen Public Viewing 2009 offenbar nicht zustandekommt. Sponsor war damals Siemens; eventuell hat auch dieses Unternehmen jetzt andere Probleme. Das Gleiche scheint zu gelten für den 2008 erstmals angebotenen Live Stream, der es ermöglichte, eine Bayreuther Aufführung live im Internet zu verfolgen – ein weiteres Prestigeprojekt von Katharina Wagner: Wiederholung 2009, so ist der Homepage der federführenden BF Medien GmbH zu entnehmen, nicht geplant. Beides hätte ja auch nur solange Sinn, wie die Kartennachfrage das Angebot deutlich übersteigt.

Stattfinden werden dagegen laut der ebenfalls zuständigen BF Medien GmbH, die von Katharina Wagners Medienberater Alexander Busche geleitet wird, in diesem Jahr zehn Vorstellungen „Richard Wagner für Kinder“. Und diese, so wird erklärt, seien umgehend vollständig ausgebucht gewesen. 

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Quelle: Jens Peter Paul in www.statement.de . Alle Rechte vorbehalten.

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