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Verräterische Verteidigungslinien

von Jens Peter Paul | 20. Mai 2009

Kurz vor der Bundesversammlung legen sich Zeitungen und Zeitschriften sowie ihre Internet-Derivate noch einmal mächtig ins Zeug mit Analysen, Prognosen und Was-wäre-wenn-Szenarien. Leider ist da erneut eine Menge Unsinn und handwerklich Mangelhaftes darunter. „Schwans Wahlchancen schwinden“ meldet etwa Spiegel online. Aha. Und warum? Weil der stellvertretende Bundesvorsitzende der Freien Wähler laut „Bild“ (!) verkündet habe, seine Truppe werde am Samstag geschlossen für den Amtsinhaber stimmen.

Uiii! Na so was! Ist ja ein Ding! Na, wenn  d e r  das gesagt hat, muß ja die Nummer zu Köhlers Gunsten gelaufen sein. Eigentlich können sich die 1224 Wahlfrauen und -männer die Reise nach Berlin jetzt ja sparen, oder?

Ganz kurz über den Sachverhalt sinniert, hätte Spiegel online allerdings auch folgender Gedanke kommen können:

a) Parteiischer als „Bild“ kann eine Quelle im vorliegenden Fall nicht sein.

b) Auch der tollste Freie-Wähler-Vizevorsitzende kann höchstens mehr oder weniger gut begründete Vermutungen über das Wahlverhalten seiner Leute am Samstag anstellen. Exakt bestimmen kann er es nicht, weil es sich – nuguggeda – um eine geheime Wahl handelt. Und bei einer solchen sind Abweichungen von vorgegebenen Linien eher die Regel als die Ausnahme, was auch in Hamburg bekannt ist.

c) Offenbar will der der Meldung zugrundeliegende Zitatengeber vorbauen für den Fall, daß es trotz besserer Ausgangslage für Köhler schiefgeht: Wir waren es in diesem Fall aber nicht, die Verräter sitzen dann in der Union! So sinngemäß die Fortsetzung der Äußerung.

Das aber wiederum könnte – ganz theoretisch nur, liebe Spiegel-online-Leute – auf eine gewisse Unsicherheit im Köhler-Lager schließen lassen. Vorsorgliche Schuldzuweisungen – so hat sich schon manche Wahlpleite von Favoriten angebahnt. Auch das ist in Hamburg bekannt.  

Wir sehen und staunen: Aus dieser „Bild“-Meldung eine Schwans-Wahlchancen-schwinden-Schlagzeile zu basteln, ist verwegen bis, mit Verlaub, dämlich. Die eigentliche Story – wenn es denn eine ist – würde untersuchen, was eigentlich im bürgerlichen Lager unmittelbar vor der Bundesversammlung los ist, wenn von Beteiligten heute schon solche Verteidigungslinien aufgebaut werden.

P.S.: Was sagen Sie? Der SPD-Abgeordnete Ernst Bahr sei ja jetzt auch sauer wegen Schwans Äußerungen zur Frage „DDR-Unrechtsstaat – ja oder nein?“ und deswegen sei die SPON-Überschrift doch korrekt?

Nö. Bahr hat nicht gesagt, nun werde er sie nicht wählen. Er werde ihr seine Sicht vielmehr „sehr deutlich machen“. Das klingt eher nach Gespräch als nach geheimer Verweigerung oder Köhler-Stimme. Die Meldung bleibt handwerklich schlecht und irreführend.            

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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