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Zum Egoismusbegriff

von Jens Peter Paul | 20. April 2009

In ihrem Auftritt vor der Bundespressekonferenz am 17. April erläuterte Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan, warum und inwiefern sie die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise im Kern für eine kulturelle Krise halte, die nicht nur, aber speziell im Bildungswesen nach einer grundsätzlichen Neuorientierung verlange. Dem ist zuzustimmen (vergleiche Stateblog vom 23. September 2008). Die Darlegungen der Politikwissenschaftlerin erinnerten mich an ein Referat, das ich vor gefühlten 50 Jahren für den (damals noch vorhandenen) Religionsunterricht als 19jähriger in der Oberprima bei Dr. Munzer in Neu-Isenburg geschrieben hatte, damit es für die Klasse auf spiritusgetränktem „Geha-U-42-S“-Papier (auch so eine untergegangene Technik) vervielfältigt werde.

In den Folgejahren waren die darin vertretenen Thesen sicherlich megaout, während manche Formulierungen aus heutiger Sicht dem einen banal erscheinen werden, dem anderen „irgendwie-links-christlich“ (wie einer meinte) oder ähnlich. Als Leitmotiv zur Lebensführung hat sich der Aufsatz (was ich damals natürlich nicht ahnte) jedoch bewährt, und selbst der eine oder andere (Ex-)Investmentbanker scheint ja neuerdings ein wenig nachdenklich zu sein im Hinblick auf seine vermeintlich egoistische Lebensphilosophie.

Deshalb gebe ich den Text hier unverändert wieder, auch wenn ich einige Stellen heute anders formulieren würde, etwa, weil ich gegen allerlei Konsumgüter wirklich nichts einzuwenden habe (die Flucht in den Konsum aber nach wie vor für krank halte).  Die flächendeckend völlig unkritische, unhinterfragte Verwendung des Begriffes „Egoismus“ verblüfft mich jedenfalls nach wie vor, und der SPD fällt unverändert nicht mehr ein, als dem ihr abgestandenes „Mehr Solidarität!!!“-Postulat entgegenzuschmettern, was nicht nur nach Verzicht klingt, sondern auch so gemeint ist. Völlig verkehrt. 

Eventuelle Zusammenhänge mit einer auch von der damaligen Hessen-SPD nach Kräften geförderten Verschärfung des schulischen Auslese- und Konkurrenzprinzips – Auflösung der Klassenverbände, Kurssystem, Vereinzelung – alles angeblich im Interesse der Selbstbestimmung, aber die Wirkung war exakt gegenteilig, und dafür möge die Kultusminister noch im Nachhinein der Blitz treffen – sind leider weder zufällig noch vermeidbar.  

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1.    Der Begriff „Egoismus“, wie er von uns verstanden wird, ist ideologisch. Er impliziert, daß es ein Verhalten gebe, welches nur dem Egoisten selbst nütze, während es anderen gleichzeitig schade. Weiterhin gibt er vor, man müsse von seinen eigenen Interessen Abstriche machen, wenn andere genauso zum Zuge kommen sollen.

Diese Begriffsdefinition trifft aber nur dann (auch nur scheinbar) zu, wenn man von dem kapitalistischen Denkmodell bzw. Menschenbild ausgeht, welchem die Behauptung „homo homini lupus (est)“ innewohnt.

Ist man dagegen überzeugt, daß der Mensch von Natur aus ein geselliges und soziales Wesen ist, welches nur in der Gemeinschaft mit anderen zusammen sein Glück finden kann, während das Gegenteil davon, das unbarmherzige Auslese- und Konkurrenzprinzip, krank macht, so erscheint der Begriff „Egoismus“ in einem ganz anderen Licht. 

2.    Ein im landläufigen Sinn egoistisch handelnder Mensch verstößt dann nämlich nicht nur gegen die Interessen anderer, sondern auch gegen seine eigenen, weil er gegen seine Mitmenschen nicht glücklich werden kann.

Als zwangsläufiger, weil bei uns üblicher Ausweg bleibt ihm dann nur die Flucht in Konsumgüter, welche ihm freilich die Befriedigung durch (nicht vom Leistungsdenken deformierte) zwischenmenschliche Beziehungen nicht zu ersetzen vermögen. Er kann konsumieren und konsumieren – er bleibt unbefriedigt und auch unglücklich zurück.

Daher meine These:

Es gibt letztendlich kein Verhalten, welches nur mir nützt und anderen schadet. Nützt es mir wirklich, so haben auch meine Mitmenschen einen Vorteil davon.

Es gibt keinen Egoismus, es gibt nur Dummheit.     

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Quelle: Jens Peter Paul in www.statement.de

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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