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Kochs antiintellektuelle Attacke auf das ZDF

von Jens Peter Paul | 20. März 2009

Roland Kochs Angriff auf den ZDF-Chefredakteur ist nicht nur seltsam aus Gründen, die in der Person Kochs liegen. Die Zeit nach der vergeigten Landtagswahl vom Januar 2008 hatte er genutzt, sich als lern- und veränderungsfähig, ja nachdenklich zu zeigen und zu behaupten, er habe verstanden. Irrtum: Sollte es Menschen gegeben haben, die ihm eine neue Chance geben wollten, so hat er diese – weit über den politisch-medialen Betrieb hinaus – in ihre alten Urteile und Vorurteile gründlicher denn je zurückgestoßen.

Wahrscheinlich ist es nicht übertrieben zu behaupten: Mit seiner ZDF-Nummer hat Roland Koch bei sehr vielen politisch interessierten Menschen, die auch nur einen Millimeter links von ihm stehen, endgültig verspielt. Diagnose: Krasser Fall von rückfällig noch während der Bewährungsfrist.

Die einen haben es schon immer gewußt, die anderen wissen es jetzt. Als ich sein Interview in der FAZ las, in dem er seine Intervention gegen Brender rechtfertigte und bestärkte, glaubte ich zunächst an eine Fälschung eines Böswilligen. Erst als Stunden später immer noch kein Dementi kam, wurde mir klar: Die sind nicht wie Frau Ypsilanti auf einen Stimmenimitator hineingefallen – der meint das alles ernst und setzt noch einen drauf.

Woher diese Ungläubigkeit? Gar: Diese meine Naivität? Ganz einfach: Kochs Attacke ist weder persönlich (siehe oben) noch machtstrategisch (er wird diesen Machtkampf verlieren) noch – und das ist das eigentlich verblüffende – intellektuell zu Ende gedacht. Nichts wäre gefährlicher für Vollblut-Politiker der Kategorie Koch (Frank Schirrmacher hat es in einem Nebensatz erwähnt) als eine Medienlandschaft, in der un-, ja antipolitische Figuren, also die Gegenmodelle zu Brender, das Sagen haben. Einer wie Brender mag sich mit Politikern anlegen, sie auch einmal in ihre Schranken weisen. Er tut dies, weil er die Politik und die Politiker (noch) ernst nimmt. Eine sublime Form der Respekterweisung.

Eine Medienlandschaft jedoch, in der Äußerlichkeiten alles, Substanz aber nichts zählt, hätte diesen Junge-Union-sozialisierten Menschen niemals hochkommen lassen, hätte ihm niemals zugehört, weil Intelligenz und Scharfsinn – über beides verfügt Koch reichlich – dann leider, leider nicht mehr gefragt, ja eher Ausschlußkriterien sind. Politiker und Journalisten sitzen – wenigstens in Deutschland – in einem Boot. Jeder Versuch der einen Seite, die andere zu diskreditieren, als generell korrupt, machtgeil, inkompetent etc. herabzusetzen, schadet auch der anderen. Eine antipolitische Gesellschaft braucht keine freie Presse, jedenfalls keine, die Geld kostet. Sie hat allerdings auch keine große Lebenserwartung mehr. 

Daß Roland Koch offenbar nicht begreift, daß noch der – aus seiner Sicht – linkeste (der Brender nicht ist), aber eben politisch denkende, der Aufklärung verpflichtete Journalist ihm lieber sein sollte als handzahme, pflegeleichte, rückgratlose, unpolitische Möchtegern-Redakteure, stellt für mich das eigentlich Verblüffende an diesem Vorgang dar (daß „Linke“ und „Aufklärung“ in der Praxis nur zu oft auch ein Widerspruch ist, sei unbestritten). Deshalb ist sein Verhalten unter seinem Niveau.

Der ehemals angeblich so linke Hessische Rundfunk hat nicht die absolute Mehrheit der Hessen-CDU 1999 verhindert, und der von ihm bei erstbester Gelegenheit installierte hr-Intendant Reitze (alsbald mit freundlich gesinntem Fernsehchefredakteur im Schlepptau) hat ihren 12-Prozent-Absturz neun Jahre später mit Um-ein-Haar-Machtverlust nicht aufgehalten. Die Medien können freundlich oder unfreundlich berichten, wie sie wollen – auf die Dauer zählt allein die politische Substanz einer Regierung, wird sie an ihren Taten gemessen. Hatte Koch sich nicht ehrlich erschüttert gezeigt über die Ablehnung seiner Schulpolitik bis tief in seine ureigenen Wählerschichten hinein? Hätte ihn – kleine harmlose Frage – eine in seinen Augen böse, linkere, aggressivere Berichterstattung und Kommentierung seines Haussenders früher zu einer Kurskorrektur veranlassen und ihm so diese denkwürdige Blamage ersparen können?   

Ich wage sogar die These: Ein Roland Koch hätte allein in einer hochpolitisierten Gesellschaft (die sie – unter anderem dank der von der Union installierten kommerziellen Sender – längst nicht mehr ist) eine Chance, Kanzler zu werden. Sie war es aber mal: 1957 (absolute Mehrheit für Adenauer), 1976 (48,6 Prozent für Helmut Kohl), 1980 (für heutige Verhältnisse mit 44,5 Prozent hervorragendes Ergebnis für CDU und CSU mit – jawohl – Franz Josef Strauss, der ebenfalls wie zuvor Kohl nur scheiterte, weil die FDP noch zu Schmidt hielt).    

Politiker wie Koch wären das erste Opfer einer auf Verflachung und Verblödung zielenden Berlusconisierung der Presse. „Ich verstehe ihn auch nicht“, sagte mir vor einigen Tagen ein altgedienter Liberaler, der ihn lange kennt, „Roland Koch ist zwar schlau, aber eben nicht klug.“ 

Ist das so? Sein Verhalten ist aber noch nicht einmal schlau. Oder meint er, auf diese Weise Angela Merkel über Bande einen konservativeren Chef des ZDF-Hauptstadtstudios (Hahne statt Frey) verschaffen zu können? Koch sollte die Kanzlerin längst gut genug kennen, um zu ahnen, daß sie selbst im Falle des Gelingens dieser Aktion kaum Gefühle der Dankbarkeit entwickeln, ihn gar belohnen würde. Und wenn etwas schief geht – danach sieht es hier aus – , ist Merkel die erste, die auf Distanz geht. Für Verlierer hatte sie noch nie ein Herz.

Auch aus dieser Perspektive läßt Roland Kochs Mission also keinen Sinn erkennen. Es bleibt ein Rätsel. 

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Quelle: Jens Peter Paul auf www.statement.de

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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