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Passau: Vor dem Desaster

von Jens Peter Paul | 8. Januar 2009

Ganz vorsichtig, quasi auf Zehenspitzen, nähern sich Behörden und Medien jener hier bereits erörterten Möglichkeit: Daß sich die Tat anders abgespielt hat als von Herrn Mannichl geschildert. Daß es womöglich keinen unbekannten, flüchtigen Messerstecher gibt.

Lieber gar kein Ermittlungsergebnis als dieses? Auf die Dauer wird das als Ausweg nicht funktionieren, auch wenn nicht viel Phantasie dazu gehört, sich vorzustellen, wie zwischen Sonderkommission, Landeskriminalamt und Innenministerium längst halblaut diskutiert wird, wie mit dieser beschissenen Lage um Gottes Willen umzugehen sei, ob man den Eklat vielleicht noch irgendwie abwenden könne.

Lieber kollektiv als Deppen dastehen als einen von ihnen, ihren wichtigsten im konkreten Fall, als Lügner zu entlarven – soll das die Alternative sein? Wenn die Verantwortlichen nicht aufpassen, wenn sie versuchen sollten, unangenehme Wahrheiten zu unterdrücken, blühte ihnen beides zugleich. 

Ich verzichte darauf, die Fülle der Widersprüche und offenen Fragen erneut aufzulisten, von denen es heute mehr gibt als vor drei Wochen. Nach menschlichem Ermessen kann es sich so, wie der Passauer Polizeidirektor ausgesagt hat, nicht abgespielt haben. Auch zu denkbaren Motiven will ich nicht erneut spekulieren. Nur soviel: Im Zuge einer vor geraumer Zeit von der bayerischen Staatsregierung beschlossenen Strukturreform soll die Polizeidirektion Passau zum 31. Mai 2009 aufgelöst und die (degradierte) Dienststelle jener in Straubing unterstellt werden.

Seit Tagen stelle ich mir vor, wie – im Fall des Falles – alle Welt über diesen Mann herfallen wird. Politiker, Vorgesetzte, auch und besonders Journalisten, alle natürlich bösartig ge- und enttäuscht. Eben noch ein Held, jetzt… Nur: Es wären dieselben Journalisten, die durch Vernachlässigung grundlegender professioneller Standards – am gravierendsten: Mangel an jeglicher Distanz – die tödliche Fallhöhe des Vorganges erst geschaffen und das Desaster damit ermöglicht haben.

Daß Politiker auf den Medien-Hype voll eingestiegen sind, war natürlich auch nicht schlau, aber der Ur-Fehler liegt meines Erachtens in der Mißachtung simpelster Regeln in deutschen Redaktionsstuben, die die Empörungs-Maschine angefeuert haben. Konjunktiv und indirekte Rede, Quellenangabe, Quellenkritik, Skepsis und spitze Finger immer und überall – die besten, verlässlichsten Freunde der Journalisten sterben einfach so weg. Man steht ja auf der richtigen Seite. Da sollte man es mit der Genauigkeit nicht übertreiben.

Sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten – tausendfach ist diese Mahnung von tt-Moderator Hanns-Joachim Friedrichs seit seinem Tod für und von Journalisten zitiert und wiederholt worden, alle nicken, immer, klar doch, aber sie im Alltag tatsächlich zu beherzigen scheint unendlich schwer zu sein.

Den Preis für dieses Versagen werden – im Fall des Falles – Medien und Politik gleichermaßen zu zahlen haben. In Gestalt eines weiteren Verlustes an Glaubwürdigkeit. Verfluchter, zerstörerischer, hirnloser Alarmismus.

Alte und junge Nazis frohlocken schon in ihren Foren („Ha, ein Super-Sebnitz!“). Sollte es sich tatsächlich um die Vortäuschung einer Straftat handeln und dieses demnächst auffliegen – sie könnten ihr Glück einer derartigen, unverhofften Niederlage ihrer Gegner kaum fassen. 

Es hätte nicht sein müssen. Wirklich nicht.       

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