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Merckles Opfer

von Jens Peter Paul | 8. Januar 2009

Diese Krise ist anders nicht nur wegen ihrer finanziellen Dimensionen, sondern auch und besonders wegen der Prominenz ihrer Opfer. Anders als gewohnt fallen ihr nicht zuerst die Normalbürgerinnen und -bürger zum Opfer, sondern die Wohlhabenden, Reichen und Superreichen, während es die übrige Bevölkerung erst mit Verzögerung, im Laufe dieses neuen Jahres nämlich, in Form von Arbeitslosigkeit oder Wohlstandseinbußen zu erwischen scheint.

Vor diesem Hintergrund ist der Entschluß des Unternehmers Adolf Merckle, sich unweit seines Hauses auf die Schienen zu legen, ein gesellschaftliches Fanal. Ein Zeichen, dessen tatsächliche Bedeutung uns erst in einiger Zeit klar werden wird. Ich glaube weniger an konkret zuzuordnende Nachahmer-Taten. Eher scheint mir, daß der 74jährige unbewußt und ungewollt mit seiner Selbsttötung etwas für den sozialen Frieden in Deutschland getan hat.

Deutlicher, als Merckle es tat, hätte niemand demonstrieren können, daß diese Krise eine allumfassende, quasi ultimativ demokratische, möglicherweise gar als halbwegs gerecht empfundene ist. Merckles Tod wird es vielen Menschen leichter machen, mit den Folgen der Rezession (Depression?) umzugehen und sie zu relativieren.

Das soll beileibe kein Lob der Selbsttötung als Lösung sein. Merckle hatte selbst in seiner – ihm deprimierend erscheinenden – Lage sicherlich immer noch eine Fülle von – geschäftlichen, vor allem aber auch privaten – Handlungsoptionen, von der ein(e) durchschnittliche(r) Bürger, Rentner, Alleinerziehende, Arme, Hartz-4-Empfänger, Kleinunternehmer nur träumen könnte. Daß er sich dennoch am Ende sah, zeigt, wie relativ unser Begriff von Reichtum ist.         

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