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Den Andreasgraben mit Beton ausgießen

von Jens Peter Paul | 7. Januar 2009

Die Europäische Währungsunion, vor zehn Jahren gestartet und seit sieben Jahren in Gestalt des Euro in aller Geldbörsen, gleicht dem Versuch, den Andreasgraben mit Beton auszugießen, um ein gigantisches Erdbeben zu verhindern. Eine Zeitlang mag dies funktionieren, aber dann werden die Erschütterungen um so heftiger ausfallen.

Als EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark, einer der Väter des Euro, vor einigen Tagen (sinngemäß) sagte, ohne die Währungsunion hätte die Weltfinanzkrise die europäischen Volkswirtschaften noch viel stärker gebeutelt in Form heftiger Wechselkursänderungen, war das (wahrscheinlich wissentlich) nur die halbe Wahrheit. Der Euro konnte und kann die Unterschiede in den Entwicklungen der Volkswirtschaften ja nicht wegzaubern. Er vermag sie allenfalls für eine gewisse Zeit zu kaschieren.

Daß Spanien, Italien, Griechenland bereits seit mehreren Wochen in ihrer Kreditwürdigkeit zurückfallen und höhere Zinsen für neue Schulden zu leisten haben, dürfte nur ein Vorzeichen sein bevorstehender Eruptionen. Zuletzt wird es auf eine der Kernfragen dieser Währungsunion hinauslaufen: Inwieweit sind stabilere Länder bereit, Schwächen anderer Euro-Teilnehmer durch Geld- (also Wohlstands-)Transfers auszugleichen? Speziell die deutsche Politik hat allen Anlaß, diese Frage zu scheuen wie der Teufel das Weihwasser, hatte man ein Transfer-Szenario doch in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts angesichts der Skepsis der Bevölkerung gegenüber der Europäischen Währungsunion hoch und heilig und unter allen Umständen ausgeschlossen. 

Mit einer Sponsoring-Bereitschaft ist es bereits innerhalb von Staaten in aller Regel nicht weit her. Das zeigen uns – unter anderen – Erfahrungen in Deutschland (Ost-West), Belgien (Wallonen-Flamen) oder Italien (Nord-Süd). Daß Deutsche oder Niederländer in Finanzkrisenzeiten (zusätzlich) bereit wären, für politisch-gesellschaftliches Unvermögen mit kompletter Reformverweigerung in Italien und Griechenland oder staatliche Allmachtsträume in Frankreich zu bezahlen, darf man getrost ausschließen.

Vielmehr zeigt gerade die Finanzkrise deutlicher als je zuvor die Unterschiede im jeweiligen Verständnis von Politik und Wirtschaft und in der Rolle des Geldes in jenen. Früher oder später wird uns der Euro um die Ohren fliegen. Bestenfalls bleibt eine Kern-Eurozone von vielleicht sechs (aktuell eher vier) Staaten übrig. Das ist die Folge der Tatsache, daß in den Regierungen, aber auch in den einzelnen Gesellschaften selbst nie wirklich verinnerlicht wurde, welche Voraussetzungen eine Währungsverschmelzung braucht, um dauerhaft zu funktionieren.

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Aktuelle Details: „Eurozone driftet auseinander“ – Artikel von Wolfgang Proissl aus Brüssel in der FTD von heute über eine vertrauliche Studie von Volkswirten der EU-Kommission für die EU-Finanzminister. Grundsätzlicher: „Eine gemeinsame Währung für Europa – 12 Lehren aus der Geschichte“ – Theresia Theurl mit einer empirischen Studie über Erfolgsvoraussetzungen europäischer Währungsunionen (Innsbruck 1992).           

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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