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Kein Wettstreit und kein Spaß

von Jens Peter Paul | 18. Dezember 2008

Morgen wird der Bundesrat das neue EU-Prüfverfahren für kindersichere Feuerzeuge durchwinken. Ohne ein entsprechendes Zertifikat dürfen Hersteller oder Importeure Feuerzeuge nicht mehr in den Handel bringen. Bei der Lektüre der entsprechenden EU-Vorschrift dachten wir zuerst an einen mittelmäßigen Scherz. Großer Irrtum: Bis zum Beweis des Gegenteils müssen wir davon ausgehen, daß wir nicht etwa einem Komiker aufgesessen, sondern diese Vorgaben absolut ernst gemeint sind. Das kann nur heißen: Entweder konnte hier der EU-Entbürokratisierungsbeauftragte Edmund Stoiber noch nicht eingreifen – oder er hat alles nur noch schlimmer gemacht. Im folgenden einige Originalzitate aus dem uns vorliegenden, 26seitigen Dokument:

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Kindergesicherte Feuerzeuge

5. Prüfverfahren

5.1   Verfahren der Prüfung

Das Verfahren der Prüfung muss entweder das anschließend in Abschnitt 5.2 bis 5.9 angegebene oder das in der US-Sicherheitsnorm für Verbraucherprodukte, Feuerzeuge, veröffentlicht in 16 CFR, Kapitel II, Teil 1210 „Sicherheitsnorm für Feuerzeuge“ vom 12. Juli 1993, festgelegte Verfahren sein.

5.2   Kinderprüfgruppe

5.2.1   Bei der Prüfung, ob ein Feuerzeug gegen eine erfolgreiche Betätigung durch Kinder sicher ist, wird eine Prüfgruppe eingesetzt, um ein Ersatzfeuerzeug zu prüfen das das Produktionsfeuerzeug darstellen soll.

Von einem Elternteil oder einem Erziehungsberechtigten muss nach entsprechender Kenntnisnahme eine schriftliche Zustimmung eingeholt werden, bevor ein Kind an der Prüfung teilnimmt.

5.2.2   Die Prüfung ist mit mindestens einer, aber nicht mehr als zwei Kinderprüfgruppen nach den Festlegungen in 5.7 durchzuführen.

5.2.3   Die Kinder der Prüfgruppe müssen innerhalb des geographischen Gebiets des CEN ansässig sein.

5.2.4   Die Alters- und Geschlechtsverteilung jeder Prüfgruppe von 100 Kindern muss folgende sein:

a) (30 ± 2) Kinder [( 20 ± 1) Jungen und (10 ± 1) Mädchen] im Alter zwischen 42 und 44 Monaten;

b) (40 ± 2) Kinder [( 26 ± 1) Jungen und (104± 1) Mädchen] im Alter zwischen 45 und 48 Monaten;

c) (30 ± 2) Kinder [( 20 ± 1) Jungen und (10 ± 1) Mädchen] im Alter zwischen 49 und 51 Monaten;

ANMERKUNG        Zur Berechnung des Alters eines Kindes in Monaten wird

          das Geburtsdatum des Kindes vom Prüfdatum subtrahiert, z.B.

                                                    Tag                      Monat                    Jahr

   Prüfdatum                                   3                          8                           94

– Geburtsdatum                          -23                        -6                          -90

= Differenz                                 -20                         2                             4

– die Differenz in Jahren mit 12 Monaten multipliziert, z. B. 4 Jahre x  12 Monate = 48 Monate;

– die Differenz in Monaten addiert, z. B. 48 Monate + 2 Monate = 50 Monate;

– falls die Differenz in Tagen folgende Größe beträgt:

– größer als 15 (z. B. 16, 17) wird 1 Monat addiert;

– kleiner als -15 (z. B. -16, -17) wird 1 Monat subtrahiert, z.B.: 50 Monate – 1 Monat = 49 Monate;

– zwischen -15 und 15 (z. B. -15, -14….14, 15) wird kein Monat addiert oder subtrahiert

5.2.5   Für die Teilnahme darf kein Kind ausgewählt werden, das eine ständige oder vorübergehende Krankheit, Verletzung oder Behinderung aufweist, die seine Fähigkeit, das Ersatzfeuerzeug zu betätigen, beeinträchtigt.

5.2.6   An der Prüfung der Ersatzfeuerzeuge müssen zwei Kinder gleichzeitig teilnehmen. Falls erforderlich, dürfen zusätzliche Kinder eingesetzt werden, deren Ergebnisse in der Prüfung nicht gezählt werden, um den geforderten Partner für die Prüfpersonen sicherzustellen, wenn die zusätzlichen Kinder dem geforderten Altersbereich angehören und ein Elternteil oder anderer gesetzlicher Erziehungsberechtigter jedes dieser Kinder nach entsprechender Kenntnisnahme ein Zustimmungsformular unterschrieben hat.

5.2.7   Kein Kind darf an mehr als einer Prüfgruppe teilnehmen oder mehr als ein Ersatzfeuerzeug prüfen. Kein Kind darf am gleichen Tag an beiden Prüfungen teilnehmen, Kindersicherungsprüfung und Prüfung des Ersatzfeuerzeuges.

5.3   Prüforte, Prüfumgebung und Prüfungsleiter

5.3.1   Prüforte

Innerhalb des geographischen Gebietes der CEN sind Ersatzfeuerzeuge zu prüfen:

a)   an 5 oder mehr Prüforten für jede Prüfgruppe von 100 Kindern, wenn Prüfort die regulären Kindergärten oder Tagesbetreuungszentren der teilnehmenden Kinder sind. An jedem Prüfort dürfen nicht mehr als 20 Kinder teilnehmen; oder

b)   an einer zentralen Prüfstelle oder mehreren unter der Voraussetzung, dass die teilnehmenden Kinder aus unterschiedlichen Wohnorten innerhalb des geographischen Gebietes der CEN zusammengeführt werden.

5.3.2     Prüfumgebung

Die Prüfung von Ersatzfeuerzeugen ist durchzuführen:

a)   in einem den Kindern der Prüfgruppe vertrauten Raum (zum Beispiel ein Raum, in dem sich die Kinder in ihrem regulären Kindergarten oder Tagesbetreuungszentrum aufhalten);

b)   in einem Raum einer zentralen Prüfstelle, der den Kindern ungewohnt sein kann. In diesem Fall muss der Prüfungsleiter den Kindern mindestens 5 Minuten Zeit geben, um sich vor Beginn der Prüfung an die neue Umgebung zu gewöhnen.

Der Bereich, in dem die Prüfung durchgeführt wird, muss gut beleuchtet und ablenkungsfrei sein.

Den Kindern ist bei der Arbeit mit ihren Ersatzfeuerzeugen Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, solange der Prüfungsleiter beide Kinder gleichzeitig beobachten kann.

An der Prüfung von Ersatzfeuerzeugen nehmen zwei Kinder gleichzeitig teil.

Die Kinder müssen an einem Tisch dem Prüfungsleiter gegenüber auf ihren Stühlen etwa 15 cm voneinander entfernt nebeneinander sitzen. Der Tisch muss eine Normalhöhe für die Kinder aufweisen, so dass sie mit den Beinen unter dem Tisch sitzen können und dass ihre Arme auf der Tischplatte in einer bequemen Höhe sind. Die Stühle der Kinder müssen der Kindergröße angepasst sein.

5.3.3     Prüfungsleiter

Jeder Prüfungsleiter muss mindestens 18 Jahre alt sein und die Hauptsprache des Gebietes, in dem die Prüfungen durchgeführt werden, fließend sprechen.

Für jede Prüfgruppe von 100 Kindern sind fünf oder sechs Prüfungsleiter einzusetzen. Jeder Prüfungsleiter muss eine etwa gleiche Anzahl von Kindern aus einer Prüfgruppe von 100 Kindern prüfen: [(20 ± 2) Kinder bei 5 Prüfungsleitern und (17 ± 2) Kinder bei 6 Prüfungsleitern].

Wenn eine Prüfung mit fünf Prüfungsleitern begonnen wird und ein Prüfungsleiter ausfällt, darf ein sechster Prüfungsleiter eingesetzt werden, um die Prüfung abzuschließen. Wenn eine Prüfung mit sechs Prüfungsleitern begonnen wird und einer ausfällt, ist die Prüfung mit den verbliebenen fünf Prüfungsleitern abzuschließen. Wenn ein Prüfungsleiter ausfällt, gilt die Anforderung für jeden Prüfer, eine etwa gleiche Anzahl von Kindern zu prüfen, nicht für diesen Prüfungsleiter. Wenn die Prüfung mit fünf Prüfungsleitern begonnen wird, darf kein Prüfungsleiter mehr als 19 Kinder prüfen, bis es sicher ist, dass die Prüfung mit fünf Prüfungsleitern abgeschlossen werden kann.

5.4        Ersatzfeuerzeuge

5.4.1   Für jede Prüfgruppe von 100 Kindern sind sechs Ersatzfeuerzeuge zu verwenden.

Die sechs Feuerzeuge müssen für den Bereich der Kräfte repräsentativ sein, der für die Betätigung von zum Gebrauch bestimmten Feuerzeugen erforderlich ist. Alle Ersatzfeuerzeuge müssen von gleicher Farbe sein. Die Ersatzfeuerzeuge müssen mit fortlaufenden Zahlen, beginnend mit eins, gekennzeichnet sein.

Für die gesamte Prüfgruppe von 100 Kindern sind die gleichen sechs Ersatzfeuerzeuge zu verwenden. Die Ersatzfeuerzeuge dürfen in mehr als einer Prüfgruppe von 100 Kindern verwendet werden.

Zu Beginn der Prüfung durch die Kinderprüfgruppen müssen die Ersatzfeuerzeuge unbeschädigt sein.

Die Ersatzfeuerzeuge dürfen nicht extremer Hitze oder Kälte ausgesetzt werden. Die Ersatzfeuerzeuge müssen bei Raumtemperatur geprüft werden. Kein Ersatzfeuerzeug darf unbeaufsichtigt bleiben.

5.4.2   Jedes Ersatzfeuerzeug muss durch eine ungefähr gleiche Anzahl von Kindern geprüft werden, bei einer Prüfgruppe von 100 Kindern durch (17 ± 2) Kinder.

Wenn ein Ersatzfeuerzeug während der Prüfung durch die Gruppe dauerhaft beschädigt wird, ist die Prüfung mit den verbleibenden Ersatzfeuerzeugen fortzusetzen. Unter diesen Umständen gilt die Anforderung, dass jedes Feuerzeug durch eine ungefähr gleiche Anzahl von Kindern geprüft wird, für dieses Feuerzeug nicht.

5.4.3   Vor Beginn der Prüfung durch jede Prüfgruppe von 100 Kindern muss jedes Ersatzfeuerzeug daraufhin untersucht werden, dass es in einem verkehrsüblichen für die Benutzung vorgesehenen Feuerzeug in Aussehen, Größe, Gestalt und Gewicht nahe kommt.

5.4.4   Vor und nach der Prüfung durch jede Prüfgruppe von 100 Kindern sind für alle Toleranzwerte der Betätigung der Ersatzfeuerzeuge, die sich auf die Kindersicherheit auswirken können, Kraftmessungen vorzunehmen, um zu überprüfen, ob sie innerhalb der begründeten Toleranzwerte der Betätigung bei einem verkehrsüblichen für die Benutzung vorgesehenen Feuerzeug liegen.

5.4.5   Vor und nach der Prüfung des Ersatzfeuerzeuges durch jedes Kind ist jedes Ersatzfeuerzeug ohne Anwesenheit irgendeines an der Prüfung teilnehmenden Kindes daraufhin zu überprüfen, dass das Feuerzeug ein Signal abgibt. Falls das Ersatzfeuerzeug vor der Prüfung kein Signal abgibt, ist es vor der Verwendung in der Prüfung zu reparieren. Falls das Ersatzfeuerzeug bei Betätigung nach der Prüfung kein Signal abgibt, sind die Ergebnisse der vorangegangenen Prüfung mit diesem Feuerzeug zu verwerfen. Das Feuerzeug ist zu reparieren und mit einem anderen  für die Prüfung zugelassenen Kind (als einem von einem Kinderpaar) zu prüfen, um die Prüfgruppe zu vervollständigen.

5.5   Ermutigung der Kinder

5.5.1   Die während der Prüfungen verwendete Sprache muss die Hauptsprache des Gebietes sein, in dem die Prüfungen durchgeführt werden.

5.5.2   Vor der Prüfung muss der Prüfungsleiter in normalem und freundlichem Ton mit den Kindern sprechen, damit sie sich wohlfühlen und er ihr Vertrauen gewinnt.

5.5.3   Der Prüfungsleiter muss den Kindern mitteilen, dass er (bzw. sie) ihre Hilfe für eine besondere Aufgabe benötigt. Den Kindern darf keine Belohnung irgendwelcher Art für die Teilnahme versprochen werden, und es darf ihnen nicht gesagt werden, dass es ein Spiel, ein Wettstreit oder ein Spaß ist.

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 Weitere Informationen zum Thema siehe z. B. http://www.kindersicherheit.de/html/archiv06_13.html

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