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Passau: Erst wissen, dann glauben

von Jens Peter Paul | 17. Dezember 2008

Nichts elektrisiert die öffentliche Debatte mehr als ein angebliches oder tatsächliches Attentat mit rechtsradikalem Hintergrund. Vier Tage nach dem Vorfall von Passau läuft die politische Auseinandersetzung über Sinn,  Zweck und Chancen eines NPD-Verbotverfahrens – losgelöst vom eigentlichen Anlaß – wieder auf Hochtouren. Eine dürftige Agenturmeldung, zwei junge Leute seien (vorläufig) festgenommen worden, genügt dem heute-journal des ZDF als Anlaß für eine atemlose Schalte (als Aufmacher der Sendung) zu einem ahnungslosen Reporter, der nicht mehr melden kann als eben jene vorläufige Festnahme. Wer – was – warum – wo – alles offen. Medien und Politik hyperventilieren sich mal wieder gegenseitig mit der Folge, daß der Sauerstoffgehalt, sprich: die Substanz der Äußerungen, ständig sinkt.

Hallo? Wie wäre es zwischendurch mit einer halben Stunde nachdenken? Wäre es nicht gescheit, erst einmal herauszufinden, was sich tatsächlich am Samstag in der Tür jenes Reihenhaus des Polizeibeamten abgespielt hat, bevor man über Konsequenzen spricht? Und zwar mittels neutraler, ergebnisoffener, handwerklich einwandfreier Ermittlungen?

Bisher ist das Bild der Ereignisse ja noch ein sehr lückenhaftes und nicht eben plausibles.

Ein Rechtsradikaler denkt sich: Schau ich doch mal bei diesem Herrn Polizeichef vorbei und bestelle ihm schöne Grüße vom nationalen Widerstand. Gerade, als er klingeln will, entdeckt er ein Messer (Polizeichefs, gerade jene, die wissen, daß sie ganz persönlich bedroht sind, lassen der Einfachheit halber gerne mal – alter bayerischer Brauch – eine potentielle Mordwaffe gut sichtbar Tag und Nacht vor dem Haus herumliegen), schnappt es sich – und rammt es seinem ahnungsloser Opfer spontan in die Brust, als jenes die Tür öffnet. Fingerabdrücke hinterläßt der Täter aber nicht, denn er trägt Handschuhe. Aha. Daß er eine Mordwaffe zur Verfügung hatte, war Zufall, daß er Handschuhe zwecks Spurenvermeidung trug, aber nicht.

Liebe Leute, richtig schlüssig klingen diese Fragmente im Moment noch nicht. Okay – es war kalt – denkbare Erklärung für die Handschuhe. Erschien dem Täter das zufällig entdeckte Messer geeigneter für seinen Anschlagsplan als jene Waffe, die er eventuell von vornherein mit sich führte? Nicht ausgeschlossen, aber auch nicht wirklich wahrscheinlich. Gibt es Zeugen, die die Angaben des Opfers stimmig bestätigen? Möglicherweise, aber erwähnt wurden sie von den Behörden bislang nur in schwammigen Andeutungen.

Die Integrität des Opfers soll mit diesen Sätzen nicht im geringsten in Frage gestellt werden. Im Moment spricht kein zwingendes Indiz gegen seine Schilderung. Als altgedienter Kriminaler weiß Mannichl aber auch, daß bei jedem Kapitalverbrechen routinemäßig auch Familienangehörige, Freunde, Verwandte, Nachbarn vernommen werden, werden müssen. So bitter es etwa für eine Frau sein mag, deren Mann vor einigen Stunden zum Opfer wurde: Auch sie muß sich von der Krimininalpolizei Fragen gefallen lassen, die sie nicht als schön oder passend empfinden wird, schon gar nicht in dieser schrecklichen Situation. Doch bevor die Ermittler an irgendwelche Täter-Thesen glauben können, müssen sie erst einmal Wissen sammeln – und Möglichkeiten einkreisen beziehungsweise ausschließen.

Ähnliches empfiehlt sich für die Medien. Aber so viel Zeit ist heute leider nicht mehr. Ferndiagnosen und Schnellschüsse sind angesagt, die tägliche Weiterdrehe. Eilig wird die Telefonliste sogenannter Experten abgearbeitet, die man schnell live schalten kann, auch wenn die Fehlerquote dadurch unvertretbar steigt bei gleichzeitigem Verfall von Glaubwürdigkeit. 

„Glaubst Du also tatsächlich, der schwerverletzte Polizeichef erzählt Märchen?“, mag man mich jetzt empört fragen. Meine Antwort: Ich glaube gar nichts. Ich bin Journalist und versuche, unsere Regeln ernst zu nehmen. Ich bin von Beruf Skeptiker und Zweifler. Je klarer alles auf den ersten Blick zu sein scheint, je einfacher die Rollenverteilung gut – böse, desto skeptischer sollte ich werden. Ich sehe eine Reihe offener Fragen.

Ich weiß aus eigener Anschauung, daß es längst nicht nur in Ostdeutschland rechtsradikale Menschenverachter gibt, die möglicherweise auch vor einem Mord an einem Polizeibeamten nicht mehr zurückschrecken. Ich ahne, daß es höchste Zeit ist, in diese Brut mit aller Kraft, zu der der Rechtsstaat fähig ist, hineinzuschlagen. Ich lese, daß Alois Mannichl von seinen Vorgesetzten und Dienstherren alleingelassen wurde, sich auf eigene Kosten mit Rechten juristisch herumschlagen mußte.

Ich weiß aber auch, daß auch Polizisten Menschen sind, die Streit haben können mit Partnern, Kindern, Nachbarn, und daß Streit außer Kontrolle geraten kann. Ich höre, daß es Menschen gibt, die in ihrer Seelennot Erklärungen erfinden, die sie für weniger peinlich halten als die tatsächlichen, ja als geradezu ehrenhaft, oder die auf sonderbare Weise auf sich und ihre Lage, ihr Dilemma aufmerksam machen wollen.

Alles schon gehabt. Gerade in jüngster Zeit. Erst das angebliche Neonazi-Verbrechen, dann die Preisverleihung für Zivilcourage, einige Monate später die Verurteilung wegen Vortäuschung einer Straftat. Zurück bleiben viele Blamierte, auch solche bester Motive und guten Willens.

Kühler Kopf statt Hysterie. Detailarbeit statt Schnellschuß. Das wäre meine Bitte. Übrigens auch im Interesse des schwerverletzten Opfers, den der allgegenwärige Alarmismus auf eine auch für ihn zusätzlich gefährliche Fallhöhe schießt. Kühler Kopf heißt ja nicht Verharmlosung, Untätigkeit, Ignoranz gegenüber rechtsradikalen Umtrieben und Verbrechen. Aber so viel Zeit und Geduld, erst einmal die Fakten festzustellen, sollte sein. Besonders hier, bei diesem Thema.  

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