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Elke Heidenreich, Heldin des Konjunktivs

von Jens Peter Paul | 13. Oktober 2008

„…und hätte ich…“ … „Ich hätte über…“ … „Ich wäre in diesem Moment…“ … „Hätte ich zu diesem Zeitpunkt…“ Elke Heidenreich ist die Heldin des Konjunktiv irrealis. Was sie um ein Haar alles getan, gesagt und gedacht hätte am Samstag bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises – mutig, mutig!

In der Realität beschränkte sich ihr tapferer Widerstand gegen grassierende Doofheit im deutschen Fernsehen („arm, verblödet, kulturlos“) und der für selbige verantwortlichen Intendanten (denen sie so gut wie alles zu verdanken hat, was sie heute ist oder zu sein glaubt) allerdings auf absichtliches Eine-Stunde-zu-spät-kommen (dafür gibt es bekanntlich sechs Monate Stasi-Haft in Hohenschönhausen wegen medienfeindlicher Hetze) mit einhergehendem Verzicht auf einen Platz in Reihe 4, wo sie – soviel steht fest – unangenehmer Weise ununterbrochen im Visier der Kameras gewesen wäre, giert das Publikum erfahrungsgemäß doch nach nichts anderem, als in ihrem Gesicht die jeweils aktuelle Reaktion auf das Bühnengeschehen zu lesen. Ja, das glaubt sie tatsächlich.

Eigentlich hätte sie – selbstredend- ja gar nicht dahingehen wollen zu dieser „armseligen, grottendummen Veranstaltung“ (Heidenreich), aber in Köln am Samstagabend zu fehlen – das konnte sie Marcel Reich-Ranicki natürlich nicht antun, so dringend, wie er seit gefühlten 30 Jahren auf sie und ihren Beistand angewiesen ist. Hätte er nicht stundenlang falschherum, also nach vorne blickend, sitzen müssen und wäre er nebenbei nicht altersbedingt ein wenig kurzsichtig – der alte Herr hätte sicherlich ununterbrochen versucht, sie irgendwo in der Dunkelheit der hinteren Ränge zu entdecken, stets in der Hoffnung auf ein aufmunterndes, ihn vom plötzlich-trotzigen Ableben aus lauter Verdruß abhaltendes Zeichen von ihr. 

Soweit die Zusammenfassung ihrer Philippika heute im FAZ-Feuilleton. Kein gütiger Redakteur bewahrte sie an jenem Sonntag, als der Aufmacher ins Blatt gehoben wurde, vor dieser blamablen Orgie der Selbstgerechtigkeit. Sicher sind vier Fünftel der (auch) von Frau Heidenreich vorgebrachten Kritik an Gala und Gottschalk berechtigt. Aber nichts, wirklich nichts am Ablauf dieser Veranstaltung war überraschend; ähnlich und schlechter ist es schon hundertmal über die Bildschirme gegangen. Und auch beim hunderteinsten Male hätte (!) kein Hahn und keine Henne danach gekräht, hätten (!) die Veranstalter nicht diesmal zwei unentschuldbare Fehler begangen: 1. Herrn Reich-Ranicki zu lange warten zu lassen 2. Frau  Heidenreich nicht mit der Laudatio zu betrauen. „Es wäre etwas sehr Eisiges daraus geworden, verlasst euch drauf.“ Boah! Zitter! Bibber! Echt, ja? Vorehrfurchtaufdiekniesink. 

Wäre. Wurde aber nicht. Gerade noch einmal Glück gehabt. Wir. Sie nicht. Selten einen billigeren Entrüstungstext gelesen. War das am Ende Absicht der FAZ? Sie bloßzustellen? Oder wurde sie Opfer einer Intrige und kann beweisen, daß der heute abgedruckte Text gar nicht von ihr stammt, sondern von einem Heidenreich-Hasser? Seltsam dann allerdings, daß der Redaktion offenbar keinerlei Zweifel an der Urheberschaft kamen. 

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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