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Mit Meinungsfreiheit wäre das nicht passiert

von Jens Peter Paul | 23. September 2008

Jeder kennt sie, jene Kolleginnen und Kollegen, die nicht jede Schnapsidee des Chefs, jede tolle geniale Innovation des Vorstands unterstützen wollen und können, weil sie sie leider für dummes Zeug und nicht zu Ende gedacht, gar für eine hirnrissige Kundenvergraulungsaktion halten. Das aber nicht nur zuhause der verständnisvollen Ehefrau zu sagen, sondern offen in Sitzungen, der Moden folgenden Haus-Linie zu widersprechen – das ist Sache nur von ganz wenigen. Die ernten dann oft zwar die (stille) Bewunderung der anderen, die sich das nicht trauen, aber in diese Bewunderung mischt sich gern auch ein wenig Mitleid. Weil die schweigende Mehrheit ahnt: Eine große Zukunft wird der bzw. die hier nicht mehr haben. Aufmucken gilt als gefährlich. Stimmt auch in den meisten Fällen (in eher seltenen anderen Fällen werden die Kritiker zum Chef; oft braucht es dazu aber erst eine handfeste Krise).

Doch diese unsere Welt hat einen ganz eigenen Sinn für Ironie: Nicht aufmucken ist auf längere Sicht noch viel gefährlicher. Dafür muß man noch nicht einmal Adolf Hitler und die 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges bemühen. Auch im kleineren Maßstab gilt: Wenn jeder Scheiß widerstandslos umgesetzt wird, wenn nicht einmal offenkundige Irrtümer als solche bezeichnet werden dürfen, geht irgendwann der ganze Laden (hallo DDR!) den Bach hinunter. Die scheinbar allgegenwärtige Erfahrung, der Sozialismus, der Kapitalismus, die Gesellschaft, ja die Welt ingesamt fördere das Duckmäusertum, denn nur jene machten Karriere, die brav den Vorgesetzten nach dem Mund redeten, stimmt nur vorläufig und bei oberflächlicher Betrachtung. 

Beispiel Kreditinstitute allgemein: Warum reißen sich alle um die Postbank? Weil sie gegen den jahrelangen Trend, gegen die (unzutreffenden) Empfehlungen teurer Beratungsfirmen ihre Privatkunden zwar nicht gerade verwöhnt, aber – anders als die (ehemals) großen Drei – eben auch nicht verscheucht haben. Beispiel Kreditkrise speziell: Wetten, daß die allermeisten Frauen und Männer in den Investmentbanken wußten oder zumindest ahnten, daß ihr Geschäftsmodell auf Sand gebaut ist und nicht mehr lange funktionieren wird? Und wie viele werden ihre Zweifel offen im Büro geäußert, gar Änderungen verlangt haben? Selbst in großen Häusern sind ihre Namen meist an einer Hand abzuzählen. Seit einem Jahr nun haben wir die Situation, daß sich die Banken gegenseitig nicht mehr trauen und deshalb kein Geld mehr leihen. Der Kern dieses Mißtrauens liegt darin, daß sie sich selbst nicht mehr trauen und nun von sich auf die anderen schließen. Es ist ein Symptom von Selbsthaß.

Krassestes aktuelles Beispiel: Milchkrise in China. Die miese Panscherei ruiniert gerade innerhalb von wenigen Tagen das Ansehen von ganz China und dürfte – weit über die konkreten Opfer hinaus – einen Milliardenschaden verursachen. Tja, liebe Chinesen: Mit Meinungsfreiheit wäre das nicht passiert. Ohne die Details und Interna dieses Falles zu kennen, wage ich die Behauptung: Hätten fünf oder zehn Leute in der Fabrikation „Nein“ gesagt zur Aufforderung, Melanin in die Milch zu rühren, hätten zwei oder drei Funktionäre der lokalen Behörden „Nein“ gesagt zur Aufforderung, den Vorgang zu verschweigen – die Katastrophe hätte dieses Ausmaß nicht annehmen können. Wie so oft, wird auch in diesem Fall die Rekonstruktion der Abläufe Staunen machen, wie viele Menschen schon lange vor der Öffentlichkeit wußten, daß da in ihrem Verantwortungsbereich etwas sehr gründlich schief läuft und nicht mehr lange gut gehen wird. Aber sie haben halt nichts gesagt. Schon gar nicht „Nein“.

Wir sehen: Dauerhaft erfolgreich können Organisationen, große und kleine, nur sein, wenn sie über eine Mindestausstattung an selbstbewußten und kritischen Geistern verfügen, die sich die Freiheit nehmen, Blödsinn – in wohlverstandener Loayalität zum Haus – auch als „Blödsinn“ zu bezeichnen und notfalls aufstehen, wenn  2+2=5 sein sollen, etwa weil die Unternehmensberatung XYZ das gerade für viel Geld als geniale Innovationsstrategie entdeckt hat. 

Wo der Unterschied liegt zwischen kritischem Geist und nervendem Dauerbedenkenträger – das erörtern wir ein anderes Mal.            

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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