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Dollar-Crash wird die USA völlig verändern

von Jens Peter Paul | 16. September 2008

Wenn nicht alles täuscht, dann bricht in diesen Tagen mit weiten Teilen des US-Finanzsystems zugleich ein Lebensstil, ja eine politische Ideologie zusammen: Die Ideologie eines Lebens auf Pump ohne Rücksicht auf Ressourcen, Substanz und Interessen der Gegenstände und Partner, mit denen man es zu tun hat. Die jüngste Erholung des Dollarkurses ist vor diesem Hintergrund unbegründet und kann nicht von Dauer sein. Es droht den Amerikanern im Gegenteil eine weltweite, panikartige Flucht aus dem Dollar. Sie blieb bisher aus, weil die Besitzer von Dollar-Schuldverschreibungen die Nachteile eines Ausstiegs für gewichtiger hielten als die Vorteile. Irgendwann heißt es aber in solchen Fällen stets: Ende der Rationalität – rette sich, wer kann.  Der Vorgang wird den USA den Teppich unter den Füßen wegziehen und sie zu einer kompletten Neuordnung von Werten und Verhaltensweisen zwingen bei gleichzeitigem Ende ihrer auf Waffengewalt basierenden Außenpolitik. Wenn weltweit auch nur jeder vierte Stützpunkt der US-Army übrigbleibt, dann ist das viel. Allumfassende Militärpräsenz wird auch für sie nicht mehr bezahlbar sein. 

Je nach Lernfähigkeit (das alte Europa wäre hier nicht das schlechteste Vorbild) und Verhalten der Staatengemeinschaft (eine Art mentaler Marshallplan in Gegenrichtung?) wird die Krise zehn, 20 oder 30 Jahre dauern, aber sie wird kommen – und letztlich ist der bevorstehende dramatische Wertewandel in ihrem ureigenen Interesse (und dem des Restes der Welt), auch wenn sie durch ein tiefes Tal werden gehen müssen.

Wohin man auch schaut bisher in den USA: Von Nachhaltigkeit keine Spur. Nicht in der Energie- und Klimapolitik, nicht in der Bildungspolitik, nicht in der Außenpolitik (die Produktion von Feinden der USA läuft – in Afghanistan seit einem Jahr mit freundlicher Unterstützung der Bundeswehr – unverändert auf Hochtouren), nicht (wie im Moment augenfällig) in der Finanz- und Wirtschaftspolitik, nicht in der Gesundheitspolitik (Fettleibigkeit als Normalzustand), nicht in der Industriepolitik (US-Autos sind im Ausland und nun auch zuhause mit gutem Grund unverkäuflich).

Ein anderes Symptom: Die öffentliche Infrastruktur der USA (Straßen, Brücken, Stromversorgung, Wasser- und Abwassersysteme, öffentliche Verkehrsmittel, Gesundheitswesen) ist verkommen, weil ihre Instandhaltung seit je her politisch nicht als sexy gilt; der Investitionsstau geht nach Expertenmeinung in die Billionen. Die USA leben, als gäbe es kein Morgen, und wenn dieser Morgen dann regelmäßig wider Erwarten doch kommt, sollen die anderen für die Folgen ihres Handelns geradestehen, etwa durch den Erwerb von US-Staatsanleihen, die im Moment noch (aber nicht mehr lange) den American Way of Live on Pump ermöglichen. Erstaunlich, daß sich nicht längst massiver Widerstand formiert hat gegen die Verursacher der Finanzmarktkrise, die nun auch andere Volkswirtschaften mit in den Abgrund zu reißen droht. 

Möglicherweise wird das Land einige Jahre lang zum Slum des Westens mit Elend und Armut im Millionenmaßstab. Hinterher wird die Welt anders aussehen. Nach der Verstaatlichung der großen Immobilienfinanzierungsgaranten Freddie Mac und Fanny May, die nichts anderes ist als der Erwerb eines riesigen Haufens weitgehend wertlosen Schrotts durch die Steuerzahler, sind die Staatsfinanzen endgültig ruiniert. Möglicherweise genügt nun ein weiterer, vergleichsweise kleiner Fehler der Akteure, um das Signal zur Massenflucht der Finanziers zu liefern. Was 100mal (oberflächlich) gut gegangen ist, kann beim 101. Mal das Kartenhaus zum Einsturz bringen. Ahnt dies US-Finanzminister Paulson und überließ die Investmentbank Lehman deswegen ihrem Schicksal?  

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