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Was nun, Richard-Wagner-Stiftungsrat?

von Jens Peter Paul | 26. August 2008

„Joker“, „Trumpf-As“, „genialer Coup“ – mancher Entzückensschrei des deutschen Feuilletons angesichts des jüngsten Schachzugs von Nike Wagner wirkt übertrieben. Soweit bekannt, besteht die Gemeinschaftsbewerbung der Wieland-Tochter mit Gérard Mortier bislang lediglich aus einem DIN-A-4-Fax an den Vorsitzenden des Stiftungsrates Toni Schmid und dem Hinweis, ihr bekanntes Konzept habe Bestand; neu sei, daß ihm Mortier, Eva ersetzend, beitrete. Das ist zu wenig, um das Gremium am kommenden Montag tatsächlich so zu beeindrucken, wie es sich die 63jährige erhofft und wie es zur Erzeugung einer echten Konkurrenzsituation notwendig ist.

Auch die beiden dem Vernehmen nach noch unschlüssigen Familienvertreter im Stiftungsrat Verena Lafferentz-Wagner und Neill Thornborrow (für die Friedelind-Linie) werden mit einem simplen Anschreiben schwerlich zu beeindrucken sein. Mindestens einen von beiden braucht Nike jedoch, um ein Votum der Wagner-Abkömmlinge (Einsendeschluß: 31. August) zugunsten von Katharina zu verhindern, was jener gemäß der Satzung eine Vorzugsbehandlung gegenüber allen Konkurrenzbewerbungen garantieren würde.

Somit fehlt eine plausible Erläuterung Mortiers, wie er sich ein Engagement in Bayreuth parallel zu seinen bevorstehenden Verpflichtungen in New York vorstellt. Es fehlen Darlegungen des Nicht-Wagner-Experten Mortier, wie er Richard Wagner neu zu interpretieren gedenkt. Es fehlt eine Erläuterung der geplanten Aufgabenteilung. Et cetera. Nike Wagner und Mortier werden sich die Mühe machen müssen, ein Papier zu erstellen, das schon formell mit jenem von Eva und Katharina mithalten kann. Allein auf einen großen Namen zu vertrauen wäre zu wenig und böte dem Stiftungsrat die Möglichkeit, die Schlußoffensive als „nicht wirklich ernstgemeint“ ad acta zu legen, was ihm allerlei Ärger mit Wolfgang Wagner, seiner jüngsten Tochter und (vor allem) deren in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlichen Beratern und Anwälten ersparen würde. 

Unterstellt, Nike bekäme bis Sonntag noch eine nicht zu übergehende Bewerbung zustande – wie sollte sich der 24köpfige Stiftungsrat dann verhalten? Sein Dilemma ist offenkundig. Zwar heißt es in einem Brief vom 28. April 2008, der Wolfgang Wagners Unterschrift trägt: „Hiermit erkläre ich, dass ich die Leitung der Festspiele bis spätestens zum 31. August 2008 niederlegen werde.“ Alle Welt weiß aber auch, daß sich der Senior zu diesem Schritt erst bereit erklärte, nachdem ihm der Stiftungsrat in langwierigen Gesprächen hinter verschlossenen Türen versprochen hatte, Katharina und Eva zu neuen Chefinnen zu küren. Wagner-Anwalt Stefan Müller könnte entsprechende Aktenvermerke notfalls aus dem Tresor holen. 

Die Gefahr eines Rücktrittes vom Rücktritt steht also im Raum. Und ob die Ankündigung eines Rücktrittes innerhalb einer gewissen Frist gleichbedeutend ist mit dem Rücktrittsakt selbst – darüber zu streiten fühlen sich Katharinas Juristen gewappnet. Die Heiterkeit des Stiftungsrates in der Sitzung nach dem 29. April ob der Unbedingtheit des Verzichtsaktes könnte sich im Nachhinein als naiv herausstellen.

Gefragt ist also eine Lösung, die für die wesentlichen Beteiligten gesichtswahrend wirkt bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Interessen der Festspiele, der Stadt Bayreuth, deren Prosperität existentiell von jenen abhängt, der Öffentlichkeit und der Politik.

In der Sache, unter Kompetenzgesichtspunkten bei gleichzeitiger Sicherung der dynastischen Kontinuität, bliebe eine Tandem-Lösung aus Nike und Eva Wagner-Pasquier erste Wahl. Nur ist sie 2001 schon einmal an Wolfgang Wagners Veto gescheitert. De jure befindet sich der 88jährige allerdings – nach seiner Rücktrittsankündigung – in einer nicht mehr ganz so starken Position. Vor die Wahl gestellt, daß sein Lieblingskind Katharina, das sich in den vergangenen Monaten hinreichend als intellektuell nicht reif für die von ihr angestrebte Position bewiesen hat, komplett außen vor bleibt, wäre herausfinden, ob folgender Kompromiß tragfähig wäre:

Eva und Nike bilden das Intendantinnen-Duo; ihnen zugeordnet Christian Thielemann und Gérard Mortier als musikalische und künstlerische Direktoren. Katharina erhielte den Status einer stellvertretenden Intendantin, zuständig für Medien, Öffentlichkeitsarbeit und Volksbespaßung per Public Viewing und Internet und ausgestattet mit der Option, bei Bewährung nach fünf Jahren aufzusteigen zur gleichberechtigten Chefin.

Diese Konstruktion berücksichtigte, daß Katharina als Geschäftsführerin und Regisseurin – auf sich allein gestellt – erwiesener Maßen (noch) überfordert ist, während Mortier Bayreuth nicht als Fulltime-Herausforderung erkennt und eigentlich in New York unter Vertrag steht. Andererseits wäre es unklug, auf seine Kreativität mit diesem formalen Argument zu verzichten. Und wenn Nike die Größe hat, Eva den Frontenwechsel vom April – fort von ihr, hin zu Katharina – zu verzeihen, sollte Katharina ihrerseits fraus genug sein, sich mit Nike zu arrangieren, gehört der 30jährigen doch die Zukunft. Daß sie weiß, wie solche innerfamiliären Friedensschlüsse nach 30jährigem Krieg eingefädelt werden, hat sie Weihnachten 2007 gegenüber Eva bewiesen. Evas Bruder Gottfried ist bereits – zu seiner grenzenlosen Verwunderung – als nächstes Kuschelobjekt auserkoren.

Die Berater, die Katharina, das aus dem überraschenden Tod ihrer Mutter Gudrun resultierende Vakuum nutzend, seit Dezember um sich geschart hat, zählten zu den Verlierern dieser Lösung. Sie würden bereits sicher geglaubte Felle in Form einträglicher Positionen an der neuen Spitze der Festspiele im letzten Moment noch davonschwimmen sehen. Über ihren Widerstand, gekleidet in die Vertretung angeblicher Interessen des Seniors, sollte sich der Stiftungsrat eingedenk seiner Verantwortung gegenüber Öffentlichkeit (und Steuerzahlern) hinwegsetzen (zumal auch Nike juristische Munition sammelt für den Fall ihres erneuten Scheiterns). Letztlich wäre das auch in Katharinas Interesse. Oder glaubt jemand, sie hätte mit dieser Tiefflieger-Performance eine Chance auf Verlängerung ihres Sieben-Jahres-Intendantinnen-Vertrages, den sie sich im Moment noch vom Verwaltungsrat der Stiftung erhofft? 

Topics: Kultur und Politik | Keine Kommentare »

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